1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Mittwoch, 23. Juni 2021, Nr. 142
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 08.05.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Tag des Sieges

Kriegsveteranen des Sowjetvolks

Kampf gegen Hitlerdeutschland: Kirgisische Exsoldaten erzählen ihre Geschichte
Von Alexandre Sladkevich
1.jpg
Makisch Usakbajew: Gefreiter der 121. Schützendivision

Die Strophen eines bekannten sowjetischen Liedes lauten: »Wenn es morgen Krieg gibt, wenn der Feind angreift, wenn die dunkle Macht hereinplatzt, wird das ganze sowjetische Volk wie ein einziger Mensch für die freie Heimat aufstehen.« Daraus lässt sich schließen, dass die Sowjetunion einen multinationalen Staat darstellte, was auch in der sowjetischen Hymne bestätigt wurde: »Sichere Festung der Völkerfreundschaft!« Die verbreitete Redewendung, dass »die Russen«, oder abwertend »Iwans«, gegen Hitlerdeutschland kämpften, ist somit einseitig und pauschal. Die meisten Völker der UdSSR waren dem deutschen Gegner schlicht unbekannt, beziehungsweise hielt man es nicht für nötig, zu differenzieren. In den Worten des Generals der sowjetischen Luftlandetruppen Wassili Margelow: »Die Hautfarbe und die Augenform spielen keine Rolle, für die Feinde sind wir allesamt Russen.« – Gekämpft und gesiegt hat jedoch das vielfältige sowjetische Volk.

Russisch lernen

Es gab junge Soldaten in der Sowjetarmee, die sogar kein Russisch verstanden, als sie eingezogen wurden. Der Schlachtfeldarchäologe und Leiter des »Museums der Verteidigung von Tuapse«, Michail Balamatow, berichtet: »Die 408. Schützendivision wurde mit jungen Armeniern aufgefüllt. Sie wurden aus den Bergdörfern einberufen. Manche von ihnen beherrschten die russische Sprache überhaupt nicht, als sie im Oktober 1942 auf die Deutschen prallten. Als die Offiziere getötet wurden, irrten die desorientierten Soldaten ziellos umher. Viele gingen verschollen, wurden getötet oder verwundet. Die anderen wurden gefangengenommen oder sind freiwillig zu den Deutschen übergelaufen.«

Unbenannt-1.jpg
Bajkasak Arpatschijew: Kavallerist der Reiterarmee

Der 1923 in der kirgisischen Siedlung Barskoon geborene Makisch Usakbajew, Sohn eines armen Bauers, sprach auch kein Russisch, als er im August 1941 gleich nach der Schule einberufen wurde. »Im Oktober kam ich in die Oblast Saratow, wo sich das 55. Ausbildungsregiment der 121. Schützendivision befand. Dort absolvierte ich die dreimonatige Ausbildung. Neben Russisch wurde mir Schießen beigebracht, ich habe dort den Gebrauch von Waffen erlernt. Ich wurde MG-Schütze.« Die neben dem Militärwesen beigebrachten Sprachkenntnisse dienten primär dazu, die soldatischen Pflichten erfolgreich zu erfüllen. Im Januar wurde Usakbajew nach Saratow zur einer sechsmonatigen Scharfschützenausbildung geschickt und danach an die Front. Der Gefreite der Schützendivision erzählt: »An der 1. Ukrainischen Front unter dem Befehl Watutins (General Nikolai Fjodorowitsch Watutin, 1901–1944, jW) umzingelten wir in der Nähe von Korsun-Schewtschenkowski zehn deutsche Divisionen und vernichteten sie. Dann haben wir Christinowka, Schmerinka, Winniza befreit und kamen bis Schitomir. Unser 8. Spezialbataillon kämpfte später im 130. Rigaer Regiment in der Nordukraine, bei Borislaw, Drogobytsch und Stryi bis Dezember 1946 gegen die Banderisten.« Damit meint er die »Organisation Ukrainischer Nationalisten« unter Stepan Bandera. »Danach wurde ich nach Leningrad zum 55. Schützenregiment geschickt.«

