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Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 15 / Medien
Neoliberaler Konsens aufgekündigt

London hat ausgedient

Gegen die BBC: Konservatives Medienprojekt GB News will sich an die Menschen außerhalb der Metropolregion wenden
Von Christian Bunke
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Konservativ und Mainstream: Andrew Neil soll GB News helfen, die Vormacht der BBC zu brechen

Bist du »woke« oder eher nicht? Diese Frage treibt die britischen Medien in ihren unterschiedlichen Schattierungen um. Das kleine Wörtchen ist ein wabernder, nicht klar definierter Begriff, welcher die in den 1980er und 1990er Jahren oft verwendete Bezeichnung »Political correctness« abgelöst hat. Woke ist demnach unter anderem, wer sich gegen sexistische und rassistische Polizeigewalt stark macht, für die Rechte von Migrantinnen und Migranten eintritt und generell der Meinung ist, dass es eine Reihe von Grundrechten gibt, die für alle Menschen gleiche Gültigkeit haben sollten.

Mit GB News kommt diesen Frühling ein neuer Fernsehsender auf den britischen Medienmarkt, der sich ganz offen den »Krieg gegen woke« auf die Fahnen schreibt. Ankermann des Projekts ist Andrew Neil, einer der prominentesten Polittalkshowmoderatoren Großbritanniens. Mit seinen Sendungen »Daily Politics« und »This Week« war er 25 Jahre lang das Aushängeschild des staatlich finanzierten Senders und Platzhirsches BBC. Neil gilt als scharfsinniger Interviewer. Wer sich als Gast zu ihm ins Aufnahmestudio setzt, sollte von seinem Fach wirklich etwas verstehen. Ansonsten droht eine Blamage, wie nicht wenige Politiker unterschiedlichster Couleur herausfinden mussten. Neil gilt als Konservativer, aber auch Konservative kommen bei ihm nicht ungeschoren davon.

Zu viel »Wokeness«?

Am 7. Februar hatte Neil seinen Wechsel zu GB News in einem Kommentar für das Revolverblatt Daily Express öffentlich gemacht. Demnach wird er nicht nur als Talkmaster für den neuen Sender tätig, sondern will dessen Geschicke auch inhaltlich in führender Funktion als »Chairman« leiten. Er gehe diesen Schritt, weil er glaube, »dass die Richtung der Nachrichtendebatte in Großbritannien zunehmend ›woke‹ ist und die Mehrheit der Menschen nicht mehr erreicht«. GB News wende sich an diese Menschen. Ein regionaler Fokus auf die Gegenden außerhalb der Hauptstadt sei für den neuen Sender zentral. »Mehr als 80 Prozent aller Briten leben außerhalb Londons«, so Neil. »Nach Jahren der Einsparungen bei den Lokalzeitungen ist ein Vakuum entstanden, welches danach schreit, von mehr als einer lokalen Facebookgruppe aufgefüllt zu werden.«

Am 14. März legte Neil nach, dieses Mal in einem Fernsehinterview für seinen ehemaligen Arbeitgeber BBC. »90 Prozent aller BBC-Moderatoren gehörten in der Brexit-Frage zum Remain-Lager« (waren also für den Verbleib in der EU, jW), so Neil. Die Mehrheit der BBC-Journalistinnen und Journalisten sei politisch »Mitte-links« positioniert, mit »metropolitanen Ansichten und metropolitanen Werten«. Am »glücklichsten« sei die BBC zu Zeiten des New-Labour- Premierministers Anthony Blair gewesen. In dem Staatssender seien »blairistische Ansichten« vorherrschend.

Dieser »blairistische Konsens« hat »thatcheristischen« Ursprung – was Neil in seinen Angriffen aber gerne verschweigt. Denn es waren ursprünglich die Tories unter der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher, die den kleinbürgelich und proletarisch geprägten Raum in Mittel- und Nordengland als »rückständig« erklärten. Mit dieser Sichtweise sollten individualistische Lebensmodelle in die Bevölkerung hineingetragen und gleichzeitig die Arbeiterbewegung mit ihrem auf Kollektivität und Solidarität basierenden Werte­system bekämpft werden. Während Thatcher einerseits mit repressiven Gesetzen gegen die sich in den 1980er Jahren politisierende und mit streikenden Bergleuten Solidarität zeigende Lesben- und Schwulenbewegung vorging, wurde andererseits die Großstadt, und hier vor allem London als pulsierende Metropole, als Leitbild zur Erfüllung individueller Bedürfnisse propagiert.

Mainstream gespalten

Blair setzte diese ideologische Offensive später fort. Gerade das politische BBC-Format »This Week« repräsentierte diese Ideologie über Jahre hinweg. Neil moderierte die Sendung als konservativer Ankermann. Seine Dauergäste waren der schwule konservative Politiker Michael Portillo und die linke Labour-Parlamentarierin Diane Abbott – die erste Unterhausabgeordnete mit schwarzer Hautfarbe. Neil war somit ein wesentlicher Vertreter der parteiübergreifenden neoliberalen, sich progressiv gebenden Kreise aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien.

Dieser allerdings ist spätestens seit dem »Brexit«-Referendum des Jahres 2016 aufgekündigt. Die neoliberale Herrschaftsform lässt sich nicht mehr mit einer einheitlichen Geschichte verteidigen. Die der in die Metropolen ziehenden Jugend gemachten Glücksversprechen wurden allesamt nicht gehalten. Vielmehr stecken die allermeisten in einer prekären und perspektivlosen Endlosschleife fest. Gleichzeitig grassieren in den deindustrialisierten Regionen Scheinselbständigkeit, Armut und Verfall. Einer überschaubaren Schicht ist es gelungen, sich kleinbürgerliche Existenzen aufzubauen. Doch auch die sind nicht erst seit Corona gefährdet.

Vor allem letztere sollen mit GB News angesprochen werden. Diesen Menschen will der neue Sender Halt und Stimme verleihen. Viele von ihnen wählten bei den Parlamentswahlen im Jahr 2020 die Tories und färbten ehemals rote Wahlkreise in konservatives Blau. Der neue Sender soll dazu beitragen, dass das länger so bleibt. 60 Millionen Pfund Startkapital verschiedener, den Tories nahestehender Investoren liegen dafür bereit.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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