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Aus: Ausgabe vom 18.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pädagogik

Mit Marx und Jesus

Zum 100. Geburtstag des brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire
Von Christoph Horst
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Hobbylogopäde im Look eines kolumbianischen Guerilleros

Als der Brasilianer Paulo Freire in den 1960er Jahren seine »linkskatholische« Pädagogik der Befreiung praktizierte, konnte er sich mit seinen Ideen noch an einer mächtigen autoritären Pädagogik reiben und ab den 70ern entsprechend Anklang in der westeuropäischen Linken finden. Der Erzieher und der Zu-Erziehende sollten in ein dialogisches Verhältnis treten; Wissensvermittlung solle mehr sein als ein Anhäufen von Fakten im Zu-Erziehenden.

Inzwischen hat sich Pädagogik im Sinne Freires weitgehend liberalisiert. Der Vordenker ist seit 24 Jahren tot, an diesem Sonntag wäre er 100 Jahre alt geworden. Seine zentrale Leistung, die Anpassung an die jeweils gewünschten Verhältnisse, ist geblieben. Es herrscht allerdings mittlerweile die Meinung vor, dass dies besser funktioniert, wenn man die Zu-Erziehenden mit einbezieht und ihnen somit vorgaukelt, dass das, was man mit ihnen vorhat, ihr eigenes Interesse sei. Insofern wirkt die Forderung, Bildung müsse mehr sein als Einprügeln des Lernstoffs, banal. Auch damals war sie nicht neu. Schon die Reformpädagogik wollte den ganzen Menschen bilden – was auch immer das heißen sollte. Freire schien aber ein besonderes Charisma zu haben, so dass er trotz bekennenden Eklektizismus populär wurde.

Denn das meiste, was Freire schrieb, findet sich schon woanders wieder: die dialogische Idee beispielsweise bereits bei Friedrich Schleiermacher. Doch es ist Freire anzurechnen, dass er die Übernahme von Ideen nicht kaschiert oder entschuldigt hat. Schließlich macht es einen Gedankeninhalt nicht falsch, wenn er schon mal formuliert wurde. Dass Bildung mehr sein müsse als reine Wissensvermittlung – Freires Schlagwort dafür war die »Bankiers-Erziehung« – ist inzwischen so verbreitet, dass überhaupt nicht mehr hinterfragt wird, warum dies eigentlich so sein soll.

Warum nicht den Kindern den Wissensstoff beibringen, den sie beigebracht kriegen wollen, und sie darüber hinaus mit Erziehungszielen in Ruhe lassen? Ist Kindern wirklich gedient, wenn man sie nach Menschenbildern, Ideologien und gesellschaftlichen Erfordernissen formen will und als ganzen Menschen anstatt als konkreten Menschen, der über die Anwendung seiner erlernten Fähigkeiten frei entscheidet?

Freire hat sich überwiegend in der Alphabetisierung Erwachsener bewährt. Er hatte viel mehr vor mit seinen Zöglingen, als ihnen nur das Lesen beizubringen. Er wollte ihnen das Leben beibringen – also das aus seiner Sicht richtige. Ein Wort galt ihm erst dann als gelernt, wenn es seinem Sinn nach in den Zusammenhang interpretiert werden konnte. Das Wort »Boden« galt erst dann als gelesen, wenn man »Spekulation« mitdenken konnte. Das Dialogische wurde dadurch zur Farce, dass Freire das Ziel seiner Erziehung dem Erziehungsvorgang vorausgesetzt hat. Das Lernen des Lesens hat nicht den Zweck, dass die Menschen lesen lernen können, sondern es diente Freires höheren Idealen: der Ausbildung von kritischem Bewusstsein – »conscientização« auf portugiesisch.

Mögen die Inhalte des Bewusstseinsbildungsprozesses nun richtig oder falsch sein, eines sind sie auf jeden Fall: dem Schüler von außen oktroyiert. Von der pädagogischen Teleologie ist es dann nur noch ein kurzer Schritt zur Theologie. Freire forderte vom Pädagogen, dass er »den tiefen Sinn von Ostern zu leben hat« (Lutherische Monats­hefte 9, 1970). Die Quellenangabe enthält einen wichtigen biographischen Hinweis: Freire war tief verstrickt in katholische und ökumenische Netzwerke. So war er Bildungsberater des Weltkirchenrats und versuchte dort, Marx und Jesus zusammen zu denken. Vieles in seiner Pädagogik klingt nach Gottesdienst: Der Erzieher »muss andererseits dem ›Zögling‹ nahebringen, dass er als Nur-Zögling des Erziehers ›sterben‹ muss, um als ›Zögling-Erzieher‹ des ›Erzieher-Zöglings‹ wiedergeboren zu werden.«

Manche Aussagen Freires sind auch schlicht inhaltsleere Sprüchlein, die noch heute an den Pinnwänden in Gemeindezentren und Konfirmandengruppenräumen zu lesen sind: »Erziehung ist eine Tat der Liebe und damit eine Tat des Mutes. Sie darf keine Angst vor der Analyse der Realität haben.« Viele schöne Worte zusammengestellt, ergeben allerdings noch keinen Erkenntnisgewinn. Freire scheint als Kirchendiener und Praktiker der Alphabetisierung in Lateinamerika erfolgreich gewesen zu sein. Ebenso hat er sich als Kritiker einer US-zentrierten Entwicklungspolitik einen Namen gemacht. Als Pädagoge machte Freire das gleiche wie alle anderen Pädagogen: Er nutzte die Schüler als Material seines Bildungsziels und verhinderte dadurch allen klingenden Worten zum Trotz eine tatsächlich freie Entwicklung des Einzelnen.

