3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. September 2021, Nr. 223
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Der reine Wahnsinn

Mehr ist mehr: Black Midis beeindruckendes Album »Cavalcade«
Von Alexander Kasbohm
imago0125780973h.jpg
Technisch unglaublich gut: Black Midi

Wenn das ganze Math-Rock- und Post-Rock-Gedöns der Prog-Rock von heute ist, dann sind Black Midi Gott sei Dank eher King Crimson oder Van Der Graaf Generator als Yes oder Emerson Lake & Palmer. Geordie Greep (Gesang, Gitarre), Matt Kwasniewski-Kelvin (Gesang, Gitarre), Cameron Picton (Gesang, Bass, Synthesizer) und Morgan Simpson (Schlagzeug) sind technisch nahezu übernatürlich gut, lassen diese Fähigkeiten aber nie zum Selbstzweck verkommen. Die Technik bildet vielmehr das Gewebe der Songs, es gibt keine langen, gniedeligen Soli, in denen die Musiker zeigen, wie toll sie spielen können.

Prog-Rock galt zumindest für die Punk-Generation nicht vollkommen zu Unrecht als konterrevolutionär, er bezog sich positiv auf bildungsbürgerliche Werte und Ästhetiken. Von Rebellion oder Auflehnung war nichts zu spüren. Die Texte handelten oft von Feen und Drachen oder Space Operas, die Tagespolitik blieb außen vor. Aber, wie man in Deutschland so sagt: »Es war ja auch nicht alles schlecht damals.« Manchen Bands, allen voran Robert Fripps King Crimson, ging es nicht um kuscheligen Eskapismus, sondern da­rum zu verstören. Sie nutzten ihre Fähigkeiten dazu, die Hörer herauszufordern, Gewohnheiten außer Kraft zu setzen. Und an genau dieser Stelle setzen die jungen Londoner von Black Midi an.

Es gibt einen wunderbaren Youtube-Clip von einem Interview mit dem etwas älteren Gitarrenschnellspieler Yngwie Malmsteen, in dem er, verständnislos dreinblickend, sagt: »People tell me: remember, less is more … How can that be? How can less be more? More is more!« Und Black Midis Album »Cavalcade« ist definitiv mehr. Nicht mehr Töne pro Sekunde wie bei Malmsteen, sondern mehr Drama, mehr Vielfalt, auch mehr Ruhe. Die Ruhe ist ruhiger, der Irrsinn irrsinniger. Im Opener »John L« geht es um einen abgefuckten populistischen Rightwinger, der Heilsversprechen im Namen von Kapitalismus und Nation von sich gibt. Und das nervös-hektische bis wahnsinnige musikalische Backing verstärkt das paranoide Drama noch.

Das zweite Stück, »Marlene Dietrich«, ist ein Quasi-Bossa-Nova, Geordie Greep croont, als hätte er gerade seinen inneren Scott Walker entdeckt. »Chondromalacia Patella« liegt irgendwo zwischen dem Avantgarde-Hard-Rock von King Crimson der 1970er und dem Prog-New-Wave ihrer 1980er Inkarnation. Die Ereignisdichte des Albums ist sehr hoch. Ein herkömmliches Gehirn könnte nach etwa 15 Minuten »Cavalcade« explodieren. Man kann sich aber auch einfach vom Wahn treiben lassen und manisch vor sich hin grinsen. Dann explodiert das Gehirn erst nach knapp 30 Minuten.

Sich schnell schlängelnde, ineinander verwobene Gitarrenlinien, Chorgesang und Saxophon mal über einem hektischen Groove, mal über einem Abgrund von Stille – wie Wile E. Coyote, wenn er über die Klippe gelaufen ist – machen den Track »Slow« zum vielleicht erwachsensten Statement, das die Band bislang abgegeben hat. Apropos »erwachsen«: Man darf nicht vergessen, dass alle Mitglieder dieser Band noch wahnsinnig jung sind. Die Frage, wann sie die Zeit dafür gefunden haben, ihre Instrumente derart gut zu beherrschen, ist berechtigt. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Bandmitglieder einen Apparat zur Raum-Zeit-Manipulation erfunden haben. Zumindest wäre es bei dieser Kombination von Intelligenz und Besessenheit grob fahrlässig, diese Möglichkeit nicht in Betracht zu ziehen.

Black Midi: »Cavalcade« (Rough Trade/Beggars/Indigo)

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Mehr aus: Feuilleton

Letzte Möglichkeit: Drei Monate Aktionsabo »Marx für alle« für 62 Euro!