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Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 10 / Feuilleton

In Salzburg nichts Neues

Von Erwin Riess
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»Wussten Sie, dass Max Reinhardt, der Gründer der Festspiele, nach dem Krieg in Salzburg unerwünscht war? Man wollte dem toten Juden den Anblick der in Salzburg frohlockenden Nazikünstler ersparen«

Der Dozent und sein Freund Groll saßen auf einer Bank in Deutsch-Altenburg, das eine Autostunde stromabwärts von Wien am nördlichen Donauufer liegt. Sie schauten auf ein Hafenbecken, das von der bundeseigenen Baugesellschaft Via Donau für Reparaturen ihrer Arbeits- und Baggerschiffe genutzt wird. Bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren auch die letzten zwei bewaffneten Patrouillenboote des Bundesheers immer wieder zu Gast in Deutsch-Altenburg, die »Oberst Brecht« und die »Niederösterreich«. Nach der Abschaffung der Donau­marine dümpeln die beiden Museumsschiffe jetzt an ihrem Geburtsort, der ehemaligen Schiffswerft Korneuburg, vor sich hin. Von ehemaligen Werftarbeitern hatte Herr Groll erfahren, dass die »Oberst Brecht« am späten Nachmittag in Deutsch-Altenburg zu einem Freundschaftsbesuch eintreffen werde. Er konnte es kaum erwarten, dem Boot seine Aufwartung zu machen.

Der Dozent vertiefte sich indessen in die Rede Julian Nida-Rümelins zur Eröffnung der Salzburger Festspiele vom 25. Juli. Sie war am Montag nach der Eröffnung in allen Tageszeitungen veröffentlicht worden. Immer wieder entrang sich Grolls Freund ein Seufzen, manchmal schüttelte er sich auch wie ein nasser Hund, der aus der Donau steigt.

»Starker Tobak?« fragte Herr Groll.

»Das Gegenteil ist der Fall«, erwiderte der Dozent. »Ich kann mich nicht erinnern, in der letzten Zeit einen Text gelesen zu haben, dessen Belanglosigkeit mit der miserablen handwerklichen Qualität im Wettstreit liegt.«

Wenn er seinen Ennui für ihn, Groll, überwände und eine kurze Inhaltsangabe lieferte, wäre er ihm sehr verbunden, erklärte Herr Groll. Er dürfe ja den Blick nicht von der Donau wenden. Der Dozent nickte und berichtete:

»Die Plauderstunde des Philosophen kreist um die Begriffe Utopie, Demokratie und Humanismus. Er schafft es, diese Kategorien zuerst ihres Inhalts zu entleeren und verwendet die Worthülsen dann zur Aufrichtung einer These, deren einziger Zweck die Apologie des Bestehenden ist. Ich zitiere: ›Ende der 80er Jahre bricht die bipolare Welt zusammen, weil die Sowjetunion kollabiert. Der Westen reagiert mit Ratlosigkeit, ein Teil des politischen Spektrums erholt sich nicht mehr von diesem Schock. Da treten neoliberale Kräfte auf den Plan, sie verkünden die Dominanz der Ökonomie.‹ Laut Rümelin entstehe so ein neuer Humanismus, dessen Herzstück die westliche Demokratie sei.«

»Die Milliardäre dieser Welt sind’s zufrieden«, setzte Groll fort. »Sie haben bekommen, was sie brauchen: die Verherrlichung ihrer Welt als einzig vorstellbare und sinnvolle. In Salzburg versichern die Herrschenden sich ihrer Macht, und sie tun dies, indem sie Musik und Literatur, diese potentiellen Unruheherde, in den Staub treten. So kommt es zu 314 Inszenierungen der ›Elektra‹ und 456 des ›Don Giovanni‹. Das betuchte Festspielpublikum kann sich dann tagelang darüber ereifern, ob nicht der 435. Giovanni schneller gespielt war, gar nicht zu reden vom 212. unter dem Dirigat Herbert von Karajans, der es schaffte, die Mozart’schen Melodienbögen unter dem Duktus des preußischen Stechschritts zu ersticken. Den im gestohlenen Reichtum gealterten klunkerbewehrten Nazifamilien gilt sie heute noch als unerreicht. Dass daneben noch sprudelnde Einnahmen für Hotellerie, Gastronomie und das oberste Segment der Escortbranche lukriert werden, versteht sich von selbst. Während der Festspiele muss ein Normalbürger in Salzburg für ein Glas mittelmäßigen steirischen Wein einen Kredit aufnehmen.«

Vor Jahren sei Jean Ziegler als Salzburger Festredner im letzten Moment ausgeladen worden, erinnerte sich der Dozent. Für ihn sei Joachim Gauck in die antikommunistische Bresche gesprungen, setzte Herr Groll fort.

»Gauck hat geliefert«, meinte der Dozent.

»Nida-Rümelin auch.«

»Wussten Sie, dass Max Reinhardt, der Gründer der Festspiele, nach dem Krieg in Salzburg unerwünscht war? Man wollte dem toten Juden den Anblick der in Salzburg frohlockenden Nazikünstler ersparen.«

»Ich dachte, Reinhardt habe geschworen, Deutschland und Österreich nie wieder zu betreten!« entgegnete Herr Groll.

»Das läuft aufs selbe hinaus«, beschied der Dozent.

Der spitze Bug eines kleinen stahlgrauen Kriegsschiffs schob sich in das Hafenbecken. Herr Groll brach in Hochrufe aus, der Dozent schüttelte den Kopf.

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