1000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Freitag, 7. Mai 2021, Nr. 105
Die junge Welt wird von 2512 GenossInnen herausgegeben
1000 Abos für die Pressefreiheit! 1000 Abos für die Pressefreiheit!
1000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 05.05.2021, Seite 12 / Thema
Irischer Unabhängigkeitskampf

Fatale Verweigerung

Am 5. Mai 1981 starb der IRA-Aktivist Bobby Sands an den Folgen eines Hungestreiks. Er war der erste von zehn Gefangenen, die bis zum August in den »H-Blocks« ihr Leben ließen. Seine Mitkämpfer erinnern sich und sehen das Erreichte mit Skepsis
Von Dieter Reinisch
web12:13.jpg
Ehrensalut für Bobby Sands am Tag seiner Beisetzung am 7. Mai 1981

Am Donnerstag, dem 7. Mai 1981, stand Belfast still. Zwei Tage zuvor war das Belfaster IRA-Mitglied Robert »Bobby« Sands nach 66 Tagen im Hungerstreik gestorben. Die Welt schaute damals auf Belfast, und Sands wurde zum Symbol des antiimperialistischen Kampfs in den ausgehenden »langen 1970ern« – Straßenzüge im Iran, in Italien, Frankreich und auf Kuba wurden nach ihm benannt. Der damalige Leiter des Brüsseler Auslandsbüros der irisch-republikanischen Sinn Féin, Richard Behal, erinnert sich, dass er im Frühjahr 1981 zu einer Kundgebung im postrevolutionären Portugal als Redner geladen war: »Als ich ankam, konnte ich es nicht glauben – 30.000 waren auf der Straße, um für Bobbys Freiheit zu demonstrieren.«

Doch an diesem 7. Mai interessierte die katholisch-nationalistische Bevölkerung nicht, was die Welt über Sands dachte: »Bobby ist für Leute wie uns gestorben, und deshalb bin ich hier«, erklärt eine Frau vor der Kamera des irischen Rundfunks RTÉ. Sechs Kilometer und vier Stunden lang schlängelte sich der Trauerzug von Sands ehemaliger Wohngegend in Twinbrook, einem westlichen Vorort, durch Andersonstown auf den Milltown-Friedhof. Zehntausende säumten die Route. Der Sprecher von RTÉ erklärt, dass es »eines der größten politischen Begräbnisse in der Geschichte Irlands ist«. Schätzungen sprechen gar von 100.000 Menschen. Nordirland hatte damals 1,5 Millionen Einwohner, und rund 700.000 von ihnen waren wie Sands und die IRA katholische Nationalisten.

Kriminelle?

Als Sands seinen Status als Kommandant der IRA-Gefangenen in den berüchtigten »H- Blocks« übertrug und am 1. März in den Hungerstreik trat, stand er kurz vor seinem 27. Geburtstag. Er wurde 1954 im Norden von Belfast geboren. Die Gegend geriet später zu einer Hochburg der loyalistischen Paramilitärs, und Sands’ Eltern wurden mehrmals aus protestantischen Gebieten vertrieben, bis sie sich 1972 in einer katholischen Gegend ansiedelten. 1972 war auch das Jahr, in dem der Nordirlandkonflikt endgültig zu einem offenen Krieg zwischen IRA und der britischen Armee eskalierte. Im Oktober jenes Jahres, im Alter von nur 18 Jahren, wurde Sands Mitglied der IRA. Bereits im April 1973 erstmals verhaftet, verbrachte er drei Jahre interniert in Long Kesh. Damals genossen die politischen Gefangenen noch einen Sonderstatus. Im Frühjahr 1976 wurde der ihnen von der britischen Labour-Regierung aberkannt, und als Sands 1977 abermals verurteilt wurde, endete er statt im Internierungslager in den neu errichteten H-Blocks.

