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Aus: Ausgabe vom 12.05.2021, Seite 8 / Inland
Pflegenotstand in der BRD

»Irgendwann bricht man unter dieser Last zusammen«

Internationaler Tag der Pflegenden: Schwierige Arbeitsbedingungen, viele geben Beruf auf. Gespräch mit Charlotte Maier
Interview: Annuschka Eckhardt
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Pflegerinnen und Pfleger demonstrieren schon seit einiger Zeit für bessere Arbeitsbedingungen (Berlin, 12.5.2020)

Seit Beginn der Coronapandemie wird intensiv über Pflege und Pflegekräfte diskutiert. Sie haben jahrelang in dem Beruf gearbeitet. Wie kam es dazu, dass Sie das heute nicht mehr tun?

Die körperliche Belastung war extrem hoch, und das permanent. Für ältere Pflegekräfte ist das eigentlich kaum zu bewältigen. Viele haben jahrelang Rückenprobleme, häufig auch Bandscheibenvorfällen. Ich selbst habe 2018 einen Bandscheibenvorfall erlitten. Dazu kommt der Personalmangel: Ich habe schon in meiner Ausbildung erlebt, wie die Belastung für einzelne, gerade junge Leute, immer größer wurde. Irgendwann bricht man unter dieser Last zusammen, und das ist mir im November 2020 auch passiert.

Was hat Ihren Arbeitsalltag besonders erschwert?

Der Personalschlüssel war viel zu gering: Bei uns waren im Schnitt zwei Personen für 22 Schwerstkranke zuständig. Es war generell schon kaum möglich, das Arbeitspensum zu schaffen. Nur das Mindeste zu tun brachte uns schon an unsere Grenzen: Die pflegerische Tätigkeit auszuüben, wie ich es gelernt habe, war nicht möglich.

Zusätzlich gab es keine Regelungen für Krankheitsausfälle. Zwar existierte ein Pflegepool, aber es hat im ganzen Haus akut »gebrannt«. Der Pflegepool sollte einen Tag vorher bestellt werden, bei spontan auftretendem Krankheitsausfall ist das natürlich keine Lösung. Den Rest des Tages war man dann auf sich alleine gestellt, musste für 22 Patientinnen und Patienten sorgen.

Was hat das für Patientinnen und Patienten bedeutet?

Wir konnten für viele Belange nicht da sein, für Ängste oder Wünsche. Wenn morgens bei Zweierbesetzung jeder fünf Patienten »von Hacken bis Nacken« waschen muss, verschiebt sich das restliche Arbeitsprogramm nach hinten. Bei der Körperpflege müssen Patienten eigentlich sehr genau beobachtet werden, um Veränderungen festzustellen. Das war unter diesem Zeitdruck nicht möglich. Pflegestandards konnten nicht eingehalten werde.

Wie war die Situation bezüglich der Arbeitszeiten?

Ich wurde ausgelacht, weil ich dachte, ich könne meine 40-Stunden-Woche einhalten. Pro Tag haben wir mindestens eine halbe Stunde mehr gearbeitet. Manche sind doppelt eingesprungen: Sie haben morgens eine Schicht übernommen, sind dann statt 14 Uhr schon um 12 Uhr nach Hause geschickt worden, um dann zur Nachtschicht aber wieder erscheinen zu müssen. Das ist arbeitsrechtlich eigentlich nicht erlaubt, war aber unser Alltag.

Hatte Ihr Ausscheiden mit der Coronapandemie zu tun?

Nein, nicht direkt. Die Belastung war schon vor Corona viel zu hoch. Wir waren viel zu wenig Pflegekräfte, und es war absehbar, dass wir noch weniger werden. Uns war klar: Sollte zum Beispiel eine Epidemie kommen, würden externe Pflegekräfte dazugeholt werden müssen, weil wir im Haus zu wenige waren. Die Politik hat nicht wirklich etwas für uns getan, im Gegenteil, sie hat gegen uns Pflegekräfte agiert.

Wo hat die Politik konkret gegen Sie gearbeitet?

Es wurde abgelehnt, dass die Pflege aus sich heraus eine Kammer (nach Vorbild von Ärzte- und Anwaltskammern, jW) bildet, eine eigene Stimme für sich schafft. Als Gesundheitsminister Jens Spahn 2018 für die Pflege verantwortlich wurde, wurde die Bundespflegekammer geschaffen, allerdings nicht mit uns Pflegekräften kooperiert. Die Pflege war gut dabei, eine eigene Stimme für den Berufsstand zu bilden, wir hatten zusammen mit Verdi viele Projekte gegründet. Das hat uns der Gesundheitsminister aus den Händen gerissen, hat seine Leute dafür eingesetzt, die zwar auch Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger waren, aber nicht für unsere Interessen gearbeitet haben. Uns wurde durch die Pflegekammer die Stimme genommen, wir wurden überhört. Niemand kümmerte sich um mehr Personal. Im Gegenteil verabschiedeten sich immer mehr Pflegekräfte aus dem Beruf. Die Belastung, das unmenschliche Verhalten, diese Massenabfertigungen waren schon damals sehr präsent. Es wollte niemand in dem Beruf arbeiten.

Charlotte Maier (Name geändert) ist Gesundheits- und Kranken­pflegerin und hat von 2014 bis 2020 in einem Uniklinikum in Niedersachsen gearbeitet

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