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Aus: Ausgabe vom 05.05.2021, Seite 16 / Sport
Sexualisierte Gewalt

»Was wir sehen, ist die Spitze des Eisbergs«

Über die Notwenigkeit eines nationalen Zentrums für »Safe Sport«. Gespräch mit Maximilian Klein
Von Andreas Müller
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»Der Handlungsdruck ist hoch«: Machtverhältnisse erschweren den Kampf gegen Gewalt im Sport

Am heutigen Mittwoch werden Sie bei einer öffentlichen Anhörung im Bundestag über »Physische, psychische oder sexualisierte Gewalt gegen Sportlerinnen und Sportler« mit am Tisch sitzen. »Athleten Deutschland« hat die Gründung eines Zentrums für »Safe Sport« angeregt. Weshalb braucht es eine solche Institution?

Psychische, physische und sexualisierte Gewalt und Missbrauch stellen nicht nur im Leistungssport, sondern auch im Breitensport weitverbreitete Probleme dar. Es gibt strukturelle und kulturelle Merkmale des Sports, die sich nachteilig auf den Kampf gegen Gewalt auswirken. Das können zum Beispiel familiäre Nähe oder Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zwischen Schutzbefohlenen und Autoritätspersonen sein. Darum kann und sollte der organisierte Sport den Kampf gegen Gewalt nicht allein führen. Der Sport kann sich nicht selbst beaufsichtigen – es braucht eine Art Gewaltenteilung.

Weswegen Sie soviel Wert auf den Fakt legen, dass es Ihnen um ein unabhängiges Zentrum für »Safe Sport« geht?

Ja, denn diese systemimmanenten Herausforderungen sind für Sportorganisationen von innen und aus eigener Kraft heraus kaum auflösbar. Deshalb sind wir der Überzeugung, dass es eine unabhängige Organisation braucht – also ein unabhängiges Zentrum für »Safe Sport«. Das könnte ein wichtiger Baustein eines größeren Struktur- und Kulturwandels im deutschen Sport sein und Aufgaben im Bereich des Präventionsmonitorings, der Intervention und der Aufarbeitung übernehmen.

Zusätzliche Aktualität erhält Ihr Vorschlag nach Ermittlungen im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt im Boxsport in Baden-Württemberg, mit dem Rücktritt von Thomas Lurz als Bundestrainer im Freiwasserschwimmen nach Vorwürfen sexueller Belästigung und durch Schikanevorwürfe gegen die Chemnitzer Turntrainerin Gabriele Frehse. Wie akut ist das Problem?  

Die zuletzt bekanntgewordenen Fälle haben auf traurige Art und Weise die dunkelsten Seiten des Sports zum Vorschein gebracht. Leider war das für uns nicht überraschend. Wir dürfen nicht naiv sein und den Fehler machen, von Einzelfällen auszugehen. Was wir sehen, ist die Spitze des Eisbergs. Die meisten Betroffenen trauen sich immer noch nicht, darüber zu sprechen. Manchen werden ihre eigenen Missbrauchs- und Gewalterfahrungen erst Jahre später bewusst. Wir werden als unabhängige Athletenvertretung in letzter Zeit auch verstärkt von Betroffenen kontaktiert. Diese teils unterschiedlich gelagerten Fälle führen jedes Mal aufs neue vor Augen, wie akut der Handlungsdruck ist und welche fundamentalen Herausforderungen im Umgang mit Fällen von Gewalt- und Missbrauch vorherrschen.

Im organisierten Sport gibt es schon Ansprechpartner für derart sensible Themen. Worin liegt der Vorteil einer Zentrale?

Die Betroffenen setzen bei diesem Thema nach unseren Erfahrungen eher weniger Vertrauen in bereits bestehende Strukturen und Ansprechstellen des Sports. Sie haben Angst, dort kein Gehör zu finden, dass man ihnen nicht glaubt, dass sie nicht geschützt werden oder nicht anonym bleiben können. Ansprechpersonen in den Verbänden unterliegen auch oft Interessenkonflikten, weil sie im Zweifel zwischen Verbands-, Arbeitgeber- und Betroffeneninteressen stehen. Es braucht deshalb dringend eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene aus dem Sport. Sie müssen sicher sein können, dass jeder Meldung konsequent nachgegangen wird und Verstöße entsprechend geahndet werden. Auf der anderen Seite merken wir, dass Verbände und Vereine oft überfordert sind. Ein Zentrum für »Safe Sport« soll sie stärken und unterstützen, ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen. Es wäre also für den organisierten Sport kein Zeichen der Schwäche, unserer Idee für eine starke, unabhängige Kompetenz- und Anlaufstelle zu folgen. Ganz im Gegenteil.

Ihr Impulspapier von Ende Februar soll eine Diskussionsgrundlage für den gesamten deutschen Sport sein. Welches Feedback gibt es nach über zwei Monaten?

Unsere Anregungen sind innerhalb von kürzester Zeit auf breite Unterstützung getroffen – damit hatten wir gar nicht gerechnet. Das wichtigste dabei ist, dass wir positive Rückmeldung von Betroffenen und Athleten bekommen, denen wir helfen wollen. Auch seitens der Wissenschaft, der Praxis, der Politik und von Sportverbänden kommt viel Unterstützung. Das zeigt: Unsere Ideen sind mehrheitsfähig.

Gibt es international Strukturen, die als Vorbild taugen könnten?

Viele Länder stehen vor ähnlichen strukturellen Herausforderungen. In Ländern wie Kanada, Großbritannien, aber auch in der Schweiz und in den Niederlanden werden die gleichen Diskussionen geführt. In den USA wurde nach dem Missbrauchsskandal im US-Turnen ein »Center for Safe Sport« aufgebaut. Wir sollten also in Deutschland von den Erfolgen, aber auch von den Fehlern im Ausland lernen. Wichtigste Bedingung dabei ist, dass wir mit breiter Beteiligung von Betroffenen und Athleten handeln.

Wann sollte das Zentrum für »Safe Sport« spätestens seine Arbeit aufnehmen?

Das Zentrum für »Safe Sport« hätte die Arbeit besser gestern als morgen aufgenommen. Es gibt noch viele ungeklärte rechtliche, inhaltliche und finanzielle Fragen. Jetzt müssten eine Machbarkeitsstudie und ein Grobkonzept folgen; dazu ist natürlich auch ein breit angelegter Dialog mit allen Akteuren nötig. Natürlich wissen wir, dass so etwas seine Zeit braucht. Und dabei dürfen wir den akuten Handlungsdruck nicht aus den Augen verlieren: Betroffene brauchen dringend zumindest eine unabhängige Anlaufstelle, die Teil eines größeren Zentrums für »Safe Sport« mit Kompetenzen in mehreren Handlungsfeldern sein kann.

Was, wenn es beim bloßen Impuls bleibt?

Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Dafür ist der Handlungsdruck zu hoch. Die positive Resonanz vieler Akteure, gerade auch aus dem Sport, zeigt ja, dass wir einen guten Ansatz verfolgen. Wir haben jetzt die Chance, Deutschland zum weltweiten Vorreiter im Bereich »Safe Sport« zu machen.

Maximilian Klein ist Beauftragter für Internationales bei der Interessengemeinschaft »Athleten Deutschland e. V.« und legte das Impulspapier mit Anregungen für ein Unabhängiges Zentrum für »Safe Sport« Ende Februar gemeinsam mit deren Geschäftsführer Johannes Herber vor

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