In den frühen 1970er Jahren waren die repu­blikanischen und loyalistischen Aktivisten in den britischen Lagern wie Long Kesh und Magilligan interniert. Dort besaßen sie jenen Sonderstatus, der nahe an den von Kriegsgefangenen nach der Genfer Konvention herankam. Obwohl die britische Regierung sie nicht offiziell als »politische Gefangene« bezeichnete, wurden sie als solche behandelt. Das änderte sich ab 1976, als die britische Regierung eine neue Strategie der »Kriminalisierung« einführte. Von nun an wurden die Gefangenen, die in den H-Blocks von »Her Majesty’s Prison Maze« eingesperrt waren, wie alle anderen nichtpolitischen Gefangenen behandelt. Das bedeutete nicht nur, dass die Gefangenen von nun an als »Kriminelle« geführt wurden, sondern auch, dass ihr Kampf für eine vereinte, sozialistische Republik durch die britische Regierung fortan als »kriminelle Straftat« brandmarkt wurde. Als der Republikaner Kieran Nugent sich 1976 weigerte, die Gefängniskleidung zu tragen, begann der Kampf der republikanischen Gefangenen gegen die Kriminalisierungspolitik. Der Kampf erreichte seinen End- und Höhepunkt mit den Hungerstreiks 1981, die Bobby Sands anführte.

Schmutzstreik

In den vergangenen Jahren konnte ich einige der Republikaner, die damals in den H-Blocks eingesperrt waren, treffen. Viele von ihnen nahmen an den Protesten teil, manche kannten Sands persönlich, einige waren selbst Hungerstreikende. Einer von ihnen ist Laurence McKeown. Er wurde 1956 in Randalstown, im County Antrim, geboren. Noch als Teenager schloss er sich der IRA an. Im Alter von 20 Jahren wurde er 1976 verhaftet und anschließend im April 1977 zu lebenslanger Haft verurteilt. Insgesamt verbrachte er 16 Jahre in den H-Blocks. Sofort, nachdem er dorthin gebracht worden war, trat er dem Protest seiner Genossen bei.

Mit Beginn ihrer Kriminalisierungspolitik führte die britische Regierung auch eine neue Strafprozessordnung ein: »Wir wurden unter einer Sondergesetzgebung verhaftet, wir wurden unter einer Sondergesetzgebung verhört. Das bedeutete, dass wir oft eine Woche festgehalten und verhört werden konnten, ohne einen Anwalt gesehen zu haben. Dann wurden wir vor Sondergerichte gestellt, in denen es einen Richter und keine Geschworenen gab.« McKeown kann sich noch erinnern, wie es war, als Kieran Nugent seinen Protest begann: »Wir waren damals sehr naiv. Wir dachten, wir werden uns gegen diese Politik erheben, dann werden die Briten es ändern, und alles ist wieder wie vorher – in sechs Monaten oder einem Jahr ist alles vorbei.« Es kam anders. Als McKeown sich dem Protest anschloss, protestierten bereits einhundert weitere Gefangene. Er und viele der anderen blieben vier bis fünf Jahre im Decken- und Schmutzstreik. Auf dem Höhepunkt der Protestwelle nahmen daran 400 Republikaner teil.

Eine der Proteststrategien bestand darin, nicht mehr die Sanitätseinrichtungen außerhalb der Zellen zu benutzen, da die Gefangenen beim Gang zu den Waschräumen regelmäßigen, brutalen Misshandlungen der Wärter ausgesetzt waren: »Ich selbst habe mich drei Jahre, von 1978 bis zum Beginn meines Hungerstreiks 1981, nicht gewaschen.«

1978 spitze sich die Situation zu: »Wir waren rund um die Uhr in unserer Zelle, deren Wände mit Exkrementen vollgeschmiert waren.« Die Gefangenen verrichteten zunächst ihre Notdurft in einen Kübel und entleerten diesen aus dem Fenster ihrer Zelle. Die Aufseher begannen daraufhin die Exkremente mit Schaufeln zurück in die Zellen zu werfen. Dadurch wurden die Gefangenen gezwungen, ihre Exkremente an die Wände zu schmieren, damit der Boden, auf dem ihre Matratzen lagen, wenigstens trocken blieb. Alles außer einem Exemplar der Bibel wurde ihnen weggenommen. In dieser Situation verbrachten die Gefangenen nun mehrere Jahre, umringt vom Gestank ihrer Exkremente, auf einer feuchten Schaumatratze liegend. Die Bibel wurde schrittweise verarbeitet: Entweder zum Rollen von in die Zellen geschmuggeltem Tabak oder zur Korrespondenz mit der IRA-Führung draußen. Die winzigen Kommuniqués wurden in den Nasenlöchern oder anderen Körperöffnungen während der monatlichen Familienbesuche aus dem Gefängnis geschmuggelt. Diese Briefchen waren die einzige Möglichkeit für die Gefangenen, mit ihrer Bewegung jenseits der Mauern zu kommunizieren. Über Jahre wurde so die Taktik der Protestierenden, ihre Forderungen bis hin zum Beginn der Hungerstreiks mit der Außenwelt ­koordiniert.

