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Aus: Ausgabe vom 05.05.2021, Seite 5 / Inland
Immobilienwirtschaft

Wohnkonzern als PR-Abteilung

Vonovia erhöht Gewinne und präsentiert sich als sozialer Wohltäter und Klimaretter
Von Philipp Metzger
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Etikettenschwindel: Immobilienkonzern macht auf umweltbewusst (Bochum, 23.4.2021)

Das Ergebnis ist da: Am Dienstag stellte der größte deutsche börsennotierte Wohnkonzern Vonovia in Bochum seine Quartalszahlen vor. Gute Nachrichten für Aktionäre: Der Gesamtumsatz stieg im Vorjahresvergleich um fast 15 Prozent auf 1,15 Milliarden Euro. Kurzum: Der Konzern bleibt Krisengewinnler und kassiert weiter bei Mietern ab.

Die politisch Verantwortlichen hierzulande haben bisher wenig unternommen, Mieterrechte zu stärken. Was soll da auch schiefgehen? Um den Profit bei Vonovia zu maximieren, braucht es wenig Talent, selbst schlechte Manager schaffen das. Oder wie es der Konzernchef Rolf Buch am Dienstag ausdrückte: Man verfüge eben über ein »stabiles, langweiliges Geschäftsmodell«.

Im Gegensatz zum Boss des zweitgrößten Wohnkonzerns Deutsche Wohnen, Michael Zahn, ist Buch clever. Das wird anhand des Umgangs mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das jüngst den Mietendeckel in Berlin kippte, deutlich. Während der Berliner Konkurrent auf die Nachzahlungen der eingesperrten Mieten besteht, zeigt sich der Bochumer Konzern scheinbar großzügig und verzichtet auf Nachzahlungen. Buch nutzt das Urteil geschickt, um das Image seines Konzerns aufzubessern: »Die Menschen in Berlin sollen nicht aufgrund einer politischen Fehlentscheidung in finanzielle Schieflage geraten.« Und Buch beweist politische Weitsicht – denn: Ein gekippter Mietendeckel hat nicht nur positive Effekte, ließ er in Interviews verschiedentlich durchblicken.

Einerseits lehnte er den Mietendeckel ab, andererseits gab er zu bedenken, dass der »rot-rot-grüne« Berliner Senat seinen Wählern irgend etwas anbieten müsste. Der Mietendeckel sei wenigstens kalkulierbar und zeitlich auf fünf Jahre begrenzt. Zudem befürchtet er offenbar ein Erstarken der Kampagne »Deutsche Wohnen & Co. enteignen« durch die höchstrichterliche Entscheidung. Damit dürfte er richtig liegen.

Im Auftrag des Tagesspiegels aus Berlin befragte jüngst das Meinungsforschungsinstitut Civey 2.502 Hauptstädter zur Vergesellschaftung. Das repräsentative Ergebnis: Rund 47 Prozent votierten für die Kampagnenforderung; fragt man hingegen nur Mieter, sind 54 Prozent für die Enteignung. Vonovia hat natürlich kein Interesse an einer Vergesellschaftung. Mit zirka 40.000 Wohnungen ist man der zweitgrößte Vermieter in der Stadt. Zudem hat der Immobilienkonzern aus dem Ruhrpott bereits mehrmals versucht, die Deutsche Wohnen zu übernehmen. Die vermeintliche Großzügigkeit ist eine gut durchdachte Imagekampagne, schlichte PR, um als »verantwortungsvoller Vermieter« auftreten zu können.

Am Dienstag sagte Buch beispielsweise auch: »Die Entscheidung des Gerichts wird die Herausforderungen, die sich auf dem Wohnungsmarkt der Hauptstadt stellen, allein nicht lösen.« Er mache sich Sorgen um Berlin, und nur ein forcierter Neubau könne die Lage nachhaltig entspannen. Schöne Worte. Tatsächlich ist Vonovia kein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. In den vergangenen Jahren baute der Konzern kaum neue Wohnungen.

Dennoch ist der Quartalsbericht mit »Klimastrategie und soziale Verantwortung« übertitelt. Und »sozial« war Vonovia zuletzt nie: Mieterhöhungen, falsche Abrechnungen, Union Busting – das volle Programm. Auch der »Klimaschutz« ist pure Augenwischerei. Es geht darum, mit Modernisierungen Mieten zu erhöhen. Wenn diese als Klimaschutz ausgewiesen werden, können staatliche Fördertöpfe angezapft werden. Unterm Strich geht es um das Wohl der Aktionäre, nicht um Klima- oder Gerechtigkeitsfragen.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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