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Aus: Ausgabe vom 23.04.2021, Seite 4 / Inland
Straßennamen in der BRD

Wissmann muss weichen

Berlin: Nach Kolonialverbrecher benannte Straße trägt zukünftig Namen Lucy Lamecks. Ehrung der Kämpferin für tansanische Unabhängigkeit
Von Annuschka Eckhardt
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Die deutsche Kolonialgeschichte ist kaum aufgearbeitet. Die Köpfe der im blutigsten deutschen Kolonialkrieg (1905–1907) in Ostafrika enthaupteten Afrikanerinnen und Afrikanern, die zu rassistischen Forschungszwecken nach Deutschland gesandt wurden, liegen immer noch in Museumsarchiven. Forderungen nach Reparationszahlungen werden abgeschmettert. Derweil benennt der Berliner Bezirk Neukölln an diesem Freitag die Wissmannstraße in Lucy-Lameck-Straße um.

Gemeinsam mit weiteren Nichtregierungsorganisationen und dem Bezirksamt Berlin-Neukölln lädt der Verein »Berlin Postkolonial« für den Nachmittag zur feierlichen Umbenennung ein. Neben den Bezirksvertreterinnen und -vertretern soll auch der tansanische Botschafter, Abdallah Saleh Possi, anwesend sein. Neukölln ist nach Friedrichshain-Kreuzberg, wo bereits 2010 das Gröbenufer in May-Ayim-Ufer umbenannt wurde, der zweite Hauptstadtbezirk, der eine solche Straßenumbenennung mit demonstrativem Perspektivwechsel vornimmt.

Die neue Namenspatronin der Straße, Lucy Lameck, war eine tansanische Unabhängigkeitskämpferin, Politikerin und Frauenrechtlerin. Die 1934 am Fuße des Kilimandscharo geborene Lameck war von 1965 bis zu ihrem Tod 1993 Abgeordnete des tansanischen Parlaments. Das ostafrikanische Land wurde erst im Dezember 1961 vom Vereinigten Königreich unabhängig. In der Zeit von 1885 bis 1918 war das Gebiet Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika, die 1916 von Briten und Belgiern erobert wurde. Lamecks Name ersetzt den des 1905 verstorbenen Kolonialoffiziers Hermann von Wissmann. Der hatte etliche blutige Strafexpeditionen im sogenannten Deutsch-Ostafrika angeführt und war vorübergehend Gouverneur der Kolonie gewesen. Während der Niederschlagung des afrikanischen Widerstands gegen die Kolonialherrschaft prägte er den Begriff »verbrannte Erde«.

Der Verein »Berlin Postkolonial« engagiert sich seit seiner Gründung im Jahr 2007 gegen die Ehrung von Kolonialverbrechern wie Carl Peters, Georg Maercker oder eben Wissmann und setzt sich für die Umbenennung von Straßen zu Ehren von Betroffenen oder Gegnerinnen und Gegnern des deutschen Kolonialismus ein. »Das Thema deutsche Kolonialgeschichte taucht bis heute kaum auf im Unterricht an Schulen und Universitäten«, kritisierte Vereinssprecher Mnyaka Sururu Mboro am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt. »Es wird hauptsächlich vom englischen, französischen, portugiesischen oder spanischen Kolonialismus geredet, aber was ist mit dem deutschen Kolonialismus?«, fragte er.

Mboro wurde 1948 in Tansania geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in der Bundeshauptstadt. »Hermann von Wissmann hat mein Heimatland Tansania brutal kolonialisiert.« Für dessen Unabhängigkeit habe sich ­Lucy Lameck, die als neue Namensgeberin der Straße vom Verein vorgeschlagen worden war, ihr Leben lang eingesetzt. Seine Großmutter, berichtete Mboro gegenüber jW, habe die deutsche Kolonialherrschaft noch miterlebt und ihm schon als kleines Kind erzählt, wie die sogenannten Schutztruppen ihren Ehemann erst erhängten, dann enthaupteten und den Kopf mitnahmen. Die nun vollzogene Straßenumbenennung sei nur ein kleiner Trost zur Anerkennung des deutschen Kolonialismus. »Wir hoffen, dass die Umbenennung der Straße andere Städte in Deutschland inspirieren wird: Koloniale Propaganda hat im öffentlichen Raum nichts zu suchen.«

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Nils Carrara, Berlin: Falsches Foto Das Foto zum Artikel zeigt das Schild der Wissmannstraße in Berlin-Grunewald und nicht der in Neukölln. Im Artikel wird das Bezirksamt Neukölln zu einer NGO. Hat dem BA jemand Bescheid gesagt, damit e...

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