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Aus: Ausgabe vom 19.04.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Covid-Strategie Großbritannien

Öffentliches System beweist Effizienz

Impferfolg in Großbritannien durch NHS realisiert. Privatisierte Test- und Kontaktnachverfolgung gescheitert
Von Christian Bunke, Manchester
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Nah dran: Eine Moschee umfunktioniert zum Impfzentrum wie hier in London (28.3.2021)

Es war im Dezember 2020, als es Peter Soulsby, dem Bürgermeister der mittelenglischen Stadt Leicester, reichte. Über die Medien ließ er dem britischen Gesundheitsministerium ausrichten, dass es doch bitte aus seiner vom Coronavirus heimgesuchten Stadt verschwinden möge. Soulsby kritisierte damit das von der Behörde an Privatkonzerne wie Serco, Amazon oder das Sicherheitsunternehmen G4S ausgelagerte Covid- 19-­Test- und -Nachverfolgungssystem. 37 Millionen Pfund ließ sich der Staat das kosten. Die Konzerne waren mit ihrer Aufgabe schnell überlastet. Eine funktionierende Kontaktnachverfolgung ist bis heute nicht gewährleistet.

Dafür gab es verschiedene Gründe: Da es den Unternehmen an lokaler Infrastruktur fehlte, mussten Testpersonen teilweise mehrere Stunden Anreise für ihren Testtermin aufwenden. Eine Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Gesundheitswesen (NHS) gab es auch nicht. Die gesundheitliche Pflege und Betreuung von an Covid-19 erkrankten Personen wurde somit erschwert. Das ist eine Erkenntnis aus einer jüngst angelaufenen öffentlichen Untersuchung, die die Kampagne »Keep Our NHS Public« durchführt. Sie will damit die Fehlleistungen der britischen Regierung bei der Pandemiebekämpfung ergründen.

Besonders bitter an diesen Erkenntnissen ist, dass es in Großbritannien in jeder Stadt sogenannte öffentliche Gesundheitsteams gibt, die von den Stadtverwaltungen und dem Gesundheitswesen koordiniert werden. Diese sind auch auf die Nachverfolgung von Infektionsketten spezialisiert. Zu Beginn der Pandemie existierte eine Liste mit den Namen von 750.000 Menschen, die sich als Freiwillige zur Unterstützung dieser Teams gemeldet hatten. Doch diese Infrastruktur wurde zugunsten der profitorientierten Unternehmen igno­riert. Die hohen Covid-19-Todeszahlen sind zumindest teilweise auf diese politische Entscheidung zurückzuführen. Wäre es nach Leicesters Bürgermeister ­Soulsby gegangen, dann hätten die lokalen Gesundheitsteams in seiner Stadt die Verantwortung gehabt.

Bei der Verteilung der Impfstoffe lief es anders. Hier griff das gesetzlich geregelte staatliche Einkaufs- und Verteilungsmonopol des Gesundheitswesens bei Medikamenten und Impfstoffen. Das Gesundheitswesen konnte deshalb auf seine eigene Infrastruktur zurückgreifen, die durch regionale Verteilungszentren eine effiziente Distribution an Apotheken und Hausärzte gewährleistete. Lokale Teams richteten an öffentlichen Orten wie Moscheen, Kirchen und Hallen Impfzentren ein. So konnte sichergestellt werden, dass für einen Großteil der Bevölkerung Impfmöglichkeiten in fußläufiger Entfernung und in einer ihnen vertrauten Umgebung zur Verfügung stehen. Das genaue Gegenteil zur Test- und Kontaktnachverfolgung.

Doch auch beim Impfprogramm gibt es Probleme, die ihre Ursachen in der rassistischen britischen Klassengesellschaft haben. Das wird aus von der BBC veröffentlichten, stetig aktualisierten Daten des NHS England deutlich. Sie zeigen, welche Bevölkerungsgruppen sich besonders stark oder besonders schwach am Impfprozess beteiligen. Demnach haben sich bislang 86 Prozent aller Weißen mit Impfangebot impfen lassen, jedoch nur 57 Prozent aller Schwarzen. In den Wohngegenden mit der wohlhabendsten Bevölkerung liegt die Impfbeteiligung bei 89 Prozent, in den mit der ärmsten nur bei 73 Prozent.

