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Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 1 / Titel
Hasskampagne

Massaker an Kurden

Türkei: Faschist tötet sieben Mitglieder einer Familie. Minderheit beklagt zunehmende Angriffe. Linke HDP spricht von »Chaosplan« der Regierung
Von Emre Sahin
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»Kein Fußbreit dem Rassismus«: Protest und Gedenken an die Opfer am Sonnabend in Istanbul

Die Brutalität der Tat löste Entsetzen aus, die antikurdische Hetze der türkischen Regierung fordert ihre nächsten Opfer: In Konya hat ein Faschist am Freitag abend eine siebenköpfige Familie massakriert. Die ermordeten Yasar, Baris, Serpil, Serap, Ipek, Metin und Sibel Dedeogullari sind am Sonnabend unter großer Anteilnahme in der zentralanatolischen Stadt beigesetzt worden, berichtete die Nachrichtenagentur ANF. Parallel dazu fanden in Kurdistan, der Türkei und auch in Europa Protestkundgebungen statt.

Die Familie Dedeogullari war bereits zuvor Opfer eines Angriffs durch ihre türkischen Nachbarn geworden: Am 12. Mai drangen etwa 60 Faschisten mit Schlagstöcken in ihre Wohnung ein und verletzten die sieben Menschen schwer. »Wir sind Idealisten (Selbstbezeichnung der Anhänger der faschistischen Grauen Wölfe, jW) und werden euch hier nicht leben lassen«, hätten die Angreifer damals gesagt, berichtete Yasar Dedeogullari vor seinem Tod gegenüber dem Sender Rudaw. Die Gruppe wurde festgenommen, jedoch nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Seitdem warnte die Familie unermüdlich vor weiteren Angriffen.

Sie sollten leider Recht behalten: Eine Videoaufnahme der Tat kursierte am Sonnabend im Netz. Zu sehen ist, wie der Täter aus der Nachbarschaft zu Gast bei der Familie ist und sich etwa 20 Minuten mit ihnen unterhält, bevor er anschließend die Wohnung verlässt. Kurz darauf kommt er mit einer blauen Tüte in der Hand, in der die Tatwaffe steckt, wieder. Als er die Pistole auspackt, stürzen sich mehrere Familienmitglieder auf ihn und versuchen, ihm die Waffe abzunehmen. Vergeblich. Alle sterben an Ort und Stelle, der Täter entkommt.

Angriffe auf Kurdinnen und Kurden in der Türkei sind zwar nicht ungewöhnlich: In der Regel sind vor allem Saisonarbeiter, die in Hotels, auf Baustellen und Feldern in denjenigen türkischen Provinzen arbeiten, in denen eher wenige kurdische Geflüchtete leben, von solchen Attacken betroffen. Eine Wahl haben die Beschäftigten nicht: Kurdistan wird von der Türkei bewusst vernachlässigt, es herrscht Perspektivlosigkeit, und es mangelt an Jobs. Um über die Runden zu kommen, arbeiten viele deshalb zeitweise für einen Hungerlohn im Westen der Türkei.

Dennoch häuften sich zuletzt die Lynchmorde. In den vergangenen Tagen kam es auch in Ankara und Afyon zu Überfällen. Am 21. Juli wurde eine weitere Familie in Konya attackiert und am 17. Juni wurde die Aktivistin Deniz Poyraz im Parteibüro der linken HDP in Izmir erschossen. Koparteichef Mithat Sancar erklärte am Sonnabend: »Das Problem liegt in der Politik, die den Rassismus gegenüber Kurden überall verbreitet«. Die Medien würden diesen »Chaosplan« Tag für Tag umsetzen, so Sancar.

Damit meinte er unter anderem die Diskussionen um die heftigen Waldbrände in der Türkei. Diese drehen sich nicht etwa darum, weshalb das Land lediglich drei Löschflugzeuge hat, die zudem auch noch geliehen sind. Statt dessen werfen seit Tagen regierungsnahe Medien der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vor, die Brände gelegt zu haben. Die Yeni Safak schreibt, der PKK bleibe »aufgrund der erfolgreichen Operationen« der Armee gegen sie »nichts übrig«, als die Wälder der Türkei anzugreifen. Ähnliches sagte auch Präsident Recep Tayyip Erdogan am Sonnabend in Marmaris. Dort besuchte er Opfer von Waldbränden und verteilte an Menschen in Not: Tee.

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