Prägende Erinnerungen

1948 wurde Usakbajew für den ausgezeichneten Dienst geehrt: Vor der ausgerollten roten Fahne seines Regiments wurde er fotografiert. Im selben Jahr wurde Usakbajew entlassen. »Stalin sagte: ›Die Gerechtigkeit ist auf unserer Seite, wir werden siegen‹, so haben wir den großen Sieg errungen!« Erst nach der Heimkehr bekam der Rotarmist die Möglichkeit, sich ausbilden zu lassen. Er absolvierte die Parteischule des Gebiets Yssykköl und gleichzeitig das pädagogische Institut, beide mit »sehr gut«. Danach bekleidete er verschiedene hohe Parteiposten, war auch Bildungswesen tätig, unter anderem als Schulleiter. Seit 1989 ist er Rentner. Makisch hat zwölf Kinder, 43 Enkelkinder und 13 Urenkel.

03 Sattar Kalschigitow Kopie.jpg
Sattar Kalschigitow: Unteroffizier der 221. Division

Bajkasak Arpatschijew wurde 1919 im kirgisischen Gebiet Tschüi geboren. Er sprach kaum Russisch, als er einberufen wurde. Es fällt ihm immer noch schwer, seine Geschichte in dieser Sprache zu erzählen, aber die Eckdaten kriegt der Kavallerist der Reiterarmee doch hin: »1941, als mein Wehrdienst zu Ende ging, brach der Krieg aus. Ich blieb in der Armee. 1941 kämpfte ich bei Moskau, wir schlugen die Deutschen ganze 500 Kilometer zurück. Ich kämpfte auch an der 1. Belorussischen Front unter dem Befehl Rokossowskis (Marschall der Sowjetunion Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski, 1896–1968, jW) und an der 1. Ukrainischen Front. Bei Smolensk gerieten wir in einen Kessel. Die Einkesselung dauerte acht Monate. Im Winter gaben uns Fallschirmjäger die nötige Unterstützung. 1944 brachen wir durch. Ich nahm auch an der Befreiung von Königsberg teil, dafür erhielt ich eine Medaille. Von Moskau kam ich bis nach Berlin, wo wir 1945 den Sieg errangen. 1946 wurde ich demobilisiert.« Das Sakko von Arpatschijew schmücken auch stolz zwei besondere Medaillen: »Für Verdienste im Kampf« und die ehrenvolle »Für Tapferkeit«. Seine Erscheinung rundet ein Kalpak, eine typische kirgisische Mütze ab.

Der 1925 im kirgisischen Dorf Katran geborene Sattar Kalschigitow ist mit seinem Kalpak auch unzertrennlich. Kalschigitow war ab dem 11. März 1944 an der 1. Ukrainischen Front eingesetzt. Der Unteroffizier des 705. Schützenregiments der 221. Division erinnert sich: »Ich wurde am rechten Bein verwundet. Nach drei Monaten im Hospital kehrte ich an die Front zurück. Am 14. Juni 1944 wurde ich während eines Gefechts erneut am rechten Bein schwer verletzt. Am 28. Dezember 1944, nach dem Aufenthalt im Hospital in Kislowodsk, bekam ich von der ärztlichen Kommission einen sechsmonatigen Genesungsurlaub gewährt. Ich war zu Hause, als der Sieg errungen wurde.« Später wurde der mit dem Orden des Großen Vaterländischen Krieges und anderen Medaillen ausgezeichneten Kalschigitow Vater von fünf Kindern. Er war erst als Lehrer und später als Postbote tätig.

