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Aus: Ausgabe vom 08.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Utopie der B-Seite

Lew Lewis zeigte uns, was Musik wirklich bedeuten kann. Mehr als ein Nachruf
Von Berthold Seliger
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Mit der Mundharmonika hatte Lew Lewis mehr Erfolg als mit der Wasserpistole

Es gibt Musiker im Genre der »Zeitkultur« (um einen allgemeinen Begriff zu nutzen, der die Einordnung von Musik in die Schubladen von Genres und Subgenres verweigert), die vom System der Musikindustrie und des mit ihr symbiotisch verbundenen Musikjournalismus ignoriert werden. Einige von ihnen bleiben ewiger Geheimtip, andere haben eine kleine, aber treue Gruppe von Fans, wieder andere kehren nach kurzen und meist unangenehmen, nicht selten sogar düsteren Erlebnissen in der unerbittlichen Maschinerie des Musikgeschäfts in ihre ursprünglichen Berufe zurück. Gescheiterte, Außenseiter, Verlierer und Genies – und mitunter alles zugleich.

Ich weiß nicht, ob ich vom Tod des Musikers Lew Lewis erfahren hätte, wenn mir heute morgen Twitter nicht den Post eines anderen genialen Außenseiters der Musikszene in die Timeline gespült hätte: Wreckless Eric, der in der zweiten Hälfte der 70er Jahre mit seinem Hit »Whole Wide World« selbst ein paar Monate musikalischen Weltruhms (wenn man das so sagen will) erlebt hat. Von ihm stammt eines der großartigsten Bücher über das Musikgeschäft, nämlich »A Dysfunctional Success« – ein Buch, das immer noch von viel zu wenigen Menschen gelesen wird, die es angeht, etwa von jungen Musikern und Kulturarbeitern, weswegen sich die Musik heutzutage eben größtenteils anhört, wie sie sich anhört, und weswegen das Musikgeschäft immer noch so ist, wie es ist. Dieser Wreckless Eric also schrieb auf seinem Blog einen wunderbaren, herzerwärmenden Text über eben jenen Lew Lewis, und wer noch einen Rest von Empathie und Musikgeschmack in sich verspürt, sollte diesen Text lesen und weinen. Kein Nachruf soll das sein und keine Huldigung, stellt ­Wreckless Eric (der im wirklichen Leben Eric Goulden heißt) klar, bloß ein Stück darüber, wie sich sein und Lewis Wege gekreuzt haben – und über das Leben …

Und dieses Leben war rauh. Lew Lewis war Bauarbeiter und spielte Mundharmonika. Er wuchs in derselben Straße auf wie Lee Brilleaux, der Frontmann von Dr. Feelgood, und die Legende will es, dass Lew von Lee das Harmonikaspiel beigebracht bekam. 1969, mit 14 Jahren, gehörte Lew Lewis zur Southside Jug Band, zusammen mit diversen Musikern, die später die Band von Dr. Feelgood bilden sollten. 1975 spielte er auf den ersten Singles von Eddie and the Hot Rods. Und als Lee Brilleaux 1976 dem Label-Startup Stiff Records mit einem Darlehen die Gründung ermöglichte, empfahl er seinem Kumpel Lew Lewis, doch mal mit den Stiff-Leuten zu reden. So erschien 1976, Lewis war gerade 21 Jahre alt, die ­Single »Boogie on the Street« als fünfte Single des Stiff-Labels überhaupt – noch vor den Singles von Richard Hell, Elvis Costello, Ian Dury und eben Wreckless Erics »Whole Wide World« (die erste Single des Stiff-Katalogs war übrigens Nick Lowes »So It Goes«). »Boogie on the Street« war im Feelgood-Hauptquartier ohne Schnickschnack direkt auf ein Revox-Tonbandgerät eingespielt worden, und »and his Band« waren Musiker von Dr. Feelgood. Der Song ist ein ungeschöntes Bluesrock-Ungetüm mit einer Art Rockabilly-Gesang und einer Sorte von Harmonikaspiel, die schwärzer kaum sein kann. Mississippi goes Essex, England. Herausragend aber die B-Seite: »Caravan Man«, ein Song, der wie verrückt groovt – schlicht grandios, »frenetisch und vage formlos, R ’n’ B meets Uptown Dub mit einem Rant, den ich in 44 Jahren noch nicht entziffert habe«, schreibt Wreckless Eric. Wer heute einen Song wie »Caravan Man« hört, bekommt eine Vorstellung, wie sich »alles« hätte entwickeln können, wenn, ja wenn … wenn »das System« (Goulden) nicht so wäre, wie es im herrschenden Kapitalismus nun einmal ist. Einer wie Lew Lewis, schreibt Goulden, brauchte Hilfe, und er brauchte etwas, wofür es in der deutschen Sprache nicht einmal einen Begriff gibt: »Compassion«, was eben mehr bedeutet als »Mitgefühl« oder »Mitleid«. »Das System«, die Musikindustrie gab ihm nichts davon.

Lew Lewis spielte seine grandiose, vom Stil Little Walters geprägte Mundharmonika auf Alben der Stranglers und von The Clash, er hatte eine Zeit lang eine eigene Band, die »Reformer«, spielte in den 80ern mit Wilko Johnson, verschwand wegen eines Überfalls auf ein Postamt (mit einer Wasserpistole!) ein paar Jahre im Knast, fing sich irgendwie, arbeitete als Dachdecker und trat zuletzt wieder auf, spielte 2011 sogar eine Tour in Japan. Im April starb der Musiker, und die Musikwelt nahm praktisch keine Notiz von seinem Ableben.

Wer heute »Caravan Man« oder andere der Bluesrock-Perlen und Song-Trouvaillen aus dem Mikrokosmos von Lew Lewis hört, bekommt eine Ahnung davon, was Musik wirklich bedeuten kann – die Idee einer anderen Welt und ihrer Möglichkeiten. R. I. P.!

Lew Lewis: Save the Wail (Stiff, 1979)

Eric Gouldens Blog: thedysfunctionalworldof.blogspot.com

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