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Aus: Ausgabe vom 18.09.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Alf

Von Ken Merten
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»Im Treppenhaus stehen noch immer die gleichen Umzugskartons. Alf vergisst hungrig zu sein, bleibt stehen und will reingucken. Aber der Deckel lässt ihn nicht ...«

In memoriam:

Gisela Elsner (1937–1992)

Ronald M. Schernikau (1960–1991)

Alf ist am schönsten direkt nach einmal Ausschlafen. Schade ist, dass ihn dann höchstens Gisela sieht und sagt: »Alf, du siehst am schönsten aus, direkt nach einmal Ausschlafen!« Und Alf sagt dann: »Danke, ich geb mir Mühe.«

Seit zehn, elf, zwölf Jahren ist Gisela grundsätzlich traurig. Zum Nachrechnen: es ist 2001. Wenn Alf nicht wär, hätte Gisela wahrscheinlich schon vor einer Weile was Ungesundes gemacht, Tabletten gegessen oder mit dem Föhn gebadet.

Alf weiß davon, und manchmal fragt er sich, ob er denn jemals wird ausziehen können. Aber müssen wird er irgendwann.

»Dem Frühstück fehlt was«, sagt Alf, lacht und weiß schon warum.

»Die Kochfelder gehen mal wieder nicht. Sei froh, dass Eier im Wasserkocher auch werden. Aber halt kein guter Espresso. Am Ende komm ich doch noch auf die Idee, so eine Maschine für fürchterliche Kannenplörre zu kaufen.«

»Macht nichts«, sagt Alf. »Dann halt unterwegs. Kuss!«

Im Treppenhaus merkt Alf, dass wer einzieht. Obi-Kisten stehn da, aber niemand, der sie schleppt. Alf ist auch spät dran und kann nicht länger Neugier haben.

Alf auf seinem Rad – das ist eine MIG-29 ohne Knall beim Durchradeln der Schallmauer. Wenn er sein Haar dabei offen trägt, dann zeigt es waagrecht nach hinten. Alf hat keine Muskeln, das gibt ihm den Vorteil, sie nicht transportieren zu müssen. Und er hört Alcazar dabei und singt mit, wenn er in voller Fahrt ist und nicht etwa an einer Ampel steht.

Alf ist auf dem Weg zur Kundgebung vom Bündnis, wo seine Ortsgruppe mit drin ist. Also die vom Jugendverband, nicht der Partei. Weil sonst würde Gisela jetzt neben ihm fahren und Alf würde nicht Discman hören, sondern sie würden beide das Jalava-Lied singen. Auch an den roten Ampeln.

Die Aktion heute hat was mit Genua zu tun. Weil dort wer bei den Protesten gegen G8 von der Polizei totgefahren worden ist. Das ist fast zwei Monate her. Aber Anfang der Woche sind neue Beweise aufgetaucht, ein Video.

»Zu lange her, zu weit weg. Das kriegen die Leute hier nicht zu greifen. Grade wurde doch eine Klinik in der Neustadt verscherbelt, die nur deshalb überhaupt da ist, weil mal DDR hier war. Das greifen sie«, hatte Alf beim Bündnistreffen argumentiert und wurde überstimmt.

Jetzt hat er den Klapptisch aus dem Keller auf dem Gepäckträger und ist sich sicher, dass er als erster vor Ort sein wird. Er und die Hauptamtlichen der Gewerkschaftsjugendlichen, von denen der eine immer so guckt, als würde der was von Alf wollen. Nur hat der Ehefrau und zwei junge Basenji-Hunde, für die er ständig Futter kaufen soll.

Der ist nicht da, als Alf ankommt. Dafür sind paar aus seinem Jugendverband doch schon aufm Platz. Wahrscheinlich hat Alf nicht die bremsende Wirkung des Klapptischs einberechnet. Und den Kaffee beim Bäcker, wo er sich beim Trinken zu sehr in der Wochenzeitung festgelesen hat. Genauer, in einen Artikel, der die Frage aufwirft, ob das ok ist, dass in »Ritter aus Leidenschaft« Queen die Filmmusik macht. Oder ob das nicht beides, Heath Ledger als Ritter und Queen als Queen, einfach nur zuviel des Guten wär? Alf ist anderer Meinung. Alf denkt, dass das in dem Film, den er letztens mit Gisela gesehen hat, deshalb besonders klappt. Hier kriegt die Sonne ihren Kosmos, der groß genug ist, damit sie reinpasst, und schön genug, damit sich das Ausleuchten lohnt.

