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Aus: Ausgabe vom 05.05.2021, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Cancel Culture

Von Marc Püschel
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Anonym Kritik üben können: Für die Herrschenden eine der Schattenseiten des Internets

Wie schön wäre es, wenn der politische Gegner einfach schwiege? Oder bescheidener: wenigstens kein »Tatort« mehr mit Jan Josef Liefers? Diese himmlische Ruhe durchzusetzen scheint Anliegen der sogenannten Cancel Culture zu sein. In dem Ausdruck, bevorzugt als Kampfbegriff der konservativen Presse gebräuchlich, vermischen sich verschiedene Bedeutungen. Die erste – und ursprüngliche – meint das öffentliche Kritisieren von rassistischen, sexistischen oder andersartig diskriminierenden Personen oder Gruppen. Kleine schwarze Communitys, die vor Jahren begannen, in den sozialen Medien »Call-outs« zu machen, das heißt Rassisten öffentlich anprangerten, gelten als Vorreiter. Der berühmteste vorläufige Höhepunkt ist sicherlich die feministische Me-Too-Bewegung.

Die zweite Bedeutung baut auf dieser Form der öffentlichen und scharfen, mitunter polemischen oder auch beleidigenden Kritik auf. Zusätzlich werden nun Konsequenzen wie beispielsweise Entlassungen oder Boykottmaßnahmen gefordert. Die dritte Erscheinungsweise geht über zum direkten Verhindern von Auftritten rechter Personen – etwa indem durch Störungen oder Blockaden der Abbruch von Vorlesungen und Reden erzwungen wird. Andere Veranstaltungen finden gar nicht erst statt, werden aus Angst vor zuviel Kritik vorsorglich abgesagt. Daher leitet sich der Begriff Cancel Culture auch vom englischen »to cancel« (absagen) her. Die vierte Bedeutung schließlich erweitert dieses Canceln auch auf historische Personen oder Gegenstände. Das Stürzen von Kolonialherrenstatuen oder der Kampf gegen einen universitären Kanon, der auch rassistische Autoren umfasst, stehen hier im Vordergrund.

Ganz schlimm sei das alles, so hämmern uns Springer und Co. fast täglich ein. In bürgerlichen Augen ist die Cancel Culture ein Angriff des linken Pöbels auf die liberale Meinungsfreiheit und den gepflegten öffentlichen Diskurs. Gar Zensur und Unterdrückung, wird ge(t)wittert. Schon die Folgen führen diese Empörung ad absurdum, denn wer einmal von links auch nur schief angeschaut wird, scheint ein Exklusivinterview im Fernsehen oder im auflagenstärksten Blatt der BRD sicher zu haben. Tapfer können die Kritisierten einem Millionenpublikum erklären, wie sehr sie unterdrückt werden. Statt beruflichen und gesellschaftlichen Ausschlusses wird meist noch mehr mediale Aufmerksamkeit gewährt.

Im gleichen Atemzug werden linke Aktivisten ermahnt, in einer Demokratie doch bitte mit allen ruhig und friedlich zu diskutieren. Doch mit den Ausgebeuteten und Diskriminierten zu reden, fällt den großen Medienkonzernen und den meisten Intellektuellen gar nicht erst ein. Und angesichts von FDJ- wie KPD-Verbot und Radikalenerlass, in deren Folge Tausende Kommunisten und Linke mit der Gewalt des Staates aus ihren Berufen und sozialen Zusammenhängen herausgedrängt wurden und oft sogar im Gefängnis landeten, nimmt sich die vorwiegend im Internet stattfindende linke Kritik an einer Handvoll Mächtiger allzu belanglos aus. Kurz gesagt: Cancel Culture von oben bei gleichzeitiger Ermahnung an die da unten, nicht frech zu werden, ist ein wesentlicher Bestandteil der Klassenherrschaft und hat eine lange Tradition: Denn auch die Kirche, deren Vertreter jahrhundertelang quasi ein öffentliches Redemonopol innehatten und in ihren Predigten gegen unbotmäßige Bauern oder Juden hetzten, besitzt ihre eigene Form der Kanzelkultur.

Doch lässt sich an der neuen »linken Cancel Culture« Kritik üben. Oftmals schlägt sie allzu blind und undifferenziert um sich und bekämpft mit den aufgezählten Formen von Aktivismus nur Symptome tieferliegender gesellschaftlicher Probleme. Dabei darf jedoch nicht verkannt werden, dass dadurch Schritt für Schritt die Stimmen vereinzelter Empörter zu gesamtgesellschaftlichen sozialen Protestbewegungen anwachsen – man denke nur an die Black-Lives-Matter-Demonstrationen. So bleibt die Hoffnung, aus der Cancel Culture möge ein neues Bewusstsein erwachsen: von der notwendigen Überwindung des Kapitalismus.

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