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Aus: Ausgabe vom 20.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

»Papa, es hängt wieder«

Sein »Peter im Tierpark« wurde zur Ikone des Aufbruchs: Dem Maler Harald Hakenbeck zum 95. Geburtstag
Von Günter Meier
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In der Erinnerung vieler ehemaliger DDR-Bürger bis heute lebendig: »Peter im Tierpark« (1960, Öl auf Leinwand, 66 × 46 cm)

Vor 60 Jahren entschied sich der Maler Harald Hakenbeck, seinen Sohn Peter beim Besuch des nahegelegenen Ostberliner Tierparks zu malen. Er wusste sofort, dass ihm da etwas Besonderes gelungen war, und es wurde beschlossen: Das Bild bleibt in der Familie, als Erinnerung an schwere Nachkriegszeiten. Der Tierpark war der Hintergrund, eine heile Welt in Berlin, im Osten des geteilten Deutschlands. Der Maler hatte das Kind in eine aussichtsreiche friedliche Welt gestellt.

In jenen Jahren malte Hakenbeck viele Kinder und Jugendliche. Er sah in dieser Generation die Industriedirektoren und Forscher der kommenden 1980er Jahre. Das sahen auch Kritiker und Kuratoren so und entliehen das Bild »Peter im Tierpark« von den Eltern für eine Tour durch öffentliche Kunstausstellungen landesweit. 1962 wurde es in der »V. Deutschen Kunstausstellung« in Dresden ausgestellt. Was die Jury und die Ausstellungsmacher nicht erwartet hatten: »Peter im Tierpark« wurde Publikumsliebling der Ausstellungsbesucher und eine Ikone der DDR-Malerei dieser Jahre. Das Edelstahlwerk Freital verlieh dem Maler noch während der Ausstellung spontan einen Kunstpreis. Es folgten der »Kunstpreis der DDR« (1964) und weitere ehrenvolle Beteiligungen an Sonderausstellungen im In- und Ausland. Der Seemann-Verlag reproduzierte das Bild im Auftrag der Nationalen Volksarmee, es wurde in den Stuben der Kasernen aufgehängt – als Peter, der des Heimatschutzes bedarf, als Bruder oder Sohn daheim. Schulfibeln enthielten eine Abbildung von Peter, womit eine ganze Generation den Maßstab für »Kunst der DDR« vermittelt bekam. Schließlich gab das Postministerium eine Sonderbriefmarke heraus, was für weltweite Verbreitung sorgte. Seine Künstlerkollegen neideten Hakenbeck soviel Öffentlichkeit für ein Bild – allerdings ohne hintergründige Gehässigkeit gegenüber dem geschätzten Kollegen.

Bekenntnis zur DDR

Derart viel Aufmerksamkeit für ein Bild des Sozialistischen Realismus aus der DDR blieb den westlichen Medien nicht verborgen und wurde im Sinne der westlichen Ideologie der grenzenlosen Freiheit und Autonomie der Kunst arg glossiert, in einigen Fällen regelrecht als Unkunst, als Kitsch und Propagandamalerei geschmäht. Die Welt mutmaßte, dass der Maler zu dieser Bildversion gezwungen worden sei, am 17.8.2016 hieß es dort: »Hakenbeck hatte gerade das stalinistische Formalismustribunal mit einer Selbstbezichtigung und dem Bekenntnis zum sozialistischem Realismus überstanden.« Dieses Tribunal hat es nie gegeben. Als der Ministerpräsident Willi Stoph auf Empfehlung des damaligen Kulturministers das Kinderbild von Hakenbeck Walter Ulbricht zum 70. Geburtstag als Geschenk der Regierung überreichte, gab es im Westen kein Halten mehr. Radio BBC teilte mit, dass Walter Ulbricht soeben einen »kleinen Stalin« geschenkt bekommen habe.

Als die DDR 1990 an die BRD »angeschlossen« (H.-D. Genscher) wurde und in vielen DDR-Museen westliche Kader die bisherigen Direktoren verdrängten, als Kunstwerke aus der DDR als »Auftragskunst« und »Staatskunst« in den Schmutz gezogen wurden (»DDR-Kunst ist Scheiße«, »DDR-Kunst ist keine Kunst«), zeigte man Hakenbecks »Peter im Tierpark« vorerst nicht mehr öffentlich. Mehr noch: Das gesamte Œuvre des Malers verschwand –soweit von Museen erworben – in den Depots; genannt seien hier das Porträt »Anne Frank« (1961), das große Triptychon »Den Kindern Algeriens« (1962) und viele seiner überhaupt sehr schätzenswerten Bildnisse von Kindern, Jugendlichen oder Landschaften. Gerade sie bestätigen, dass der Maler die DDR mit ihren sozialen Lebensgrundlagen als Alternative zur BRD ernsthaft unterstützte. In der Jugend der DDR sah er das Zukunftspotential für Wohlstand und Frieden. Schließlich lehnte der als »Maler mit Staatsnähe« Geschmähte es nach 1990 ab, sich an offiziellen und staatlich geförderten Ausstellungen zu beteiligen, und kam so einer Strafaktion der Ausstellungsmacher gegen ihn zuvor.

Erneute Popularität

Doch in der Erinnerung vieler ehemaliger DDR-Bürger blieb das Bild »Peter im Tierpark« lebendig. In den letzten Jahren musste es, wie einige andere große Werke der DDR-Kunst, auf Druck vieler Ausstellungsbesucher museal rehabilitiert werden. Nach der »Wende« erhielt der Maler Bittschreiben um Autogramme auf Postkarten, Fibeln und Kunstreproduktionen. Der Maler Jürgen Weber zeigte in einer Ausstellung in Ludwigslust eine Kopie von »Peter im Tierpark«, weil er meinte, dass ohne dieses Bild Ausstellungen von DDR-Kunstwerken fragmentarisch blieben. Der Schriftsteller Ingo Schulze lässt seine Hauptfigur Peter Holz in dem Roman »Peter Holz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst« (2017) auf Hakenbecks Bild treffen, just als er in ein Heim für elternlose Kinder gerät und nun angesichts des Bildes Hoffnung schöpft. Der ostdeutsche Pop-Art-Künstler Moritz Götze gestaltete eine ganze Grafikserie mit Peter im Vordergrund, der Hintergrund wird zur Resterampe der entwichenen DDR (Wortfetzen von politischen DDR-Losungen, stinkende Mülldeponien, entlaubte Wälder). Götzes Botschaft: Peter überlebt die DDR, aber vor einem Trümmerhaufen »Made in GDR«. Hakenbeck amüsierte dieses Geschenk zum 90. Geburtstag gar nicht, denn aus seiner Sicht entfremdete Götze die Figur »Peter im Tierpark« ihrer friedvollen Umgebung. Real war dieser Grafikzyklus nichts weiter als ein Abstieg in die Amüsierkunst, seriell produziert in einer Kunstfaktorei.

Sohn Peter Hakenbeck hat sich unlängst in der Dresdener Gemäldegalerie mit seiner lebhaften Enkeltochter vor dem Original ablichten lassen und seinem Vater damit wohl eine hoffnungsvolle Nachricht übermittelt. »Papa, wir haben gewonnen, es hängt wieder.«

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