Hungerstreik

Die Hungerstreiks begannen am 1. März, nachdem die Forderungen der Gefangenen seit den ersten Hungerstreiks im Herbst 1980 nicht umgesetzt worden waren. Sands verkündete als erster, die Aufnahme von Nahrung zu verweigern. Er entschied sich für eine andere Taktik als noch im Herbst, als alle Gefangenen gleichzeitig damit begonnen hatten. Statt dessen trat er nun allein in den Streik, und alle 14 Tage sollte ein weiterer Gefangener folgen. Damit erhoffte er sich, größeren Druck auf die britische Regierung ausüben zu können. Doch die britische Regierungschefin Margaret Thatcher blieb hart. Sie weigerte sich, mit den Gefangenen, die sie als Kriminelle betrachtete, zu verhandeln und betonte: »Ein Verbrechen ist ein Verbrechen ist ein Verbrechen.«

Sands war bis zum Beginn seines Hungerstreiks der Oberbefehlshaber der IRA-Gefangenen in den H-Blocks. Er selbst hatte diesen Rang vom ebenfalls aus Belfast stammenden Brendan Hughes übernommen. Hughes hatte die Hungerstreiks 1980 geführt und dabei diesen Posten an Sands übergeben. Während der Hungerstreiks 1981 teilte sich Hughes eine Zelle mit John Nixon. Nixon stammt aus der Grafschaft Armagh und politisierte sich durch die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Nach dem Blutsonntag vom 30. Januar 1972 in Derry, als britische Soldaten 14 Teilnehmer eines Bürgerrechtsmarschs erschossen hatten, sah ­Nixon keine Perspektive mehr im friedlichen Protest. Er trat der linken Official IRA bei, die sich 1973/74 spaltete. Nixon schloss sich der radikaleren, marxistischen Abspaltung Irische Nationale Befreiungsarmee (INLA) an. Wenige Jahre später wurde er verhaftet und in die H-Blocks gebracht, wo er zum Kommandanten der INLA befördert wurde. Als dieser nahm er an den Hungerstreiks 1980 teil. Er verbrachte von seinem 18. bis zu seinem 30. Lebensjahr zwölf Jahre in Haft.

Nixon kann sich noch gut an den Tag erinnern, an dem Sands starb: »An den Tagen, an denen ein Hungerstreikender starb, fühlten wir uns so hilflos. Wir konnten nichts machen. Wir waren zornig und emotional.« Im Gegensatz zum mystisch verklärten Bild der heroischen Gefangenen, die sich für ihre Leute und ihre politischen Ziele aufopferten, waren viele Gefangene von Selbstzweifeln geplagt. Sie saßen eingesperrt in ihren Zellen und konnten nichts machen, als ihre Genossen und Freunde nur wenige Meter weiter im Gefängnistrakt starben: »Ich war in der Zelle mit Brendan Hughes, als Sands starb. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als der Kaplan am Morgen zu uns in die Zelle kam. Wir wussten nicht, dass Sands um sieben Uhr morgens gestorben war, aber gegen halb zehn Uhr hörten wir, wie die Wärter den Gang entlangkamen und die Türe zu unserer Zelle aufschlossen und Vater Toner hereinließen – und ich konnte ihm ansehen, dass er stark geweint hatte, sein ganzes Gesicht war verweint. Mist, dachte ich, etwas Schlimmes ist passiert. Er setzte sich nieder und sagte zu ›The Dark‹, so nannten wir alle Brendan: ›Hast du es gehört, Brendan?‹ Und Brendan antwortete: ›Wenn ich dich ansehe, weiß ich was passiert ist.‹ Es war fürchterlich, dass Sands gestorben war, und wir gingen einer gänzlich neuen Situation entgegen, nun wo einer von uns gestorben war. Ein Junge nach dem anderen begann seinen Hungerstreik und wir wussten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der nächste stirbt. Mit dem Tod von Sands war der Rubikon überschritten. Für jene, die in den Hungerstreik traten, war der Tod nun nicht mehr abwendbar. Und das stellte uns vor ein moralisches Dilemma: Was nun? Lassen wir die Männer einen langsamen, qualvollen Tod sterben, oder gibt es einen Ausweg? Gestehen wir uns ein, dass wir verloren haben?«