04 Sraschdin Balbekow.jpg
Sraschdin Balbekow: Hauptfeldwebel der 192. Schützendivision

An vorderster Front

Sraschdin Balbekow kam 1919 in der kirgisischen Siedlung Japalak zur Welt. Er berichtet ausführlicher über seine Kriegsjahre: »Der Krieg begann für mich bei Moskau, auf der Wolokolamsker Chaussee. Ich nahm an der Befreiung von Rschew, Wjasma und Smolensk teil. Später waren Orscha, Kritschew und Bialystok in Belorussland dran. Dann marschierten wir durch Polen – Torun, Bydgoszcz, Krakow, Gdansk. Von dort ging es durch Deutschland. 1945 wurde der Krieg dort beendet.« Die Kriegsroute war für den Hauptfeldwebel des 753. Schützenregiments der 192. Schützendivision mit vielen Strapazen verbunden. »Ich war genau an der vordersten Frontlinie! Als Kommandeur einer 120-mm-Minenwerfergruppe, Instrukteur für Luftabwehr und Komsomol-Organisator im 1. Bataillon meines Regiments. Später wurde ich bei der 260. Feldreparaturwerkstatt eingesetzt. In Belorussland an der 2. Weißrussischen Front gab es sehr schwere Gefechte. Die vielen Sümpfe erschwerten die Vorwärtsbewegung. Ich setzte zwei deutsche Panzer in Brand. Vier Stunden lang wehrten wir die Deutschen ab, damit sie die Siedlung Ljady in der Oblast Mogiljowskaja nicht einnehmen konnten. Alle Befehle haben wir vollständig erfüllt – und erkämpften den Sieg!« Mit zwei Orden des Großen Vaterländischen Krieges, der Medaille »Für Tapferkeit« und vielen anderen wurde Balbekow für seine Verdienste ausgezeichnet. Nach dem Krieg wurde er vom Lehrer zum stellvertretenden Bildungsminister. Ihm wurde als Auszeichnung der hohe staatliche Orden »Zeichen der Ehre« verliehen. Im Gebiet Osch gründete Balbekow noch das dortige Tourismusamt. Jedoch blieb er auch dem Krieg verhaftet – als stellvertretender Vorsitzender des Kriegsveteranenverbands des kirgisischen Gebiets Osch.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Horst Neumann (12. Mai 2021 um 12:05 Uhr)
    Danke für die schöne Würdigung der noch lebenden Kriegsteilnehmer der sowjetischen Armee. Die junge Welt unterscheidet sich hier wohltuend von den dominanten Medien, für die der 8. Mai 2021 außer einem kurzen Hinweis auf die Parade in Moskau kein Thema war. Erstmalig fand dieser Tag auch für die deutsche Politik nicht statt. Vor einem Jahr hatten Frau Merkel und Herr Steinmeier anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus noch Erklärungen abgegeben, allerdings ohne die Sowjetunion, Russland oder die Sowjetarmee auch nur einmal zu erwähnen. Das war schon neu. Die Befreiung vom Faschismus scheint irgendwie über uns gekommen zu sein – wie der Faschismus 1933 wohl auch. Erfreulich, dass es trotz dieser offiziellen Haltung der Regierung eine Vielzahl von Initiativen und Gedenkveranstaltungen gab. Es war schön zu sehen, wie am Ehrenmal im Treptower Park eine große Anzahl junger Familien Blumen niederlegte. Die Kinder wurden so in dieses wichtige Gedenken einbezogen. Die Hetze gegen Russland erlebte hier eine Zurückweisung, obwohl die Außenminister der »G 7« gerade in Gutsherrenmanier neue Forderungen und Drohungen gegen Russland bei ihrem Treffen in London formuliert hatten. Die Militärparade am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau zeugte nicht nur vom russischen Nationalbewusstsein, sondern demonstrierte auch die Fähigkeit zu einer effektiven Verteidigung. Zu hoffen bleibt, dass die Herren der NATO, die Russland trotz des 8. Mai 1945 zum Feind erkoren haben, nicht von ihrer Arroganz geblendet werden und das reale Kräfteverhältnis richtig einschätzen können, auch militärisch.

Ähnliche:

  • Polens Militärmachthaber schreitet seine Truppen ab. Jozef Pilsu...
    20.03.2021

    Polens Pyrrhussieg

    Vor 100 Jahren teilten sich Warschau und Moskau im Frieden von Riga Belarus und die Ukraine
  • Ilja Ehrenburg, geboren am 26. Januar (gregorianischer Kalender)...
    26.01.2021

    Inkarnation seiner Epoche

    Vor 130 Jahren wurde der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg geboren

Mehr aus: Wochenendbeilage