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Aus: Ausgabe vom 07.04.2021, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Union Busting

Von Marc Püschel
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Birkenstock-Sandalen gelten als öko und hip, der Kampf der Firma gegen ihre eigenen Arbeiter wird ausgeblendet

Bequeme Schuhe, unbequeme Arbeiter. So muss es Karl Birkenstock empfunden haben, der ehemalige Chef des gleichnamigen Sandalenherstellers. Dem Patriarchen des Familienunternehmens gelang es jahrzehntelang, die Gründung von Betriebsräten zu verhindern. Als sich schließlich 1993 in der Tochterfirma »Birko Schuhtechnik GmbH« doch einer formierte und erste bescheidene Forderungen stellte, drohte Birkenstock mit Entlassungen und Werkschließungen. Nach der Veröffentlichung einer Liste mit Namen und Adressen der Betriebsräte erhielten diese anonyme Drohanrufe, mitunter musste sogar Polizeischutz angefordert werden. Die GmbH wurde aufgelöst, die Mitarbeiter in einer neuen Tochterfirma beschäftigt, an deren Werkseingang ein Schild ankündigte: »Betriebsratsfreie Zone«. In einer Einrichtung namens »DeP« (Durchführung einfacher Produktionsarbeiten) sollten aufmüpfige Beschäftigte – strikt in Männer und Frauen getrennt – durch besonders stupide oder unsinnige Aufgaben zermürbt werden. Angeblich ließ sich die Firma dies bis zu 200.000 D-Mark pro Monat kosten. Vor Gericht erlitt der Produzent des deutschesten aller Schuhwerke allerdings durchweg Schlappen.

Das ist nur ein Beispiel für sogenanntes Union Busting (Gewerkschaft zerschlagen), einer Taktik, die deutsche Familienunternehmen ebenso einsetzen wie multinationale Konzernen, etwa Amazon oder McDonald’s. Gemeint ist das gezielte und systematische Bekämpfen gewerkschaftlicher Organisierung und betrieblicher Mitbestimmung. Zwar wird die Gewerkschaftsarbeit im Betrieb durch die Normen der Internationalen Arbeitsorganisation der UNO gewährleistet und ist in vielen Ländern gesetzlich geschützt, doch abgesehen von der Nachlässigkeit der Klassenjustiz, Verstöße dagegen auch zu verfolgen, funktioniert Union Busting zumeist über vielfältige indirekte Methoden. Diese umfassen etwa das Bespitzeln und Einschüchtern von amtierenden oder potentiellen Betriebsräten, das Aufstellen eigener, unternehmerfreundlicher Kandidaten für Wahlen, Antigewerkschaftspropaganda sowie die Verhinderung kritischer Presseberichte. Oft werden Arbeiter und Angestellte auch in langwierige Arbeitsrechtsprozesse verwickelt, um sie »weichzukochen« und andere abzuschrecken.

Seinen Ursprung hat das gewerkschaftsfeindliche Vorgehen in den USA, wo sich die 1850 als privater Sicherheitsdienst gegründete Pinkerton-Agentur zur ersten großen Streikbrecherorganisation entwickelte. Als das Beispiel in Europa Schule machte, gab man sich zivilisierter und seinen Streikbrechern oft einen gemeinnützigen Anstrich, etwa mit dem Technischen Hilfswerk in der frühen BRD. Schreckten die Pinkerton-Agenten auch nicht vor dem Gebrauch von Schusswaffen zurück, agiert man heutzutage weniger brutal. Doch dafür hat sich mittlerweile eine eigene Branche rund um das Union Busting entwickelt, für die beteiligten Anwalts- und Beratungsfirmen ein Milliardengeschäft. Das Business wird oft verbrämt als »Union Avoiding« beworben, also als »Vermeidung« von Gewerkschaften. Die weltweit größte darauf spezialisierte Anwaltskanzlei, Littler Mendelson, verspricht dem Kapital auf ihrer Website: »Unsere tiefgreifende Erfahrung in der Vertretung der Unternehmensleitung dient als starker Gegenpol zu den mächtigsten Gewerkschaftsorganisationen der Welt.«

Intern dürfte die Ausdrucksweise bei den Konzernen weniger blumig sein: In Deutschland wurde 2009 das Wort »betriebsratsverseucht« zum Unwort des Jahres gewählt, nachdem in der ARD-Sendung »Monitor« aufgedeckt worden war, dass es zum üblichen internen Jargon der Manager einer Baumarktkette gehörte. Doch allem Union Busting zum Trotz: Mehr als einzelne Erfolge hat das Kapital im Kampf gegen die Gewerkschaftsbewegung nicht erzielt, der Wille zur betrieblichen Organisation – das Beispiel Amazon zeigt es dieser Tage wieder – ist ungebrochen. Oder, um es in Anlehnung an den Song von Joe Hill zu sagen: »There is still Power in a Union«.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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