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Aus: Ausgabe vom 08.05.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Schutz vor Ausbeutung

Die Pariser Kommune schaffte 1871 die Nachtarbeit für Bäcker ab, löste das städtische Leihhaus auf und beseitigte Strafabzüge vom Lohn. Auszug aus Lissagarays Geschichte des Aufstandes
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Proklamation der Machtübertragung an den Rat der Pariser Kommune, Bataillone der Nationalgarde sind auf dem Rathausplatz (28. März 1871)

Die Delegation für Arbeit und Handel tat wirklich etwas fürs Volk. Sie war ausschließlich aus revolutionären Sozialisten zusammengesetzt und hatte sich die Aufgabe gestellt: »Alle Reformen, die in den öffentlichen Ämtern der Kommune und in den Beziehungen zwischen den Arbeitern – weiblichen wie männlichen – zu den Unternehmern durchzuführen seien, die Revision des Handelsgesetzbuches, der Zolltarife, die Reform aller Steuern und die Einrichtung einer Arbeitsstatistik.«

Der Delegierte Leo Frankel (1844–1896, Mitglied der I. Internationale, enger Freund der Familie Marx, 1889 Mitbegründer der II. Internationale, jW) berief eine Kommission aus Arbeitern. In den Bezirken wurden Arbeitsnachweise eingeführt. Auf Verlangen der Bäcker wurde die Nachtarbeit unterdrückt. Ein Dekret über die Auflösung des städtischen Leihhauses und eins über die Abzüge vom Lohn wurden vorbereitet; das Dekret über die Enteignung der von den Unternehmern geschlossenen Werkstätten wurde befürwortet.

Den Opfern des Krieges und den Bedürftigen wurden ihre im Leihhaus hinterlegten Pfänder kostenlos zurückgegeben. Der Bericht über diese Frage schloss mit den Worten: »Es versteht sich, dass der Auflösung des städtischen Leihhauses Mont-de-Piété eine soziale Organisation folgen muss, die den Arbeitslosen wirkliche Hilfe und Unterstützung sichert. Die Errichtung der Kommune macht neue Einrichtungen notwendig, durch die der Arbeiter vor der Ausbeutung durch das Kapital geschützt wird.«

Das Dekret über die Beseitigung der Lohnabzüge machte einer der schreiendsten Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems ein Ende. Die Strafen, um die es sich handelte, wurden von dem Unternehmer oft unter den nichtigsten Vorwänden verhängt, er war zugleich Partei und Richter in einer Person. Das Dekret über die geschlossenen Werkstätten gab der besitzlosen Masse wieder das Eigentum an ihrer Arbeit zurück. Eine von den Arbeitskammern ernannte Untersuchungskommission sollte das Inventar der verlassenen Werkstätten aufnehmen, die in die Hände der Arbeiter übergingen. Auf diese Weise sollten »die Expropriateure selbst expropriiert werden«. Ohne Zweifel enthielt das Dekret Lücken, zumal der Artikel über die Genossenschaften, denen die Werkstätten übergeben werden sollten. Es wäre nötig gewesen, eine Reihe ergänzender Dekrete herauszugeben, was in diesen Kampftagen unmöglich war. Aber das Dekret gab wenigstens eine Idee von den Zielen der Arbeiter, und wenn die Revolution vom 18. März auf ihrer Habenseite nur das Wirken des Komitees für Arbeit und Handel hätte buchen können, dann hätte sie für die Arbeiter mehr getan als alle bürgerlichen Parlamente Frankreichs seit dem 5. Mai 1789 (an diesem Tag traten die Generalstände zusammen, Beginn der Großen Revolution, jW).

Die Delegation der Arbeit verlangte Klarheit über die Geschäfte der Intendantur (Wirtschaftsverwaltung, jW). Sie zeigte, dass die Preissenkungen auf die Arbeitslöhne und nicht auf den Profit der Unternehmer drückten, die sich jedem Preise unterwarfen, in der Gewissheit, sich jederzeit am Arbeiter schadlos zu halten. »Und die Kommission ist blind genug, solche Manöver zu unterstützen«, sagt der Bericht, »und das in einem Augenblick, wo sich der Arbeiter dafür töten lässt, dass er von dieser Ausbeutung befreit werde!« Der Delegierte forderte, dass in den Kaufverträgen die Lohnhöhe angegeben werden müsse, dass die Aufträge vorzugsweise den Arbeiterverbänden gegeben werden sollten, und dass die Preise gemeinsam zwischen Intendantur, Verbandsleitung und den Delegierten für Arbeit und Handel festgesetzt werden sollten.

Um die finanziellen Gepflogenheiten aller Delegationen zu überwachen, setzte die Kommune im Mai eine oberste Rechnungskommission ein.

Im ganzen muss festgestellt werden, dass außer der Delegation für Arbeit alle anderen Delegationen ungenügend arbeiteten. Alle begingen denselben Fehler. Sie hatten zwei Monate lang die Archive der Bourgeoisie seit 1789 in ihrer Hand. Der Rechnungshof lieferte die Geheimnisse der offiziellen Durchstechereien, das Justizministerium: die Servilität und die Verbrechen der Richter, das Stadthaus: die Akten über die Revolutionen von 1815, 1830, 1848 und 1851, die Polizeipräfektur: die ganze schmutzige Wäsche der Gesellschaft. Die Diplomatie aller Länder fürchtete, die Akten des Auswärtigen Amtes würden publiziert werden. Man konnte vor den Augen des ganzen Volkes die geheime Geschichte der Revolution, des Direktoriums, des ersten Kaiserreichs, der Julimonarchie, von 1848 und Napoleons III. ausbreiten. Es genügte, die Beweisstücke abzudrucken und der Zukunft die Beurteilung zu überlassen. Man veröffentlichte nur zwei oder drei Aktenstücke. Die Delegierten schliefen neben diesen Schätzen, anscheinend ohne eine Ahnung zu haben, was sie da besaßen. (…)

Prosper-Olivier Lissa­garay: Histoire de la Commune de 1871, Brüssel 1876. Hier zitiert nach: Lissagaray: Der Pariser Kommune-Aufstand. ­Soziologische Verlagsanstalt, Berlin 1931, ­Seiten 235–237

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