75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 7. Dezember 2021, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 20.09.2021, Seite 6 / Ausland
Klima und Politik

»Extrem verletzlich«

Mittelmeerstaaten sorgen sich um Klimawandel. Kritik an Türkei. Scharfe Reaktion aus Ankara
Von Hansgeorg Hermann, Chania
6 Kopie.jpg
»Fatale Hitzewellen und Dürren«: Warten auf Evakuierung vor Bränden auf der griechischen Insel Evia (8.8.2021)

Portugal und die acht EU-Mittelmeerstaaten haben am Freitag nachmittag in einer gemeinsamen Erklärung eine beschleunigte Umsetzung der 2015 im internationalen Pariser Abkommen beschlossenen Maßnahmen zum Schutz des Planeten gefordert. In der auf dem sogenannten Eumed-9-Gipfeltreffen in Athen formulierten Stellungnahme heißt es, der Mittelmeerraum sei mit fortschreitendem Klimawandel »extrem verletzlich« geworden. Scharfe Kritik an dem Text kam am Wochenende aus der Türkei. Ein Sprecher des Außenministeriums in Ankara verlangte von den Unterzeichnern, ihre »einseitige Haltung« im Streit mit den griechischen Nachbarn um die Erdöl- und Gasvorkommen in der Ägäis sowie in der Flüchtlingspolitik aufzugeben.

Zu dem Treffen waren Staats- und Regierungschefs aus neun Ländern angereist, unter ihnen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der italienische Ministerpräsident Mario Draghi und dessen spanischer Amtskollege Pedro Sánchez. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kam später hinzu. Die harsche Reaktion der Türkei auf das eher harmlos verfasste Abschlusspapier hatte am Freitag vor allem der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis provoziert. Offenbar im Einvernehmen mit seinen nach Athen gekommenen Kollegen hatte er von der Regierung in Ankara verlangt, ihre »gegen Griechenland und Zypern gerichteten illegalen Aktionen« einzustellen. Nach den in der östlichen Ägäis georteten Bodenschätzen greifen Griechen, Türken und Zyprioten sowie vor allem ein von Mitsotakis und Macron unterstütztes Konsortium der Energiekonzerne Exxon, Total und Hellenic Petroleum.

Beschwichtigend heißt es in der gemeinsamen Erklärung: »Ein friedliches, stabiles, sicheres und prosperierendes Mittelmeer« habe »in der Strategie der Europäischen Union Priorität«. Eine Formulierung, die auch auf das zweite, besonders dringliche Thema der Athener Konferenz hinweist: Mitsotakis und seine rechte Regierung, in der auch ehemalige Führer faschistischer Bewegungen sitzen, fürchten neue Flüchtlinge aus dem Osten. Diesmal vor allem aus Afghanistan, wo die Angst vor einem Terrorregime der Taliban angeblich dazu führen könnte, dass Tausende Menschen in Richtung EU fliehen. Die übereinstimmende Meinung der Regierungschefs sei in jeder Hinsicht »klar«: Eine »Wiederholung des unkontrollierten Flüchtlingsstroms« über die türkisch-griechische Grenze werde es »nicht mehr geben«.

Der türkischen Regierung riet Mitsotakis, »die Migration, die wegen der Entwicklung in Afghanistan eine besondere Dimension gewonnen hat, nicht politisch zu instrumentalisieren«. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Griechen und der EU in der Vergangenheit regelmäßig gedroht, die Grenzen für die Flüchtlinge aus Syrien und aus Afghanistan zu öffnen, und sich sein »Wohlverhalten« mit Milliarden Euro aus den Kassen der EU bezahlen lassen.

In ihrer Existenz bedroht sind insbesondere die Anrainer des Mittelmeers allerdings nicht von den Menschen aus dem Mittleren und Nahen Osten, die vor Krieg, Bomben und nun auch den Taliban nach Westen flüchten, sondern vom globalen Klimawechsel. Im zu Ende gehenden Sommer hatte vor allem die griechische Landbevölkerung mit fatalen Brandkatastrophen zu kämpfen, die auf der großen Insel Euböa und auf dem Peloponnes mehr als hunderttausend Hektar Wald und Ackerland vernichteten. Die Feuerwehren des Landes hatten bisweilen, über alle Landesteile verteilt, mehr als 20 Großfeuer gleichzeitig zu löschen. Für den Winter erwarten Experten nun Hochwasserereignisse – überschwemmte Dörfer und Städte, weil die kargen Böden ohne Bäume keinen Starkregen mehr auffangen könnten.

Mit der »völligen Neuordnung« des Zivilschutzes wollten die Regierungen der von den glühenden sommerlichen Hitzewellen dieses Jahres betroffenen Länder von »Reaktion« auf »Prävention« umschalten, hieß es am Freitag in Athen. In den kommenden Jahren seien im Mittelmeerraum »fatale Hitzewellen und Dürren, schwerste Regenfälle, Überschwemmungen und Waldbrände« ungeahnten Ausmaßes zu erwarten, heißt es in der Eumed-Erklärung.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland