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Aus: Ausgabe vom 18.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Gegenkultur

Das Gegenteil von Liebe

Die neue Melodie & Rhythmus sucht nach Herz in einer herzlosen Zeit
Von Hagen Bonn
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Die Liebe ist eine kommunistische Kraft: Das neue M&R-Heft

Meine letzten Erfahrungen mit der Liebe liegen schon ein paar Jahre zurück. Damals beendete meine Freundin wenige Tage vor der Hochzeit unsere Partnerschaft. Seitdem fühlt sich mein Inneres an wie ein defekter Kaminabzug. Der Liebeskummer, da wird mir der geneigte Leser sicher zustimmen, ist nicht weniger intensiv als die Liebe selbst. Nur eben völlig anders; das ist, als ob jemand gestorben ist. Die Liebe dagegen ist das Lebendigste, was einem widerfahren kann. Wer einen anderen liebt und wiedergeliebt wird, fühlt alles im Überfluss, und für die Zeit verliert der Liebende jegliches Gefühl. Insgesamt gewinnt er nicht weniger als ein neues Leben. Wer liebt, ist quasi neugeboren.

Aber für mich ist das Gegenteil von Liebe nicht Liebeskummer oder gar Hass, sondern schlicht: Kapitalismus. Im Manifest der Kommunistischen Partei erwähnen Marx und Engels nicht zufällig »das eiskalte Wasser egoistischer Berechnung«, mit dem jeder im Kapitalismus gewaschen wird. Oder die Ehe, die nur noch ein »reines Geldverhältnis« abgibt. Die Verteidigung der Liebe im Kapitalismus muss also ein Thema für uns sein. Der erste Satz in der mit »Liebe« überschriebenen aktuellen Ausgabe des »Magazins für Gegenkultur« Melodie & Rhythmus gibt für das Heft konsequent die Richtung an, wenn Chefredakteurin Susann Witt-Stahl schreibt: »Die Kulturindustrie benutzt sie (die Liebe, H. B.) als Label für die profitable Vermarktung von Ramsch und falschen Gefühlen.« Die Zeitschrift erinnert deshalb an Alexandra Kollontai (1872–1952) und deren marxistisches Konzept einer freien Liebe. Und Bastian Tebarth zeigt am Beispiel eines 1974 von der italienischen Regisseurin Lina Wertmüller gedrehten Spielfilms, wie das Knechtschaftsverhältnis der bürgerlichen Ordnung die Liebe sprengen kann, weil die von Kollontai beschriebene eigene »Moral der Arbeiterklasse« sich nicht in Zwangsverhältnissen entwickeln kann. Moshe Zuckermann fragt indes nach dem Schicksal der Liebeslieder. Freilich halten wir uns nicht auf mit »Ein Bett im Kornfeld« (Jürgen Drews) oder »Er gehört zu mir« (Marianne Rosenberg); Zuckermann beginnt beim klassischen Mythos (Venus und Mars), hangelt sich über Shakespeares »Romeo und Julia« zu Wagners »Tristan und Isolde«, bevor er aus Brechts »Dreigroschenoper« zitiert. Am Ende steht dann auch die »Liebe-in-den-Charts-Ware« zur Debatte, die wir mit Zuckermann getrost als das benennen dürfen, was sie ist: »Eine Manifestation des Belogen-werden-Wollens der Konsumenten«.

Nicht alles im Heft dreht sich um die Liebe. Paula Bronstein hat sich im Magazin mit einer Fotoreportage aus Afghanistan die Ehre gegeben: »Verwüstet, ausgeblutet, traumatisiert«, fasst sie den gegenwärtigen Zustand des Landes zusammen. Im nachfolgenden Interview geht die US-amerikanische Fotografin dann näher auf ihre Beobachtungen ein. Mit einem Bild aus Afghanistan hatte Bronstein übrigens 2017 den World Press Photo Award gewonnen. Es wurde in einem Krankenhaus für kriegsverwundete Zivilisten aufgenommen. Da stellt sich schon die Frage, wie man bei all dem Leid, das ihr bei ihrer zudem gefährlichen Arbeit vor die Kamera kommt, professionell agieren kann? Ähnlich aktuell und ohne geziertes Pathos betrachtet Matthias Rude den »Regenbogenkapitalismus« näher, also die sogenannte LGBTQ-Bewegung (lesbisch-schwul-­bisexuell-transgeschlechtlich-queer). Ist diese jetzt im System angekommen oder hält sie in sich noch so viel Freiheitswillen und Emanzipationspotential bereit, dass sie vielleicht zum unverzichtbaren Bestandteil unseres politischen Widerstands gehören kann? Daneben gibt es unter anderem Rezensionen zu Winter, Diana Ross, den Industrial-Metal-Göttern Ministry und der sowjetischen Leftfield-Pionierin Walentina Gontscharowa. Kurz und gut, die neue M & R ist gewohnt vielseitig, kurzweilig, klug, in Ort und Zeit geerdet und gibt dem Hirn tüchtig Futter. Besonders empfehlenswert: Dietmar Daths Essay »Was muss sein? – über Freiheit, Zwang und Wissen im Kapitalismus und Sozialismus«.

Zurück zur Liebe. Frank Sinatra meinte einmal: »Liebe ist, wenn man Tag und Nacht singen möchte. Ohne Honorar und Manager.« In diesem Sinne.

Melodie & Rhythmus, 4/2021, 98 Seiten, 6,90 Euro

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