In den Tagen nach Sands’ Tod beschäftigte diese Frage Nixon sehr. Auch wenn die Hungerstreiks heute von republikanischer Seite als großer moralischer Sieg über die britische Regierung und die unnachgiebige Margaret Thatcher dargestellt wird, fühlte es sich für die Gefangenen nicht so an. Nixon erklärt es so: Die Gefangenen waren permanent eingesperrt, über Jahre wurden sie schikaniert und von den britischen Aufsehern verprügelt. Diese Aufseher sahen dabei zu, wie einer nach dem anderen bei den Hungerstreiks starb. Die Gefängnisverwaltung hatte gewonnen, die Gefangenen waren gebrochen und von Selbstzweifeln gebeutelt. Wieso sollte die gerade jetzt damit aufhören? »Wieso hätten die Briten aufhören sollen, uns zu verprügeln, wo sie doch dabei waren, uns zu brechen?« fragt Nixon.

Abbruch

Immer mehr Gefangene verloren ihren revolutionären Elan. Einer von ihnen war Malachy Trainor. Auch er stammt aus der Grafschaft Armagh, wo er sich Mitte der 1970er Jahre wie Nixon der INLA anschloss. Er verbrachte vier Jahre in den H-Blocks, wo er sich an den Protesten beteiligte: »Es war so surreal. Es war, als wärest du neu geboren. Das klingt jetzt sicherlich alles sehr naiv, aber wir alle hatten zunächst das Gefühl, als würden wir unseren Traum leben – als wäre da die Möglichkeit, die vereinigte Republik zu errichten. Wir dachten, wir seien im Begriff, die unvollendete Arbeit der vorangegangenen Generationen zu beenden. Aber als die Haft voranschritt, kam die Depression immer stärker durch. Du beginnst nachzudenken, was du eigentlich alles in Freiheit hättest machen können – Job, Familie. Ich musste sehr mit mir kämpfen, dass ich als derselbe wieder rauskam, der ich war, als ich hereinkam. Nicht allen gelang dies.« Trainor setzte seine republikanische Arbeit nach seiner Entlassung bis heute fort. Er leidet zwar an langfristigen physischen und psychischen Folgen der Haft, bereut aber nicht und glaubt weiterhin, dass er die vereinte, sozialistische Republik noch erleben wird.

Auch viele Familienangehörige verloren im Laufe des Sommers 1981 ihren Glauben an den Sieg der protestierenden Gefangenen. Die meisten Hungerstreikenden fielen nach rund 60 Tagen ins Koma. Immer mehr Familienangehörige beschlossen an diesem Punkt, die künstliche Ernährung zu beantragen – gegen den Willen der irisch-republikanischen Bewegung. Laurence McKeown fiel nach 70 Tagen ins Koma, und seine Familie veranlasste, ihn aus dem Hungerstreik zu nehmen. Er war der 13. Gefangene, der in den Hungerstreik trat. Er hatte ihn am 29. Juni begonnen, am 6. September wurde er beendet.

Zwischen dem 5. Mai und 20. August starben die sieben IRA-Mitglieder Bobby Sands, Francis Hughes, Raymond McCreesh, Joe McDonnell, Martin Hurson, Kieran Doherty und Thomas McElwee, sowie die drei INLA-Mitglieder Patsy O’Hara, Kevin Lynch und Michael Devine. Neben McKeown beendeten fünf weitere IRA-Mitglieder, sowie das INLA-Mitglied Liam McCloskey den Hungerstreik frühzeitig und überlebten dadurch mit zum Teil schweren Langzeitfolgen. Da immer mehr Familien die im Koma liegenden Gefangenen künstlich ernähren ließen, wurde es für die IRA und die INLA immer schwerer, neue Freiwillige für diese Form des Protests zu finden. Um nicht eine Niederlage eingestehen zu müssen, wurde die Aktion am 3. Oktober 1981 für beendet erklärt. An diesem Tag waren noch sechs IRA-Mitglieder im Hungerstreik.

Margaret Thatcher feierte das Ende der Hungerstreiks. Doch in den darauffolgenden Monaten wurden nahezu alle Forderungen der Republikaner erfüllt, was bedeutete, dass sie 1983 wieder den Sonderstatus erhielten, für den sie seit 1976 gekämpft hatten. Sie wurden zwar weiterhin nicht als »politische Gefangene« bezeichnet, ihre Sonderstellung gegenüber nichtpolitischen Gefangenen bedeutet aber eine De-facto-Anerkennung als eben solche.