Das bedeutet, dass gerade jene Bevölkerungsgruppen mit der höchsten Sterberate in der Pandemie die geringste Durchimpfungsrate aufweisen. Wie in den allermeisten anderen Ländern auch sind es in Großbritannien Beschäftigte in Niedriglohngruppen die am häufigsten sterben. Dazu zählen Schlachter, Taxi- und Busfahrer, aber auch Pflegekräfte in Altenheimen und Krankenhäusern. Es handelt sich hierbei um Menschen in prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen. Bei vielen von ihnen kommt ein unsicherer Aufenthaltsstatus hinzu.

Eine am Freitag vom britischen Gewerkschaftsbund TUC veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass 16 Prozent aller nichtweißen Lohnabhängigen in unsicheren Arbeitsverhältnissen stecken. Bei weißen Beschäftigten sind es zehn Prozent. Unsichere Arbeitsbedingungen bedeuten neben befristeten Dienstverträgen oder einer Beschäftigung auf »Zero-hours«-Basis also ohne Gewährleistung eines Mindestarbeitseinsatzes, auch, dass es kein Krankengeld gibt. Die Gewerkschaft Unite führte vor kurzem eine Untersuchung unter großteils migrantischen Arbeitern einer Fleischfabrik durch. 65 Prozent der 150 befragten Personen gaben an, trotz Erkrankung weitergearbeitet zu haben. Als häufigster Grund wurde angegeben, sich einen Krankenstand finanziell nicht leisten zu können. Während der Pandemie wirkte sich das besonders drastisch in Branchen aus, in denen Beschäftigte oft zwischen Arbeitsplätzen wechseln – zum Beispiel in der häuslichen Pflege. Der finanzielle Zwang, arbeiten zu müssen, und die Angst vor Jobverlust bei Krankenstand führten dazu, dass prekarisierte Pflegedienstbeschäftigte unfreiwillig an der Verbreitung des Covid-19-Virus unter ihren Patienten mitwirkten, so ein Fazit des TUC.

Gerade unter marginalisierten Bevölkerungsgruppen ist es seit Jahrzehnten eine gängige Überlebensstrategie, Kontakt zu staatlichen Institutionen weitgehend zu vermeiden. Großbritannien hat kein zentrales Meldewesen, Menschen in unsicheren Verhältnissen haben aus verschiedenen Gründen kaum Interesse, in Datenbanken aufzutauchen. Hier dürfte ein wesentlicher Grund für die geringere Impfbeteiligung dieser Gruppen liegen.

Hintergrund: Teuer erkauft

Die Geschichte der Covid-19-­Pandemie hat in Großbritannien bislang zwei Seiten. Da sind zum einen 127.000 Tote, eine Regierung die von Beginn an auf eine Durchseuchungsstrategie und auf die Privatisierung und Auslagerung des Test- und Nachverfolgungssystems bei Infektionsfällen gesetzt sowie mit Matthew Hancock einen Gesundheitsminister hat, der wegen einer wachsenden Zahl von Korruptionsvorwürfen unter Druck steht.

Auf der anderen Seite steht der Erfolg des britischen Impfprogramms, welcher unter kontinentaleuropäischen Regierungen für neiderfüllte Blicke Richtung Ärmelkanal sorgt. Über die Hälfte der über 18jährigen hat ihre erste Impfdosis erhalten. Nach offiziellen Angaben vom 15. April sind das inzwischen fast 33 Millionen Menschen, die innerhalb von rund vier Monaten teilgeimpft wurden. Rund zwölf Prozent der britischen Bevölkerung haben bereits ihre zweite Impfdosis erhalten.

Nachdem in den vergangenen Monaten vor allem Menschen über 50, Pflegeheimbewohner, Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie Risikogruppen geimpft wurden, sollen nun schrittweise die übrigen Altersgruppen abgearbeitet werden. Das sind noch einmal 21 Millionen Menschen, die bis Ende Juli ihre Covid-19-Impfung erhalten sollen.

Für die regierenden Tories bedeutet das einen Prestigeerfolg, der oberflächlich betrachtet manches vergessen lässt. Laut Meinungsumfragen vom Sonnabend liegen die Konservativen bei 43 Prozent, während Labour bei 29 Prozent kriselt. Das neoliberale Programm von Labour-Chef Keir Starmer findet auf die von Boris Johnson geführte Regierung keine Antwort. Letztere ruht sich jetzt auf den Impferfolgen eines öffentlichen, staatlich finanzierten Gesundheitswesens aus, welches sie eigentlich zerschlagen möchte. Dabei stehen auch hier die Zeichen längst auf Sturm. Rund 300.000 Pflegekräfte wollen das Gesundheitswesen nach Pandemieende verlassen. Dem Covidnotstand wird eine Verschärfung des Pflegenotstands folgen. (cb)

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