3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 18. / 19. September 2021, Nr. 217
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 27.07.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Pandemie

Corona bleibt

In Israel bestimmt die Pandemie wieder die Politik. Trotz Impfkampagne steigen Fallzahlen an
Von Knut Mellenthin
03.jpg
Auch Jugendliche können sich in Israel mittlerweile gegen das Coronavirus impfen lassen (Aschkelon, 6.6.2021)

Das Coronavirus prägt wieder die Schlagzeilen der israelischen Medien und die Entscheidungen der Regierung in Jerusalem. Nachdem es im Frühjahr so scheinen konnte, als seien Kraft und Schrecken der Pandemie durch eine weltweit unübertroffene Impfkampagne gebrochen, steigen die einschlägigen Zahlen seit Mitte Juni wieder an – vermutlich vor allem wegen der Ausbreitung der Delta-Variante.

Was vermutlich auf längere Sicht noch schwerer wiegt: Laut vom Gesundheitsministerium herausgegebenen Zahlen können sich auch zweifach Geimpfte erneut infizieren und bilden einen erheblichen Anteil unter den schwer Erkrankten und Todesfällen. Wie mehrere israelische Medien berichteten, könnte die Wirkung des Impfstoffs – in Israel wird fast ausschließlich Comirnaty von Pfizer/Biontech eingesetzt – schon nach wenigen Monaten nachlassen. In Israel wurde damit begonnen, alte Menschen und Angehörige anderer »Risikogruppen«, wie etwa Patienten nach Organtransplantationen, zum dritten Mal zu impfen. Allerdings ist das bei manchen Krebserkrankungen wie festen Tumoren nicht zu empfehlen.

Am Montag wurden für den Vortag 1.398 »neue Fälle« gemeldet, was sachlich genauer mit positiven Testergebnissen zu übersetzen ist. Dieser Wert ist selbstverständlich von der Zahl der Tests abhängig, die in israelischen Medien – anders als in der BRD gehandhabt – unschwer zu finden ist. In diesem Fall waren 67.676 Menschen getestet worden. Das ergibt einen Anteil positiv Getesteter von 2,07 Prozent. Dieser Wert war seit März nicht mehr erreicht worden. Während früherer Pandemiewellen war in Israel jedoch mehr als ein Zehntel aller Tests positiv ausgefallen.

Ebenfalls den Angaben des Gesundheitsministeriums zufolge galten am frühen Montag 11.606 Israelis als »aktive Fälle«. Diese Zahl steigt gegenwärtig nur langsam an, da auf der anderen Seite jeden Tag Menschen nach negativen Tests aus der Statistik genommen werden. Auf dem Höhepunkt der dritten Welle waren im Januar mehr als 70.000 »aktive Fälle« gezählt worden.

Die Zahl der »ernsten Fälle« in den Krankenhäusern lag am Montag erstmals seit mehreren Monaten wieder leicht über 100, wobei 25 als »kritisch« angesehen werden. Wurden im Januar zeitweise mehr als 1.200 »ernste Fälle« behandelt, hatte es Anfang Juni mit 19 Fällen einen Tiefstand gegeben. Während der zweiten Welle hatte die Zahl im Oktober vorigen Jahres bei bis zu 850 gelegen.

Am Donnerstag wurde eine vom Gesundheitsministerium beauftragte Untersuchung eines renommierten israelischen Instituts veröffentlicht. Dort wurde die gegenwärtige Wirksamkeit des Impfstoffs Comirnaty gegen Infektionen mit nur noch 39 Prozent, aber der Schutz gegen ernste Erkrankungen mit 91 Prozent angegeben. Das sind jedoch nur Durchschnittswerte. Zum Beispiel wird die Wirkung gegen eine Infektion für Menschen, die schon im Januar geimpft wurden, nur noch mit 16 Prozent angegeben. Außerdem ist die Schutzwirkung gegen Erkrankungen für sehr alte Menschen geringer als für jüngere. Die konservative Tageszeitung Jerusalem Post berichtete am 21. Juli, dass von den 20 in diesem Monat an oder mit dem Coronavirus gestorbenen Menschen 15 voll geimpft gewesen seien. Die Zahl der tödlich verlaufenden Erkrankungen ist in den letzten Wochen zwar leicht angestiegen, doch weit entfernt von der dritten Welle, bei der im Januar 1.445 Israelis an oder mit dem Virus starben.