Wahlerfolge

Außerhalb der Gefängnisse entstand eine Solidaritätsbewegung, die der republikanischen Bewegung massenhaft Unterstützung brachte. Davon konnte die Partei in bisher ungekanntem Ausmaß profitieren. Kurz nach dem Beginn der Hungerstreiks starb der irisch-nationalistische Westminster-Abgeordnete Frank Maguire. In seinem Wahlkreis Fermanagh/South Tyrone wurden Nachwahlen abgehalten. Es wurde beschlossen, Sands als Kandidaten aufzustellen. Mit rund 30.000 zu 29.000 Stimmen gewann er am 9. April 1981 die Abstimmung gegen den unionistischen Kandidaten Harry West. Obwohl er nun ein gewählter Abgeordneter im britischen Parlament war, weigerte sich Thatcher, irgendwelche Zugeständnisse einzugehen. Statt dessen änderte die britische Regierung das Gesetz und beschloss, dass von nun an keine Gefangenen mit einer Haftstrafe von mehr als zwölf Monaten als Kandidaten zu Wahlen aufgestellt werden dürfen. In den Sommermonaten wurden weitere H-Block-Gefangene bei Nachwahlen in der Republik aufgestellt und zwei von ihnen, Kieran Doherty und Paddy Agnew, zu Abgeordneten ins Parlament in Dublin gewählt.

Sinn Féin benutzte die Wahlerfolge, um mit einer neuen Strategie die breite Solidaritätsbewegung an sich zu binden. Die neue Strategie wurde auf dem Parteitag 1981 vom ehemaligen Gefangenen und Pressesprecher Danny Morrison verkündet. Er erklärte: »An der Wahlurne werden wir den Krieg nicht gewinnen, aber mit dem Maschinengewehr in der einen Hand und der Wahlurne in der anderen Hand werden wir die Macht in Irland erringen.« Im folgenden Jahrzehnt wurde Sinn Féin die stärkste nationalistisch-katholische Partei Nordirlands, indem sie die sozialdemokratische Arbeitspartei (SDLP) ablöste. Die Wahlerfolge ermöglichten ihr eine starke Verhandlungsbasis in den Friedensgesprächen. Die Partei unterstützte 1998 das Karfreitagsabkommen und zog später als Partner in eine Koalitionsregierung mit den ehemaligen Erzfeinden von der unionistischen Democratic Unionist Party (DUP) des mittlerweile verstorbenen radikalen Demagogen Ian Paisley.

Zu diesem Zeitpunkt war die Maschinengewehr-Wahlurnen-Strategie schon lange beendet, und so war es nur ein logischer Schritt, dass die IRA 2005 ihre Entwaffnung bekanntgab, auch wenn ihre Strukturen bis heute existieren. Ab Mitte der 2000er Jahre setzte zugleich ein Aufschwung der Partei in der Republik ein. Da sie die einzige Partei ist, die nach Jahren der Wirtschaftskrise den jüngeren, urbanen Schichten eine vermeintliche Perspektive bietet, liegt sie in allen Umfragen seit den Wahlen 2020 konstant vorne. Wenn es 2022 zu den erwarteten Neuwahlen kommt, wird Sinn Féin wohl als stärkste Partei ins Ziel gehen. Dann wird sie auch in der Republik nicht mehr von den Hebeln der Macht fernzuhalten sein. Vier Jahrzehnte nachdem Morrison die Strategie zur Übernahme der Macht am Parteitag ausgerufen hat, wäre Sinn Féin am Ziel: der Regierungsbeteiligung in beiden Teilen Irlands.

