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Aus: Ausgabe vom 07.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Schnell kann es vorbei sein

Trotzig, cool: Das zweite Album der israelischen Rapperin Noga Erez
Von Christina Mohr
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Rappt so schnell und scharf wie Missy Elliott: Noga Erez

Wann zuletzt schien Popmusik wirklich relevant? Menschen, die sich diese Frage stellen, kommen an Noga Erez nicht vorbei. Alle anderen allerdings auch nicht, denn die israelische Musikerin, Rapperin und Produzentin schafft es mit unvergleichlicher Coolness, politische Inhalte in Hip-as-Shit-Sounds zu gießen. Vielleicht ist es auch Verzweiflung, die tägliche Konfrontation mit Krieg, Zerstörung und dann auch noch Isolation wegen Corona – gut möglich, dass ihre neue Platte deshalb so gut ist, weil die Zeiten so schlimm sind.

Dabei ist »Kids« Noga Erez’ zweites Album, das bei vielen Künstlerinnen und Künstlern in die Hose geht, weil es die Erwartungen nicht erfüllen kann. Die Latte lag für sie ebenfalls hoch, wir erinnern uns an 2017, als ihr Debüt »Off the Radar« mit dem Hit »Dance While You Shoot« in allen Jahrescharts zu finden war. Auf beiden Alben ist das Private mit dem Politischen untrennbar verwoben, was sich nicht zuletzt aus Erez’ Biographie erschließt. Sie diente als Militärmusikerin in der israelischen Armee, was eine und einen wohl fürs Leben prägt, wie man zum Beispiel an dem an M. I. A. erinnernden, die Beats förmlich abfeuernden Track »Fire ­Kites« merkt.

Das gesamte Album ist von dem Bewusstsein geprägt, dass das Leben abrupt beendet sein kann – wenn Gastrapperin Blimes im Titeltrack für alle zum Mitschreiben das Wort »Peace« buchstabiert, wirkt das abgeklärt und trotzig, will sich aber auch die Hoffnung nicht nehmen lassen. Im Vergleich zum schroffen, kantigen »Off the Radar« öffnet sich »Kids« musikalisch in verschiedene Richtungen, verbindet arabisch anmutende Klänge mit HipHop, Elektro und Pop – wer will, hört gar einen Widerhall der Spice Girls (»I don’t know what really really happens at the end of the road«). Und wenn Erez’ Kreativ- und Lebenspartner Ori Rousso in »Story« und »Views« mitsingt, klingt er ein bisschen wie Manu Chao.

Erez selbst rappt so schnell und scharf wie Missy Elliott, kann aber auch verrucht-verschlafen raunen, wenn sie will. Ihre Stimme ist wandelbar, die Worte auf den Punkt. Apropos: Neben vielen eingestreuten Stimmen sind immer wieder Satzschnipsel von Noga Erez’ Mutter zu hören, die zum Beispiel fordert: »Can we have some more sub so we can feel it?« (Wessen Mutter wünscht sich so was schon – die Coolness liegt wohl in der Familie.)

In den Videos zu »You So Done« und »End of the Road« wird der choreographische Charakter von Erez’ Musik offenkundig. Diese Songs wollen auf die Bühne oder wenigstens einen Bildschirm, solange Corona alles andere verhindert. Am Schluss bittet Noga ganz sanft darum, dass man sie nun ausschalten solle (»won’t you switch me off«): schwierigster Moment dieser Platte, die man wieder und wieder und wieder hören will. Wegen Relevanz und Coolness.

Noga Erez: »Kids« (City Slang/Rough Trade)

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