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Aus: Ausgabe vom 20.09.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Profitmaximierung auf See

Frachter ohne Besatzung

US-Gewerkschaft stemmt sich gegen Einsatz »autonomer« Seehandelsschiffe
Von Burkhard Ilschner
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Profitabel? US-Reeder wollen Seeleute und Hafenarbeiter durch Automaten ersetzen

Handelsschiffe ohne Seeleute, die an Bord versorgt und verpflegt sowie fürs Arbeiten auch noch bezahlt werden müssen: Vielleicht träumen davon manche Reeder. Falls ja, dürfen sie hoffen – derart »autonome«, das heißt digital ferngesteuerte Frachter, die ohne Besatzungen von Hafen zu Hafen fahren und Fracht ohne menschliche Arbeitskraft laden oder löschen, sind keine Utopie mehr. Aber in Nordamerika regt sich derzeit Widerstand, damit das nicht die Zukunft der Seefahrt wird.

Die International Longshoremen’s Association (ILA) – 125 Jahre alt und nach eigenen Angaben die größte maritime Gewerkschaft Nordamerikas, aktiv vor allem in den Ostküstenhäfen der USA und Kanadas – verkündete jüngst, ihre Mitglieder würden auch künftig keine autonomen Containerschiffe be- oder entladen. 2018 hatte die ILA mit der United States Maritime Alliance (USMX) ein Abkommen ausgehandelt, das Automatisierung in den Häfen blockiert. Dafür hatte die ILA zugesichert, die Produktivität dieser Häfen über dem Niveau zu halten, das automatisierte Anlagen leisten könnten. Das Abkommen gilt noch bis 2024. Während die ILA, von vorübergehenden coronabedingten Einbrüchen abgesehen, ihr Versprechen gehalten hat, zeichnen sich seitens der Reeder Bestrebungen ab, erste autonome Schiffe testhalber die Häfen anlaufen zu lassen.

ILA-Präsident Harold Daggett zeigte sich in einer Pressemitteilung verärgert: Seeleute und Hafenarbeiter auf der ganzen Welt seien bedroht von Automatisierungsplänen gieriger Unternehmen, die nur am Geldverdienen interessiert sind, dabei seien die Erfolge der Firmen doch maßgeblich den Arbeitern mitzuverdanken. Wer autonome Schiffe entwickle und baue, plane auch deren automatisiertes Laden und Löschen ohne Arbeiter. Daggett: »Das wird unter meiner Präsidentschaft nicht passieren.«

Er forderte andere Schiffahrtsgewerkschaften auf, sich der ILA-Position anzuschließen – das richtet sich vor allem an die International Longshore and Warehouse Union (ILWU), die in den Westküstenhäfen der USA und Kanadas verankert ist. Zudem betonte er die Hoffnung, auch internationale Unterstützung für eine breite Kampagne gegen den Abbau von Bordarbeitsplätzen durch autonome Schiffahrt zu finden. »Die ILA wird tun, was sie tun muss, um die Arbeitsplätze der Seeleute auf der ganzen Welt zu retten.« Das richtet sich vor allem an den Internationalen Rat der Hafenarbeiter (International Dockworkers Council – IDC) sowie an die mit dem IDC eng kooperierende, aber über die Schiffahrt hinaus breiter aufgestellte Internationale Transportarbeiterföderation (International Transport Workers’ Federation – ITF). Eine Stellungnahme der in Deutschland durch Verdi vertretenen ITF zu dem ILA-Vorschlag liegt bislang nicht vor.

Seit Jahren mehren sich die Bestrebungen, autonome Schiffahrt voranzutreiben. Schon 2017 hatte die 30. Generalversammlung der zur UNO gehörenden International Maritime Organization (IMO) das Thema »Schiffahrt ohne Menschen« erörtert. Weltweit arbeiten Unternehmen intensiv an autonomen Schiffen sowie an satellitengestützten Steuerungs- und Überwachungstechniken. Auch hierzulande sind bereits Forschungsprogramme – etwa über »Möglichkeiten, Voraussetzungen und Potentiale der unbemannten Schiffahrt« beim Hamburger Fraunhofer-Center für Maritime Logistik und Dienstleistungen – mit Steuermillionen gefördert worden.

Aktuelles Beispiel: Ende dieses Monats will laut einer Meldung des maritimen Infoportals Hansa die deutsche Niederlassung des US-Unternehmens Sea Machines Robotics einen autonom fahrenden Schlepper auf eine Testreise rund um Dänemark schicken – von Hamburg durch den Nord-Ostsee-Kanal via Kopenhagen, Skagen und Esbjerg zurück nach Hamburg. Unter digitaler Steuerung und Aufsicht durch in den USA sitzende Kommandanten wird diese Tour medial ausdrücklich als Werbung für diese neue Technik inszeniert – und damit für weitgehenden Ersatz menschlicher Arbeitskraft.

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