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Aus: Ausgabe vom 12.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Nächte auf dem Küchenboden

Zum Tod des Rappers DMX
Von Peter Merg
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Vor dem Fall: DMX (M.) bei einer Preisverleihung 1999 im Kreise seiner Crew

Die Nachricht ging vor lauter Prinz-Philip-Nachrufen und dem üblichen Coronagedöns etwas unter: Einer der besten Gangsterrapper der letzten Jahrzehnte ist tot. Der US-Musiker DMX starb am Freitag. Earl Simmons, so sein bürgerlicher Name, war Anfang April nach einem Herzanfall in ein New Yorker Krankenhaus eingeliefert und seitdem auf der Intensivstation künstlich am Leben gehalten worden.

Um die Jahrtausendwende war DMX eine der einprägsamsten Erscheinungen der boomenden Rapszene – und ausgesprochen erfolgreich. Er war der erste Musiker, dessen erste vier Alben jeweils Platz 1 der Billboard-Charts erreichten, verkaufte weltweit Millionen Platten und spielte zudem in einer Vielzahl an ertragreichen Actionfilmen wie »Romeo Must Die« (2000) den toughen Gangster, den er auch in seinen Songs gab. Darin ähnelte er dem 1996 erschossenen 2Pac, den er zeitweise zu beerben schien. Doch statt auf G-Funk setzte er auf staubtrockene, treibende Instrumentals, vornehmlich vom damals blutjungen Produzenten Swizz Beats, dessen erster Geniestreich die ikonische »Ruff Ryders’ Anthem« auf dem Debütalbum »It’s Dark and Hell Is Hot« (1998) unterlegte. Dazu rappte DMX mehr aggressiv als filigran mit einer druckvoller Stimme, die klang, als hätte ein Pitbull mit Nägeln gegurgelt.

Die von Menschen zu Killern dressierten Tiere wurden sein Markenzeichen. Das war keine Pose, die Aggression, die seiner Musik ihre Intensität verlieh, war Ausfluss einer fürchterlichen Armutsjugend zwischen den Schlägen und Predigten der alleinerziehenden Mutter, einer Zeugin Jehovas, mit Nächten zwischen Schaben auf dem Küchenboden oder im Emergency Room, wegen seiner häufigen Asthmanfälle. Wenn sich Earl auf der Straße rumtrieb, um der Mutter zu entfliehen, waren Hunde seine Wegbegleiter, die er wegen ihrer Treue mehr liebte als Menschen. Seinen ersten Raub beging er, um seinem Hund ein Lederhalsband und sich ein paar Stiefel zu kaufen.

Doch da war noch die Musik. Mit selbst aufgenommen Mixtapes wurde Simmons als DMX zum New Yorker »Talk of the Town«. Das »Ruff Ryders«-Managementteam griff zu, vermittelte ihn ans legendäre Label Def Jam und bewahrte ihn so vor der Gosse. Er dankte es zwischen 1998 und 2001 mit vier furiosen Alben, eins düsterer als das andere. Doch Ruhm und Geld heilen keine Wunden, die eine Jugend auf der Straße geschlagen haben. Simmons suchte Linderung in Drogen, Sex und Gewalt, die Haftstrafen und Unterhaltsprozesse wurden häufiger und länger, die Alben seltener und schlechter. Schließlich versuchte er es erneut mit Jesus, wurde Diakon und fand doch keinen Frieden. Laut Medienberichten starb DMX an den Folgen einer Überdosis. Er wurde 50 Jahre alt.

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