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Aus: Ausgabe vom 12.05.2021, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Gesinnung

Von Kai Köhler
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Ein Kreuz mit der Gesinnung (»Querdenker«-Proteste in Berlin, 18.11.2020)

Was »Gesinnung« ist, lässt sich am ehesten durch Abgrenzung zu anderen Begriffen feststellen. Anders als die Meinung ist sie nicht allein auf einzelne Themen bezogen, und sie wandelt sich allenfalls langsam. Darin ist sie zwar der Haltung verwandt. Doch ist Haltung eher formal als inhaltlich bestimmt; Neugier oder Mut sind Haltungen, ohne dass damit gesagt würde, worauf sich die Neugier richtet oder wofür der Mut eingesetzt wird. Auch zeigt sich die Haltung äußerlich, während die Gesinnung am Innerlichen gemessen wird. Man sieht zum Beispiel, wie jemand die alte, kranke Erbtante pflegt; man sieht nicht, ob aus Liebe, aus Pflichtgefühl oder mit Blick aufs Aktienpaket. Das aber entscheidet über die Gesinnung.

»Gesinnung« geht also aufs Ganze des Menschen. Doch ist sie auch von Weltanschauung oder gar Ideologie zu unterscheiden. Letztere sind weitgehend bewusst und beruhen auf Gründen, die mehr oder minder konsequent in einen Zusammenhang gebracht wurden. Die Gesinnung aber, wenngleich sie mit Inhalten verbunden ist und kaum je ganz unbewusst vorkommt, beruht auf einem moralischen Fundament. Zwar dürfte auch jede Weltanschauung mit Gefühlen verbunden sein. Doch ist dies bei der Gesinnung in viel größerem Maße der Fall. Man mag dem Menschen von edler Gesinnung mit vielen Beispielen das Garstige der Welt vorhalten – er wird von seiner moralischen Überzeugung dennoch nicht ablassen, weil es ihm nicht um Erkenntnis geht, sondern um gute Absichten.

Die Gesinnung muss indes nicht edel sein. Es gibt die »üble Gesinnung«. Wer dagegen glaubhaft macht, einer »Gesinnungsschnüffelei« zum Opfer zu fallen, hat sich die Sympathie seiner Mitwelt gesichert. Da aber Gesinnung auf Praxis wenig Rücksicht nimmt, gerät sie leicht in den Ruch moralisierender Weltfremdheit. Max Weber hatte es leicht, die »Verantwortungsethik«, die nach den Folgen des Tuns fragt, gegen die »Gesinnungsethik« auszuspielen, die eben dies versäume.

In Debatten der Gegenwart wird zwar das Wort Gesinnung nur selten verwendet, wohl weil man den Eindruck fürchtet, Gesinnungsschnüffelei zu betreiben. Doch in der Sache geht es immer mehr darum, die eigene gute Gesinnung der schlechten des Gegners entgegenzustellen. Zum Beispiel sollen die Schauspieler von »#allesdichtmachen« nicht nur eine falsche Kritik an der Coronapolitik geübt oder eine richtige Kritik falsch vermittelt haben, sondern auch gleich noch »Querdenker« und/oder Rechte sein. Die Gesinnungsdiskussion setzt Moral an die Stelle einer Auseinandersetzung über die Sache.

Neu ist, dass in vielen Fällen das Innerliche der Gesinnung mit körperlich-sozialen Merkmalen von »Rasse« und Gender verknüpft wird. Dies beruht auf dem zutreffenden Gedanken, dass erlebte Benachteiligung ebenso den Blick schärfen kann wie Privilegien Blindstellen erzeugen. Doch wird dieser Gedanke falsch, wenn man ihn absolut setzt. Ein Zugang zur Realität wird dann mit der Realität selbst verwechselt, und subjektive Erfahrung verdrängt die Verständigung über objektive Tatbestände. Dass per se und ohne Rücksicht auf Argumente recht bekommt, wer sich einer unterdrückten Gruppe zuordnen kann und schon damit vermeintlich die richtige Gesinnung bewiesen hat, betrifft zwar bislang nur Teile des Kulturbetriebs und kleinere Sektionen der universitären Geistes- und Sozialwissenschaften. Es liefert aber den Rechten Anlässe, mit Gründen über eine Cancel Culture zu klagen und ihrerseits die Unterdrückung von linken Positionen, die sie ohnehin betreiben würden, zu legitimieren.

Die linke Antwort darauf ist, sich nicht um »Gesinnung« zu kümmern, niemals moralisierend zu fragen, wer was sagen darf oder wer darauf empfindlich reagieren könnte, sondern ohne Rücksicht aufs jeweilige Gegenüber um die Sache zu streiten.

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