Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Donnerstag, 21. Oktober 2021, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 20.09.2021, Seite 16 / Sport
Tischeishockey

Die Welt ist eine Scheibe

In Schweden belächelt, in Osteuropa schwer angesagt: Wissenswertes über Tischeishockey
Von Gabriel Kuhn
imago0009003888h Kopie.jpg
Liebhaber sprechen von »Schach mit 100 Stundenkilometern«

Aufwendige Hygienekonzepte sorgten auch während der Coronapandemie für Fußballspiele, Tennisturniere, Skirennen und andere Events, auf die ein Millionenpublikum vor dem Fernsehschirm wartet. Viele Sportarten mit weniger kommerzieller Zugkraft mussten ihre Aktivitäten mehr oder weniger vollständig einstellen. Zu ihnen zählt das Tischeishockey. Weil Teilnehmer eines Tischeishockeyturniers eng beieinanderstehen und im Laufe eines Tages gegen eine Reihe von Gegnern antreten müssen, waren die Turniere unter den Auflagen der lokalen Gesundheitsbehörden lange nicht durchführbar. Im August 2021 gelang es dem estnischen Verband jedoch, die jedes zweite Jahr stattfindenden Weltmeisterschaften wie geplant abzuhalten. Nun steht auch die Wiederaufnahme der lange eingestellten »World Table Hockey Tour« in Aussicht.

Das Spiel ist dem bekannteren Tischfußball ähnlich. Ein Unterschied ist, dass das Tischeishockey untrennbar mit einem Unternehmen verknüpft ist, das die einzig anerkannten Turnierspiele produziert: dem Sportprodukthersteller Stiga aus Schweden. Gleichwohl hat Stiga das Tischeishockey nicht erfunden. Von 1939 bis 1957 hatte das Stockholmer Unternehmen Aristospel ein Monopol auf die Produktion. Stiga entwickelte sich rasch zum Marktführer, nachdem das Monopol gefallen war. Die schwedische Eishockeylegende Sven Tumba half, Stigas Version zu bewerben. Aristospel ging 1972 in Konkurs.

Beim Tischeishockey bewegt der Spieler alle sechs Figuren seines Teams mit einem Stab vor und zurück entlang fester Linien (der Torwart bewegt sich seitlich). Die Stäbe lassen sich zur Kontrolle des Pucks – und für die alles entscheidenden Finten – auch drehen. Bei offiziellen Wettkämpfen dauert ein Match fünf Minuten. Es handelt sich wie beim richtigen Eishockey um ein schnelles Spiel. Doch auch die Taktik spielt aufgrund des eingeschränkten Bewegungsraums der Figuren eine wichtige Rolle. Liebhaber sprechen von »Schach mit 100 Stundenkilometern«.

Zum Sport wurde der Zeitvertreib in den 1980er Jahren. Der erste nationale Verband war, wenig überraschend, der schwedische. Er wurde 1987 gegründet. Bereits 1989 kam es zu den ersten Weltmeisterschaften, an denen Spieler aus sieben Ländern teilnahmen. Es folgte ein Boom. Bald gab es mehr als 20 nationale Verbände, darunter den 1995 gegründeten deutschen. 1999 fand die WM in Wilhelmshaven statt, einer der ersten Hochburgen des Sports im Lande.

Bis 2007 kamen alle Weltmeister aus Schweden. Doch dann verschoben sich die Kräfteverhältnisse. Osteuropäische Länder, allen voran Russland, Lettland und die Ukraine, entdeckten das Tischeishockey für sich. Bei nationalen Turnieren wurde um Preisgeld gespielt, völliges Neuland für den Sport. Die Auswirkungen ließen nicht lange auf sich warten. Heute dominieren die osteuropäischen Länder die Weltrangliste. An der Spitze steht der 22jährige Denis Matweew aus Russland. Der beste Schwede, der gleichaltrige Oscar Henriksson, kommt nur noch auf Platz 24. Der 20jährige Linus Restel vom in Hagen beheimateten Verein Kältestarre 83 ist mit Rang 102 bester Deutscher. Die beste Frau, die Estin Maria Saveljeva, wird auf Rang 41 geführt.

Olle Eriksson war jahrelang einer der besten Spieler Schwedens. Er hatte als Vierjähriger mit dem Tischeishockey begonnen. Lehrer war sein Vater. Eriksson wurde ein ausgezeichneter Freizeitspieler, der nach eigenen Angaben kaum ein Spiel verloren hatte, bis er 29 Jahre alt war. Dann entdeckte er durch Zufall, dass der mehrfache WM-Medaillengewinner Truls Månsson bei ihm um die Ecke wohnte. Månsson lud ihn zu einem Match ein – und Eriksson lernte eine neue Dimension des Spiels kennen. Sein Ehrgeiz war geweckt, er schloss sich Månssons Verein, den Björkhagen Rangers, an. Innerhalb weniger Jahre schaffte er es in die Top Ten des Landes. 2013 wurde er für die WM nominiert, musste jedoch absagen. Das Turnier fiel auf den vierten Geburtstag seiner Tochter. Heute spielt Eriksson nicht mehr auf höchstem Niveau. »Es ist zu zeitaufwendig«, erklärt er im Interview mit jW. »Wenn du mit den Besten mithalten willst, musst du nicht nur mehrere Stunden täglich trainieren, sondern auch zu internationalen Turnieren reisen.«

Der einzige materielle Verdienst in Erikssons Karriere waren die Stiga-Spiele, die sich einige Jahre lang in seinem Wohnzimmer stapelten. Die Firma stellt den besten Spielern das Spielgerät zur Verfügung. Drei bis vier Spiele pro Jahr mussten bei Eriksson angesichts all des Trainings dran glauben. Ein Spiel kostet um die 70 Euro. »So sparte man wenigstens ein bisschen was.« Zur Wachablöse Mitte der 2000er-Jahre befragt, meint er: »Die Kulturen sind nicht zu vergleichen. In Schweden wird Tischeishockey nach wie vor belächelt. In Osteuropa werden Turniere von Sportministern eröffnet.«

»Die Welt ist halt doch eine Scheibe – und wir sind ihr Zentrum«, heißt es auf puckonline.de, der Website des Deutschen Tischeishockeyverbandes. Im Oktober steigt der Schwarzwald-Cup in Lahr, im November der Sauerland-Cup in Hagen.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Mehr aus: Sport