Bilanz

Ob Bobby Sands dieses Ziel unterstützt hätte, bleibt notwendig Spekulation. Doch viele ehemalige Gefangene können dem Versuch von Sinn Féin, eine Regierungsbeteiligung als Erfüllung ihrer Kampfziele zu behaupten, nichts abgewinnen. Einer von ihnen ist Anthony McInytre, einer der bekanntesten Kritiker der Partei. McIntyre war selbst 18 Jahre aufgrund seiner IRA-Aktivitäten in den H-Blocks eingesperrt und nahm zu dieser Zeit an den Protesten teil: »Was wir nach 30 Jahren Kampf bekommen haben, waren Bürgerrechte für die katholische Bevölkerung. Das ist ein Schritt nach vorne und etwas Positives. Aber dafür hätte es nicht 3.500 Tote gebraucht. Wir haben uns damals der IRA angeschlossen, weil wir ein sozialistisches, vereintes Irland, eine geeinte Republik, erkämpfen wollten. Das wurde nicht erreicht, statt dessen wurde mit dem Karfreitagsabkommen die britische Herrschaft im Norden Irlands zementiert. Und diese Niederlage verkauft Sinn Féin nun als Sieg.«

In eine ähnliche Richtung zielt die Kritik des Belfaster Republikaners Gerard Hodgins. Er trat 1971 der IRA bei und wurde 1976 verhaftet und in die H-Blocks eingesperrt. Dort trat er am 14. September als vorletzter Republikaner in den Hungerstreik und war unter jenen, die ihn gemeinsam am 3. Oktober beendeten. Er beklagt, dass sich für viele Arbeiter in den letzten Jahren die soziale Situation verschlechtert hat und die Arbeitslosigkeit wächst. Gleichzeitig etablierte sich eine neue katholische Mittelschicht – Sinn Féin hat die SDLP als die Repräsentantin dieser Mittelschicht abgelöst, und viele ehemalige Gefangene haben gut bezahlte Politikerjobs in den Parlamenten in Belfast und Dublin. Hodgins gelangt zu einem ernüchternden Fazit der Jahrzehnte des Kampfes für eine sozialistische Republik: »Anscheinend waren die ganzen Opfer dazu da, dass ein paar wenige eine politische Karriere machen können. Rückblickend muss ich mich daher fragen: War es das alles überhaupt wert?«

Während die meisten Republikaner der Hungerstreiks von 1981 als eines Wendepunkts der Geschichte hin zum Ende des Nordirlandkonflikts gedenken, fragen sich republikanische Kritiker wie McIntyre und Hodgins, ob der heutige Zustand eines noch immer geteilten und von sozialer Armut geprägten Irlands es wert war, jahrzehntelang eingesperrt zu sein oder gar sein Leben dafür geopfert zu haben.

Egal, wie diese Frage beantwortet wird, Bobby Sands bleibt auch 40 Jahre nach seinem Tod ein Symbol der antiimperialistischen Solidarität auf der ganzen Welt. Erst in diesem März wurde der linke griechische Hungerstreikende Dimitris Koufodinas von seinen Unterstützern mit Sands verglichen. Koufodinas beendete nach 66 Tagen seinen Hungerstreik – Sands starb am 5. Mai nach 66 Tagen im Protest gegen die Kriminalisierung des Kampfes der irischen Republikaner für eine vereinte, sozialistische Republik.

Literaturempfehlung: Dieter Reinisch: Die ­Frauen der IRA. Cumann na mBan und der Nordirland­konflikt, 1968-86. Promedia-Verlag, Wien 2017

Dieter Reinisch ist Historiker an der School of Sociology and Political Science der National University of Ireland in Galway und lehrt Internationale Beziehungen an der Webster University in Wien. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 2. Januar 2021 den Artikel »Alles beim alten« über die Auswirkungen des »­Brexits« auf Nordirland

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

Für alle, die es wissen wollen: Die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) gratis kennenlernen. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Ein »AK-47« aus Pappe hängt an einer Straßenlampe in der nordiri...
    05.01.2021

    Keine Kompromisse mit London

    Die Waffenstillstände 1994 und 1997 lehnte er ab: Gründer der Real IRA, Michael McKevitt, verstorben
  • Die Romantik des Aufruhrs. Nach dem Tod des im Belfaster Maze-Ge...
    21.06.2019

    Vernunft und Fanatismus

    Im Kampf gegen die britischen Besatzer griff die nationalistische Bewegung in Irland zu unterschiedlichen Mitteln und Methoden. Die IRA wählte den Weg des Terrors. Zur Geschichte des irischen Republikanismus
  • Noch immer trennen Zäune und Mauern die katholischen und protest...
    04.01.2019

    Bedrohter Frieden

    Mit dem Überfall auf eine Bürgerrechtsdemonstration vor 50 Jahren radikalisierte sich der Unabhängigkeitskampf in Nordirland – der »Brexit« könnte den Konflikt wieder anfachen