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Aus: Ausgabe vom 18.05.2021, Seite 7 / Ausland
Neoosmanische Expansionspolitik

Giftgas gegen Kurden?

Nordirak: Guerilla beklagt Einsatz von Chemiewaffen und dschihadistischen Söldnern durch Türkei
Von Nick Brauns
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Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar (M.) besucht die Truppen an der Grenze zum Irak in der Provinz Hakkari (19.6.2020)

Seit drei Wochen versuchen türkische Invasionstruppen, sich im Bergland der an die Türkei angrenzenden Kurdistan-Region des Irak festzusetzen. Dabei kommt es zu intensiven Gefechten mit der in Höhlen und Tunnelsystemen verschanzten Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Zwar sei es den Angreifern gelungen, einige Gipfel zu besetzen und an manchen Orten ein paar Kilometer weit vorzurücken. Zudem versuche die Armee, die Guerillastützpunkte einzukesseln und voneinander abzuschneiden, nahm der Oberkommandierende der kurdischen Volksverteidigungskräfte (HPG), Murat Karayilan, am Sonnabend in einer vom kurdischen Fernsehsender Sterk TV ausgestrahlten Videobotschaft eine Zwischenbewertung vor. Doch bislang habe der Widerstand die überlegene Militärtechnik der Türkei ins Leere laufen lassen. Bis Mitte Mai seien 18 Guerillakämpfer gefallen, zu einigen weiteren bestünde kein Kontakt. Die Verluste der türkischen Armee gab Karayilan mit 187 Personen an, eine Bestätigung dafür aus Ankara liegt nicht vor.

Dort, wo sie nicht mehr weiterkomme, setze die türkische Armee chemische Kampfstoffe ein, behauptete Karayilan. Der Einsatz solcher durch das auch von Ankara unterzeichnete Übereinkommen über das Verbot chemischer Waffen von 1997 völkerrechtlich geächteter Kampfstoffe erfolge nicht großflächig, sondern punktgenau gegen einzelne Ziele. Als ein Beispiel für einen Chemiewaffeneinsatz benannte Karayilanz den Mamreso-Berg in Awaschin, der zu den ersten Zielen des Einmarsches gehörte. Zehn Tage habe dort eine Guerillaeinheit Widerstand geleistet, so dass der türkische Vormarsch gestoppt wurde. Daraufhin habe die Armee am 3. Mai Giftgas eingesetzt. Die Leichen der getöteten Guerillas seien anschließend von der Armee konfisziert worden.

Der jungen Welt liegen verstörende Fotos und Videos vor, die offenbar von türkischen Soldaten aufgenommen und über einen nationalistischen militärnahen Twitter-Account mit mehr als 26.000 Followern verbreitet wurden. Zu sehen sind tote Guerillakämpfer, die an Seile gebunden aus Höhlen geborgen werden. Die anschließend im Freien teilweise entkleidet aufgereihten Leichen weisen – soweit erkennbar – außer Hautrötungen keine äußeren Verletzungen etwa durch Schüsse auf. Die HPG hätten die Toten auf den Bildern als sieben ihrer am Mamreso-Berg gefallene Kämpferinnen und Kämpfer identifiziert, bestätigte gegenüber dieser Zeitung ein Medienverantwortlicher der Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK), der der Dachverband der PKK und ihrer Schwesterorganisationen ist.

Schon im Februar 2021, als die türkische Armee eine Operation im Gareebirge in der Kurdistan-Region im Irak aufgrund heftigen Guerillawiderstands bereits nach wenigen Tagen abbrechen musste, wurde nach Angaben der HPG Giftgas eingesetzt. Dabei seien 13 von der PKK in einer Höhle internierte türkische Kriegsgefangene sowie die Wachmannschaft des Gefangenenlagers ums Leben gekommen. Die Armee hatte die Leichen der Gefangenen in die Türkei mitgenommen und behauptet, diese seien von der PKK erschossen worden. Eine unabhängige Überprüfung der Todesursache fand nicht statt.

Karayilan warnte, dass der laufende Großangriff, der gleichzeitig in den Regionen Awaschin, Sap und Metina erfolgt, im Rahmen der neoosmanischen Gebietsansprüche Ankaras auf den Nordirak, Nordsyrien sowie das griechische Thrakien gesehen werden müsse. Wie schon bei den Besatzungsoperationen in Nordsyrien stützt sich die türkische Armee dabei auch auf Söldner. 450 syrische Dschihadisten, die zuvor bereits in Libyen zum Einsatz kamen, würden nun gegen die PKK eingesetzt, hatte die Nachrichtenagentur Anha vergangene Woche gemeldet. Nun würden Vorbereitungen getroffen, die Islamisten und ihre Familien im Dorf Keste in der derzeit noch schwer umkämpften Metinaregion anzusiedeln, um die dortigen kurdischen und jesidischen Bewohner zu vertreiben, meldete KCK-Sprecher Sagros Hiwa am Sonntag.

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