Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Freitag, 22. Oktober 2021, Nr. 246
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 14.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die idealische Stille

Eine Art Stimmgabel: Dem übergroßen Schriftsteller Eckhard Henscheid zum 80. Geburtstag
Von Stefan Gärtner
imago0054455416h Kopie.jpg
Im Recht, wie stets: Eckhard Henscheid

Was den gelehrten SZ-Feuilletonisten Gustav Seibt und mich voneinander trennt, melden drei Wörtlein, veröffentlicht am 21. Juni 2021 als Teil einer Rezension, die sich mit einem Buch über die Habsburger befasste und von einem »begabten Flötenspieler« wusste, »trotz seiner vorstehenden Unterlippe. Die hatte er von einem noch früheren Ahnen geerbt, dessen Unterkiefer so weit aus dem Gesicht ragte, dass man befürchtete, in dem offen stehenden Mund könnten sich Fliegen einnisten. Die Rede ist, jeder weiß es, von den Habsburgern, und zwar von den Kaisern Leopold I. (Flöte) und Karl V. (Fliegen).« Die abgrundtief trennende Wortfolge lautet »jeder weiß es«; doch wenn ich mit Gustav Seibt nicht über bekannte Habsburger reden könnte, dann doch immerhin über »Maria Schnee«.

Der Weg ins Paradies

Er nämlich hält, womöglich als einziger, die Erinnerung an dieses Wunderbuch von Eckhard Henscheid hoch. Nach Erscheinen 1988 hat Seibt es für die FAZ rezensiert und dabei alles – oder doch das meiste – mitgeteilt: »Dass der Mensch, insoweit er redet und redend sich von seiner wahrhaftigen Kreatürlichkeit entfernt, unselig ist – das ist als Philosophie vielleicht nicht einmal besonders spektakulär. Freilich ist es ein bedeutendes Motiv für einen Satiriker, der wie kein anderer der heute Schreibenden der Lüge, den falschen Tonfällen, den angemaßten Bedeutungen einer zunehmend durchgedrehten Öffentlichkeit auf der Spur ist.« Henscheids Erzählen sei »der melancholischen und unendlich liebevoll geduldigen Suche« nach dem gewidmet, was vom Leben noch übrig sei, und versuche, »das vorbegriffliche Leben, das von Sprache meist zerstört wird, in der Sprache hörbar zu machen«.

Damit war die Dialektik von Henscheids Werk bezeichnet, in dem die getreuliche Abbildung des zeitgenössischen Radaus und die tiefe romantische Sehnsucht nach seinem Gegenteil die Seiten der Medaille sind. Im Mittelpunkt des zweiten Teils der legendären »Trilogie des laufenden Schwachsinns« (1973–1978), die vom angemessen breiten Publikum als irgendwas zwischen Satire und Lokalposse missdeutet wurde, steht der moribunde, in Brocken sprechende Alfred Leobold (»Geht in Ordnung – sowieso – – genau – – – «, so verlöschend heißt auch der Roman), der im Wirtshaus, symbolisch genug, unterm Kruzifix hockt; und während Leobold, wie so viele andere von Henscheids regressiven Ausdrucksruderern, für das einsteht, was dem durchaus autornahen Ich-Erzähler als »idealische Stille« einleuchtet, wird der Anwalt des Teufels vom unermüdlich auf den Putz hauenden Hans Duschke gegeben, der dem Erzähler aber so lieb ist wie der Krach der Apparate dem Polemiker. Denn auch der Unsinn, erscheint er nur verdichtet genug, weist den Weg ins Paradies, und wo Henscheids hochgebildete, ihrem Schöpfer meist aus dem Gesicht geschnittene Erzähler sich Kleists »absolutem Bewusstsein« über eine Sprache zu nähern versuchen, die in ihrer unendlich beweglichen, unfehlbaren Opulenz das Etikett »barock« provoziert hat, ist auch das Gegenteil von Wert, als Verneinungsgeste im Schopenhauerschen Geist: »Nicht schlecht aber auch Paul Breitner über ein Veteranen-Fußballturnier in Südamerika: ›Die Qualität konnte der Erwartungshaltung nicht standhalten‹ – ja, in gewisser Weise weist zeittypischer Hirnmüll dieser Art schon wieder selbst über Kohl hinaus weit in eine noch schönere Welt.«

