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Aus: Ausgabe vom 14.09.2021, Seite 6 / Ausland
Geschichte aufgerollt

Erfolgreich angeworben

IRA-Anschläge in BRD: Milliardenzahlung aus Brüssel an Dublin in den 90ern
Von Dieter Reinisch
Edinburgh European Council, 11-12/12/1992
Bei diesem Treffen soll Helmut Kohl (3. v. r.) um die Milliardenhilfe aus Brüssel gebeten haben (Edinburgh, 12.12.1992)

Während des Nordirlandkonflikts verübte die irisch-republikanische IRA mehrere Anschläge auf die Britische Rheinarmee (BAOR) in der BRD. Ein irischer Politberater behauptet nun, der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) habe 1992 die Europäische Kommission überredet, Milliarden nach Dublin zu überweisen, damit die dortige Regierung die IRA davon überzeuge, die Anschläge in Deutschland einzustellen.

Am 10. Juli 1979 explodierten zwei Bomben vor einer BAOR-Einrichtung in Dortmund. Ein Sprecher des BAOR-Hauptquartiers berichtete der Presseagentur Reuters von einem Anschlag mit zwei Sprengkörpern auf die Offiziersmesse des 26. Feldregiments und die Unteroffiziersmesse des 2. Feldregiments gegen fünf Uhr morgens. Bei den Detonationen wurde niemand verletzt, es entstand Sachschaden. Dahinter stand ein IRA-Kommando. Bereits am 18. August 1978 waren acht IRA-Bomben vor BAOR-Einrichtungen explodiert und eine Autobombe entdeckt worden. Die deutschen IRA-Aktivitäten waren sporadisch, führten zu geringem Sachschaden und zielten ausschließlich auf Einrichtungen der Britischen Armee. Den westdeutschen Staat und seinen Geheimdienst interessierten sie zunächst wenig.

Mitte der 80er Jahre etablierte die IRA abermals ein europäisches Kommando. Eine kleine Zelle wurde nach Europa geschickt, die im Grenzgebiet von Deutschland, Belgien und den Niederlanden operierte. Am 23. März 1987 explodierte eine erste Autobombe unweit des BOAR-Hauptquartiers in Mönchengladbach. Im Mai 1988 starben bei Anschlägen drei britische Soldaten. Bis 1996 ging die Serie weiter. Am 28. Juni des Jahres griff die IRA die britische Quebec-Kaserne in Osnabrück an. Die deutschen Behörden vermuteten Róisín McAliskey hinter dem Anschlag. Als eine Gruppe von Aktivisten um deren Mutter, die Bürgerrechtsaktivistin Bernadette Devlin, 1998 erfolgreich gegen die Auslieferung von McAliskey nach Deutschland kämpfte, war die IRA-Kampagne bereits zu Ende.

In seinem Anfang September veröffentlichten Buch behauptet der Journalist und Geschäftsmann Conor Lenihan nun, das Ende der Anschlagsserie sei von Kohl mit acht Milliarden Pfund für die Regierung in Dublin erkauft worden. Lenihan ist Abkömmling eines der einflussreichsten Politikerclans Irlands. Mehrere Familienmitglieder hatten für die konservative Partei Fianna Fáil Ministerämter und Parlamentssitze inne. Lenihan selbst war in den 90er Jahren Berater des damaligen Regierungschefs Albert Reynolds, dessen Biographie er nun verfasste.

Wie der Belfast Telegraph am Wochenende berichtete, schreibt Lenihan, dass sich Reynolds auf der Tagung des Europäischen Rats 1992 in Edinburgh mit Kohl getroffen habe, um die IRA-Kampagne in Deutschland zu erörtern: »Kohl fragte Reynolds, ob er mit den richtigen Leuten sprechen könne, um den Anschlägen in Deutschland ein Ende zu setzen.«

Bei dem Treffen soll auch der Geschäftsmann Noel Gallagher anwesend gewesen sein. Der in Derry lebende Gallagher war ein Mittelsmann zwischen irischer Regierung und der IRA. Er soll die Kontakte angebahnt haben, die im Oktober 1988 zu einem Geheimtreffen zwischen nordirischen Politikern in Duisburg führten. Daran nahm der katholische Geistliche Alec Reid teil, der als Vertrauensperson des Sinn-Féin-Präsidenten und IRA-Kommandanten Gerry Adams galt. Das Treffen wird als Beginn des nordirischen Friedensprozesses angesehen, der 1998 im Karfreitagsabkommen gipfelte.

Kohl und Reynolds sollen in der Anwerbung von Geld erfolgreich gewesen sein. Die Mittel aus Brüssel flossen – was die irische Regierung damit tat, ist unklar. In das marode Sozialwesen ging es nicht. In den 90ern war die Insel ein neoliberales Experimentierfeld. Welchen Einfluss die Milliarden auf die IRA hatten, ist ebenfalls fraglich. Doch zumindest den Politkarrieristen Reynolds und Lenihan hat die Episode geholfen. Reynolds blieb bis Dezember 1994 Partei- und Regierungschef. Lenihan war der erste Journalist, der nach dem Ende der Zensur einen republikanischen Vertreter im öffentlich-rechtlichen Fernsehen interviewen konnte: Im Frühjahr 1994 sprach er für RTÉ mit Gerry Adams.

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