Nach dem Tischaufbau sitzt Alf auf dem Gerüst für die halb wiederaufgebaute Frauenkirche und döst, bis ihn wer mit einer Fahnenstange in die Wade piekst. Es ist Katha, und die hat ihre Mundwinkel auf Stress geschoben und sagt:

»Sei nicht so faul. Red halt wenigstens mit den Kollegen. Im Reden und Klugtun haste ja wohln nullneuner Schnitt.«

»Hab ausgeschlafen. Katha. Ausschlafen, das ist das Gewöhnen von sich ans Schlafen, und dann vermisst mans den ganzen Tag. Ich bin müde, Katha.«

»Doofe Kiste. Neulich hab ich mit wem gevögelt und konnt nicht aufhören, weils so gut war. Aber dann hab ich doch aufgehört, weil der Gruppenabend gleich losging. Das ist der Austritt aus dem Reich der kleinen Freiheit und der Einstieg in die Werkstatt für große Notwendigkeit, Genosse Alf.«

»Das Jonglieren mit den Sachzwängen, Genossin. Dafür allzeit bereit!«

Beide grinsen vor Freude, sich zu verstehen. Alf springt zurück auf die Erde. Er und Katha mögen sich öfters nicht. Beide freuen sich dann aber auch wieder, wenn sie dann aber das gleiche politische Ding hochhalten und zusammen dran rumdoktern.

Die Kundgebung ist kleiner als vom Bündnis erhofft, die Polizei steigt nicht mal aus ihren Autos. Erst als ein Typ kommt und meckert und dann an einem aufgehangenen Transparent zerrt. Die Polizei schickt den weg und sagt Katha, sie soll das abhängen. Das hat sie ja jetzt gesehen, dass der Spruch drauf nicht gut ankommt. Katha meint, dass das die vier anderen, die hier dran vorbeigekommen sind, aber gut fanden und das nur nicht gezeigt haben. Davon abgesehen, dass das ja kein Beliebtheitswettbewerb ist hier, sondern auch um Aufklärung geht.

Der Jugendsekretär von der Bergbau-Chemie-Energie kommt und holt das Transparent runter, was Katha sauer macht, sie aber freundlich bleibt beim Streitanfangen.

Alf steht bei der Polizei und sagt zu dem sehr rothaarigen Polizisten:

»Kennen Sie schon den? Was ist eine kurzrasierte Deutsche?«

Der junge Polizist guckt und wühlt wohl in seiner Ausbildung, was er drauf sagen soll, und findet nichts. Alf nimmt das als »Ich weiß nicht, was denn?« und sagt:

»Eine Trimmerfrau. Und was machen anarchistische Flugzeuge beim Fliegen?«

Alf auf dem Rückweg. Er denkt noch etwas über die Kundgebung und den Flirt mit dem hübschen Bullen nach. Er entscheidet sich dafür, heute nur noch über Erfolgreiches nachzudenken. Die Erfindung des Sandwichmakers zum Beispiel. Selbst Gisela ist der Meinung, dass das der Imperialismus gut gemacht hat. Weswegen sie auch seit kurzem so einen haben, mit dem Alf ihnen gleich was machen wird, an dem er sich wieder das Zahnfleisch verbrennt beim Schlingen.

Im Treppenhaus stehen noch immer die gleichen Umzugskartons. Alf vergisst hungrig zu sein, bleibt stehen und will reingucken. Aber der Deckel lässt ihn nicht. Und da steht auch schon wer auf halber Treppe und fragt sich wohl, was Alf da frecherweise an seinen Sachen will. Alf schaut zu, wie der die Hände in den Hüften hat und den nicht vorhandenen Bauch rausstreckt und den Mund öffnet. Und dann erst mal nichts sagt, sondern die Stufen runterkommt, lacht, und vor Alf steht und dann erst sagt:

»Endlich! Wer zum Helfen! Naja, wer, von dem die Oberarme nicht aussehen wie die kubanische Sonderperiode hätts schon sein können. Ich bin der Ronald, ich wohn jetzt hier, du auch? Wie heißt du eigentlich, sachdochma! Und ich frag jetzt mal offiziell, ob du mir hilfst, den Kram hier hochzuschaffen?«

Ronald ist ganz oben eingezogen. Sie nehmen zusammen einen Karton und wechseln sich ab beim Rückwärtsgehen, bis alles geschafft ist.

Er hat als erstes die Kaffeemaschine angesteckt, meint Ronald, und sie können sich ja zum Trinken auf den Balkon setzen, da stehen ein Radio und zwei Küchenstühle. Weil das Balkonmöbel, das steht noch unausgesucht im IKEA.

»Alleinsein ist ja auch das größte Unglück. Gebrauchtsein das größte Glück«, sagt Ronald und dankt Alf mit Anstoßen mit ihren Kaffeetassen. Mehr wie die hat Ronald noch gar nicht aus dem Zeitungspapier gewickelt. Ach, nein, da steht ja eine Büste von Hegel auf der Anrichte. Da der Goethe auf dem Badfensterbrett.

Alf mag Ronalds ganz schwarze Klamottenwahl, und dass er sich, wie er Alf erzählt, jetzt doch den Schnauzbart abrasiert und in Berlin gelassen hat. Wen er noch da hat? Thomas, den schönsten Mann der Welt und Beweis, dass sich Ronald damit geirrt hat, dass eine Beziehung open end nichts ist für ihn.

