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Aus: Ausgabe vom 18.05.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

»Wir lachten wie kleine Kinder«

Über den letzten Oberligaspieltag, das Ende der DDR-Trainer und die glorreiche Zukunft des Halleschen FC. Ein Gespräch mit Bernd Donau
Von Frank Willmann
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»Lieber selbst ein Tor mehr schießen als der Gegner, anstatt darauf zu warten, dass der seine Chancen versemmelt« – Bernd Donau

Am 25. Mai 1991 wurde zum letzten Mal in der früheren DDR-Oberliga gekickt. Da war man schon Teil der BRD. Wir erinnern daran mit drei Interviews. Heute: Der Trainer. (jW)

Können Sie sich noch an Ihr letztes Spiel der Saison 1990/1991 erinnern?

Das war in Chemnitz, Ausgangsposition: um den Aufstieg in die 2. Bundesliga und in die UEFA-Cup-Teilnahme zu schaffen, mussten wir unentschieden spielen.

Chemnitz hätte Sie noch abfangen können?

Ja, das war alles eher knapp, zumal Chemnitz, trainiert von Hans Meyer, mit Rico Steinmann und Steffen Heidrich im Gegensatz zu uns zwei Starspieler in der Mannschaft hatte. Mein Torschütze vom Dienst erlöste uns, Lutz Schülbe, der Terrence Boyd von 1991. Danach waren wir fix und fertig, die extreme Anspannung fiel von uns ab, und wir lachten wie kleine Kinder.

Was waren Sie für ein Trainer?

Ich habe mich immer sehr gründlich mit dem Gegner beschäftigt und gern auch auswärts meine Mannschaft offensiv spielen lassen, um einem späteren »Ach, hätten wir doch etwas offensiver gespielt« von vornherein einen Riegel vorzuschieben. Lieber selbst ein Tor mehr schießen als der Gegner, anstatt darauf zu warten, dass der seine Chancen versemmelt. Nach dem Spiel in Chemnitz war ich stimmlich am Ende, ich konnte kein Wort mehr rausbringen. Nur ab in den Bus und zurück nach Halle.

Wie sahen die Feierlichkeiten danach aus?

Nicht so sehr viel. Wir waren nach dem Spiel in der Gaststätte »Zum Sportdreieck« mit unseren Frauen und engsten Freunden. Der Klub hat nichts Großes organisiert, Fans waren auch keine zugegen.

Waren HFC-Fans im Stadion?

Es ist weder beim letzten Heimspiel noch beim Spiel in Cottbus zu einem schlimmen Platzsturm gekommen, wir sind friedlich in der 2. Bundesliga gelandet.

Sie wurden 1990 überraschend Trainer des HFC, nachdem Sie zuvor im Nachwuchs der Hallenser beschäftigt gewesen waren.

Ich war lange in der DDR-Nachwuchsoberliga als Trainer unterwegs und kümmerte mich um hoffnungsvolle Talente und Spieler, die es nicht in die 1. Liga schafften. Ab 1984/1985 war ich Assistenztrainer der ersten Mannschaft. Der Vorschlag, mich in der letzten Saison als Chefcoach zu verpflichten, kam aus der Mannschaft. Diese Entscheidung war nicht falsch, da kann ich im Nachgang nicht widersprechen.

Wie war der HFC in die Saison gestartet?

Schlecht, die ersten Spiele wurden verloren. Erst am vierten Spieltag folgte der erste Sieg gegen das große Dresden. Danach zeigten wir eine solide Leistung und spielten bis zum Schluss oben mit.

Es folgte das Abenteuer 2. Bundesliga?

Unsere besten Spieler gingen weg, die neuen konnten diesen Verlust nicht kompensieren, am Ende fehlten drei Punkte, und der HFC stürzte für viele Jahre in die Bedeutungslosigkeit. Letztlich fehlte uns das Geld, um an die richtig guten Spieler zu kommen.

Wie ging es weiter?

Ich wurde 1992 entlassen. Seitdem kräht kein Hahn mehr nach mir. Im Osten vertraute man den alten DDR-Trainern nicht mehr. Jeder Verein wollte einen Coach aus dem Westen. Ich war Diplomsportlehrer, habe in Halle an der Sektion Sportwissenschaft studiert, das interessierte niemanden. Ich saß bis 1993 auf dem Sofa, egal, wo ich mich bewarb, es hagelte Absagen. Dann habe ich wieder im Amateursport als Trainer gearbeitet, Landesebene Sachsen-Anhalt. Ich war beim Großschlachter Tönnies im Büro und zum Teil bei der Tierannahme angestellt und habe nach der Arbeit Weißenfels trainiert. Später folgte eine ABM-Maßnahme bei Merseburg 99, früher unter dem Namen Chemie Buna Schkopau bekannt.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an die DDR-Oberliga denken?

Die Oberliga war die Bundesliga der DDR, mein Ziel war, dort als Trainer dabei zu sein und vor Zehntausenden Menschen zu spielen, das habe ich geschafft, dieses Gefühl bleibt. Toll waren die Derbys gegen Magdeburg, wobei ich zu den FCM-Leuten immer ein gutes Verhältnis hatte.

Gehen Sie noch zum HFC?

Ich habe eine Bindung über die alten Herren des HFC. Ich spiele zwar nicht mehr mit, doch wir treffen uns regelmäßig einmal die Woche. Ich bin seit 1976 in Halle dabei! Zu den Klubjubiläen werde ich regelmäßig eingeladen, die Heimspiele besuche ich, aber ich bin nicht im VIP-Raum anzutreffen, das ist nicht meine Welt. Aus dem Präsidium kenne ich keinen, ins Stadion gehe ich mit Freunden aus der Oldie-Mannschaft.

Wie schätzen Sie den heutigen HFC ein, und was trauen Sie dem Klub zu?

Jedes Jahr kommt eine neue Mannschaft, ich brauche immer eine Weile, um das einzuordnen. Die jetzige Truppe kann gegen jedes Team in der 3. Klasse gewinnen. Aber gegen jeden verlieren. Wir sind nicht stabil. Trotzdem freu’ ich mich, wenn ich bald wieder ins Stadion kann. Mir reicht die 3. Liga. 2. Liga bitte nicht!

Bernd Donau (75) war 1990/1991 Trainer des Halleschen FC

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