Die Untersuchungsergebnisse über die sich abschwächende Wirkung des Vakzins sind kontraproduktiv für die Anstrengungen der israelischen Regierung, die bisher noch nicht Geimpften – sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren – zur Impfung zu bewegen. Ministerpräsident Naftali Bennett bezifferte deren Zahl am Donnerstag mit einer Million von insgesamt neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Beide Zahlen hatte er zur Vereinfachung abgerundet. Der Premierminister warf den Ungeimpften vor, »die gesamte Bevölkerung zu gefährden«. Sie könnten künftig nicht mehr damit rechnen, dass ihre Tests aus Steuergeldern bezahlt würden.

Israelische Medien wie die linksliberale Haaretz äußerten Zweifel an der Aussagekraft der Untersuchung, da die zugrundeliegenden Daten »verzerrt« gewesen sein könnten. So werde ein signifikanter Anteil der Coronatests in Israel in sogenannten Hot Spots und unter älteren Menschen durchgeführt. Deutsche Medien stellten der Aussage über die nachlassende Wirkung des Vakzins Hinweise auf ganz andere Ergebnisse einer britischen Studie gegenüber. Wie israelische Wissenschaftler und Medien jedoch anmerkten, hinkt der Vergleich, da die Impfkampagne in Israel früher begonnen hat und auch die Testverfahren in beiden Ländern unterschiedlich sind.

Hintergrund: Deal des »Impfweltmeisters«

Vor einem halben Jahr wurde Israel in deutschen Medien als »Impfweltmeister« und internationales Vorbild gefeiert. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde im Januar und Februar so gut organisiert, massenhaft und schnell »durchgeimpft« wie im zionistischen Staat. Gemessen an der Zahl der Geimpften im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße lag Israel in dieser Zeit weit an der Spitze.

Ermöglicht wurde das »Wunder« durch ein Abkommen zwischen der damals noch von Benjamin Netanjahu geführten Regierung und dem Vakzinhersteller Pfizer/Biontech. In den zunächst vertraulich behandelten Vereinbarungen sicherte Israel zu, flächendeckend und in sehr hohem Tempo Massenimpfungen durchzuführen, deren detaillierte Ergebnisse dem Unternehmen kontinuierlich mitgeteilt werden sollten.

Offiziell hieß es dazu, nachdem dieser Umstand bekanntgeworden war, dass es sich ausschließlich um statistische, anonymisierte Daten handele. Trotzdem regte sich gegen diesen Teil der Abmachung Misstrauen in der Öffentlichkeit. Die Kritik veranlasste das Gesundheitsministerium schließlich, am 17. Januar Teile des auf den 6. April datierten Abkommens zu veröffentlichen, um zu demonstrieren, dass alles ganz harmlos und juristisch unbedenklich sei.

Im Gegenzug wurde Israel von Pfizer/Biontech bevorzugt, schnell, zuverlässig und durchgehend beliefert. Dazu trug Berichten israelischer Medien zufolge auch bei, dass die Regierung sich bereit erklärte hatte, für eine Dosis 23,50 US-Dollar zu zahlen. Zur gleichen Zeit berechnete das Unternehmen laut Washington Post den USA 19,50 und der EU 14,76 Dollar.

Ob Israel den hohen Preis wirklich zahlte, ist ungewiss. Schließlich wirkte das Land mit seinen vorzeigbaren Impferfolgen wie ein großer kollektiver Influencer und Werbeagent für Pfizer/Biontech. Ein anderer Nutznießer war Netanjahu, der den proklamierten Sieg über die Pandemie in den Dienst seiner Kampagne für die Wahl am 23. März stellte. Er war auch der erste, der sich am 19. Dezember impfen ließ. (km)

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Ähnliche:

  • Geschafft: Medizinische Fachkräfte der Universität Wuhan im kurz...
    01.07.2021

    Ammenmärchen des Westens

    Debatte. Leider nur das halbe Bild: »Zero-Covid«-Politik in China. Eine Replik auf Renate Dillmann
  • Rettung eines Säuglings aus einem Gebäude, das durch einen israe...
    21.05.2021

    Unehrlicher Makler Maas

    USA drängen Israel zu Waffenstillstand. Deutscher Außenminister versichert dessen Regierung, dass alles bleiben soll, wie es ist
  • Eine Rakete trifft am Sonnabend das 12stöckige Al-Jalaa-Hochhaus...
    17.05.2021

    Bomben gegen Presse

    Israelische Luftwaffe zerstört Medienhochhaus in Gaza. Italienische Hafenarbeiter blockieren Waffentransport für Tel Aviv

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!