Thomas hat viel zu tun. Er schauspielert sich von Babelsberg aus auf die Leinwände – und Ronald sieht ihn dann vielleicht häufiger in einem der Dresdner Kinos von der Leinwand her ihn anlächeln und dabei gut schmeckend aussehen als in seinem Bett hier.

»Naja, die Welt hat ihre Einrichtung, da kann man nichts gegen tun. Thomas ist der Beweis, dass das schrecklich ist und schön gleichzeitig«, sagt Ronald.

Auf die Frage, was er so mache, sagt Alf:

»Nach einer ausführlichen politischen Berufsberatung mit mir selber, bin ich, nachdem ich Abiturient war, frisch Anlagemechaniker in Ausbildung bei einem Großbetrieb, und werde kein Germanistik- und Philosophiestudent.«

Und Ronald unterbricht wegen dem Radio: »Pass auf, jetzt kommt die Freudenberg«, und singt mit: »Und wieder wird ein Mensch geboren / Kein Wunschkind, aber trotzdem da / Er hat das erste Mal verloren / Eh er die Erde sah«.

Dann verabreden sich beide auf Kaffee und Kuchen zum Frühstück auf überübermorgen, den 11.09., weil:

»Dienstags fängt Berufsschule später an«, sagt Alf, und Ronald meint: »Das Datum merkt sich gut, da hat man Allende weggeputscht.«

Gisela sagt, sie hätte wieder diese Kopfschmerzen in den Augen, die nur beim Sitzen im Dunkeln weggehen. Bei offnem Fenster zur Straße zu, wo Autolärm reinkommen kann und Spielplatzlärm nicht. Alf weiß ohne zu sehen, dass sie sich in ihr bestes Kleid geworfen hat und Make-up und einen Ausgehschal trägt und dabei Cuba Libre trinkt. Sogar an den Rohrzuckerrand wird sie gedacht haben.

Gleich wirds wieder gehen, und Gisela wird sich dranmachen, einen Aufruftext zu korrigieren oder Lenin zu lesen. Aber jetzt erst mal nicht. Alf geht in sein Zimmer zum lange Wachbleiben und Nachdenken, aber schon auch glücklich dabei.

Der Kuchen auf den Tellern ist Eierschecke. Alf weiß, wos die beste gibt und hat gleich vier Stück mitgenommen. Ronald grüßt Alf, indem er ihn drückt. Alf drückt sehr zurück.

Dann erzählt Ronald, wies ist, am Staatsschauspiel als Intendant: »Also gestern, der erste Tag ohne Pendelei, von Berlin her und zurück. Und, Gottogott, ist das schwer mit denen, wenn man nicht müde vom Zug ist und auch richtig zuhört. Die können keine Komödie mehr! ›Was da komisch ist, das mach ich, dass es zum Heulen ist!‹, denken die sich und sind wieder in der Pubertät, die Armen. Ich hab nichts, gar nichts zum Loben gefunden gestern, Alf … war mir langweilig! Aber erzähl du!«

Alf erzählt. Wieder schafft ers nicht, was zu erzählen, wo Gisela drin nicht Heldin ist.

»Meine Mutter und ich sind auch so«, sagt Ronald und macht »so«. »Und meine war auch SED und ist stolz drauf. Ich wärs auch.«

Alf und Ronald essen, wie als wenn sie sonst nichts abkriegen. Sie trinken viel Kaffee und hören Radio und lachen vor Freude, sich zu verstehen.

Und dann fällt ein Kuss und Ronalds Augen sagen: Oh!! Und Alfs Mund sagt: Nochmal probieren, jetzt! Und dann klappt der nächste Kuss noch besser.

Alf ist auch ganz gut schön, wenn er im Bett liegt und nicht geschlafen hat, sondern mit wem. Alf und Ronald haben das Radio dabei angelassen und sind über eine Warhol-Pastiche gestürzt aufm Weg zum Bett und haben gelacht danach und sich die Ellbogen abgeküsst.

Alf und Ronald ruhig liegend im Bett. Im Radio heißt es, da wär was in die Türme von New York reingeflogen. Weder Alf noch Ronald haben Angst, sie hören dem Radio zu und was es darüber sagt. Ronald sagt:

»Das amerikanische Jahrhundert geht zu Ende. Alf, sind wir bereit dafür?«

Und Alf sagt:

»Bereit ist man immer hinterher. Vorher kann man ja nur sagen, dass man das schon wird können können. Und was will man denn auch andres sagen?«

Ronalds und Alfs Arme liegen auf ihren Hüften. Sie halten sich fast gar nicht fest, während sie sich umarmen und um so länger küssen sie sich. Sie hören dem Radio zu. Sie gehen ihrem Interesse füreinander nach. Alf schwänzt die Berufsschule ganz. Ronald muss erst abends zur Generalprobe und will nur gegen seinen Willen da hin.

Im Radio läuft währenddessen überhaupt keine Musik mehr, nur noch Sondersendung. Schade. (…)

Ken Merten, Jg. 1990, ist Autor und Journalist und lebt in Bremen.

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