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  • Leserbrief von Wolf Gauer aus São Paulo, Brasilien (20. September 2021 um 10:34 Uhr)
    Ich lebe seit 1975 in São Paulo und hatte Kontakt zu Paulo Freire. Ich muss leider sagen, dass ich ich ihn in dem vorliegenden Text kaum wiederkenne. Er war hier dafür bekannt, dass er bei der Alphabetisierung vom konkreten Hauptinteresse, genauer: von den dringendsten sozialen Bedürfnissen der zu alphabetisierenden Erwachsenen, ausging. Bei Wassermangel beispielsweise von »Wasser« als erstem zu schreibenden Wort. Mit dem schriftlichen Fixieren kam das Lesen, mit dem Lesen der Austausch über den eigenen kleinen Lebensbereich hinaus. Mit dem »Aufschreibenkönnen« für sich und andere wurde das Thema vor allem erst mal »gepackt«, Bewusstsein erzeugt und verstärkt. Paulo Freire wollte eine dialektisches Beziehung zur Realität, nicht das technizistische Fitmachen (»für die Banken«, wie er mal gesagt hat), das wir heute ja durchgehend erleben.
    Feststellungen des Autors wie »von der pädagogischen Teleologie ist es dann nur noch ein kurzer Schritt zur Theologie« oder »mit Marx und Jesus« sind da eher Wortspielerei. Marx und Jesus finden sich im Interesse der Gemeinwohls, unbeschadet dessen, was man posthum mit ihnen angestellt hat. Statt dessen kein Wort darüber, dass – und warum – Freire von der Militärdiktatur verfolgt und exiliert worden ist. Kein Wort über die weltweite Anerkennung seiner »Pädagogik des Unterdrückten«, über seine Rolle in der Arbeiterpartei und vieles andere mehr. Dafür durchgehend Relativierung und auch unterschwellige Abwertung. Die vom Autor hervorgehobene religiöse Komponente entspricht nicht dem Assoziationsspektrum, das man in Brasilien mit Paulo Freire verbindet. Eher mit geharnischten Befreiungstheologen wie Leonardo Boff, dem Marxisten Frei Betto oder Kardinal Paulo Evaristo Arns (der in diesen Tagen ebenfalls 100 Jahre alt geworden wäre).
  • Leserbrief von Stefan Vater aus Wien (20. September 2021 um 08:18 Uhr)
    »Inzwischen hat sich Pädagogik im Sinne Freires weitgehend liberalisiert«, zitiere ich den Beitrag und kann nur kopfschüttelnd feststellen: Es ist erstaunlich, wie viele Zeichen sich schreiben lassen ohne eine irgendwie tiefergehende oder kritische Analyse – der Beitrag klingt wie eine Besprechung im konservativen Pädagogikstudium. Schon der oben zitierte Satz ist praktisch schlicht falsch, die Darstellung Freires geht völlig an seinem politischen Wirken (Brasilien) vorbei und versteht auch das – vielleicht scheiternde – pädagogische Bemühen des Bezugs zum Alltag der Menschen gar nicht, und die berechtigte Kritik bleibt (Entschuldigung) schablonenhaft und unbelesen ... Ohne Kenntnis der Praxis, mit bizarren Bezügen (Schleiermacher) quält sich der Beitrag viel zu lange dahin. Schade.
    Stefan Vater, Wien
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (18. September 2021 um 14:44 Uhr)
    Dank an Christoph Horst, dass er überhaupt an den brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire erinnert, dessen Name mir als eine in den 70ern im Westen ausgebildete Diplompädagogin sonst fast entfallen wäre. Ja, Freire griff »nur« reformpädagogische Ideen auf, die andere schon vor ihm hatten. Immerhin konzidiert Horst ihm: »Freire scheint als Kirchendiener und Praktiker der Alphabetisierung in Lateinamerika erfolgreich gewesen zu sein.« Der Autor scheint sich in seiner insgesamt abwertenden Beurteilung jedoch weder der Geschichte des kolonisierten und zwangschristianisierten Latein- und Mittelamerika noch der Bedeutung der Befreiungstheologie in diesem Kontext vor Ort bewusst zu sein. – Übrigens waren die ersten Christen auch Kommunisten, weil sie den Rat aus der Lehre Jesu, ihr »Brot miteinander zu teilen«, noch ernst nahmen. Wie zahlreiche andere Vertreter der Befreiungstheologie gehörte Freire zu denen, die gegen die Unterdrückung und Ausbeutung und für die Emanzipation der Arbeiter und Bauern im Lande kämpften. In den 60ern gab es ja sogar zeitweilig Rückenwind aus der katholischen Kirche, nämlich von Johannes XXIII., der die »Ökumene« einleitete. Für wie »gefährlich« die Befreiungstheologen von den Machthabern gehalten wurden, konnte man an den Märtyrern der Bewegung beobachten. Ich erinnere mich, beispielsweise gelesen zu haben, dass einer ihrer Vertreter, ein salvadorianischer Bischof, auf der Schwelle seiner Kirche von einer Todesschwadron erschossen wurde. – Sicher kennen viele Kuba-Freunde noch einen der lebenden Vertreter, den brasilianischen Priester Frei Betto ... So befremdlich und »von außen oktroyiert« dem Autor auch eine Sozialisierung in einer ohnehin seit Jahrhunderten katholizistisch geprägten Region erscheinen mag, die Geschichte zeigt, dass sich jede Ideologie, jeder »Ismus«, der Katholizismus wie auch der Marxismus, zur Instrumentalisierung zum Nachteil der davon Betroffenen eignet.

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