Frömmigkeit des Quatsches

Überhaupt Kohl, Helmut, deutscher Bundes- und Weltklassekanzler: Ihm, der universalpoetischen Chiffre KOHL, widmet Henscheid 1985 die »Biographie einer Jugend«, ein vor glucksender Albern- als rauschhafter Versiertheit platzendes Artefakt, das die Stumpfheit durch der Sprache Schliff treibt, ohne dass der geistlosen Monumentalität dieses letztlich Numinosen ganz beizukommen wäre. Auch Hermann, der Held von »Maria Schnee«, der in der süddeutschen Provinz an einem heißen Sommertag beim Hubmeier-Wirt einkehrt und zum Preis von zehn Mark ein Baby erwirbt, damit die junge Mutter aufs Rockkonzert kann – eine wahre, einer Zeitungsmeldung entnommene Begebenheit übrigens –, ist die ums Wort verlegene Einfalt. Aber seine als »Idylle« klassifizierte Geschichte, erzählt in zart verrutschten, ganz dem Laut anvertrauten Perioden, lässt diese Einfalt zur heiligmäßigen werden in zwar komisch verdichteter, aber nie ans Parodistische verratener Romantik. Suchte man in Henscheids Werk einen Angelpunkt, er wäre hier zu finden, wo ein lokaler Mann in Eichendorffscher Sommernacht unter der Brücke ziehende Enten adressiert: »Antn! Antn! Broooove Antn!« – viel näher wird man der Sprache der Tiere, der sprachlos Leoboldschen Naturhaftigkeit nicht kommen, es sei denn über den erwähnten Umweg, der freilich nur jenen offensteht, deren Wort die Unwiderleglichkeit selbst ist. Der Katholizismus, der als Motivschatz nicht nur »Maria Schnee« und der ganzen »Marien-Trilogie« unterliegt, hat auch später noch seine Doppelfunktion als »Unfugsressource« und Erlösungsmetapher, denn nur vordergründig ist ein Band wie »Aus dem Leben der Heiligen. Neue Legenden« (2012) bloße Satire: Der Quatsch der Frömmigkeit ist ja zugleich die Frömmigkeit des Quatsches. Des nämlich unversiegbaren. Stilbildend ist Henscheid zumal als mitreißender, sich der »Ewigkeit der Blödl« entgegenwerfender Kritiker geworden, und wer die »Erledigten Fälle« (1986) nicht kennt, die in die juristische Literatur eingegangene Invektive wider Heinrich Böll oder die Psychogramme Joseph (»Jockel«) Fischers (»was ein strotz-, ein furzdummes, was ein charakterhülsenleeres und zutiefst gemütsvergammeltes Leben«), möge dann wenigstens keine Polemiken schreiben. »Und ich war im Recht. Wie stets«, heißt es in den autobiographischen »Denkwürdigkeiten« (2013), und der selbstgewisse Gestus ist auch der des Satiremagazins Titanic, dessen fester Autor und gewissermaßen Stimmgabel Henscheid seit Anbeginn war. Die paradigmatische Erledigung »linker Schleimfiguren« und ihres Milieus mündete um die Säkulumswende herum in das, was da Inkorrektheit heißt: Dass er Martin Walser und Jürgen Möllemann gegen Antisemitismusvorwürfe in Schutz nahm und mit der Jungen Freiheit übers »spezielle Judentabu« sprach, wollten nicht alle als Verteidigung künstlerisch-intellektueller Autonomie verstehen.

Er ist die Referenz

Eckhard Henscheid, »der Große, der Übergroße« (Thomas Gsella), wird heute 80 Jahre alt. Sollte die melancholische Einschätzung eines alten Bewunderers und Titanic-Kollegen stimmen, wonach Henscheid ein »vergessener Autor« ist, hätte das seinen Grund auch darin, dass »Maria Schnee« das Erzählwerk im Grunde rundend abschließt und Seibts viel späterer Satz, hier erklinge eine »Abschiedsmusik der alten Bundesrepublik«, am frühvollendeten Œuvre Beweiskraft gewinnt. Dass es weiterwuchs – etwa um die Erzählung »10:9 für Stroh« (1998), in der Gustav Seibt, nur leicht verschlüsselt, eine Hauptrolle spielt –, freut alle, für die Henscheid als poeta doctus, Großstilist, Hochkomiker und Dummdeutsch-Kritiker maßgeblich geblieben ist. Er ist die Referenz. Wir winken ihr bewegt und freundlich zu.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Mehr aus: Feuilleton