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Aus: Ausgabe vom 07.04.2021, Seite 10 / Feuilleton

Kuschel, Bois

Von Jegor Jublimov
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Ein langes, fröhliches Schauspielerleben? Eher nicht: Curt Bois (1986)

Zwei Geschwister fahren in den Ferien auf einem Motorgüterschiff im Elbsandsteingebirge auf der Elbe mit. Da springt ihr Hund unbemerkt ins Wasser. Um ihn zu suchen, gehen sie an Land, verlaufen sich und treffen auf der anderen Seite der Grenze auf tschechische Kinder. Die Völkerverständigung hilft, den Hund wiederzufinden. Als kleine Schwester spielte Gerit Kling in »Hund über Bord« ihre erste Hauptrolle. Vor 50 Jahren wurde der Film als Gemeinschaftsproduktion des Berliner und des Prager Kurzfilmstudios gedreht. Regisseur Thomas Kuschel, den man auch als Moderator der »Flimmerstunde« kannte und der am Montag 80 wurde, erhielt dafür bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig ein Anerkennungsdiplom. Der Dokumentarfilmer hat 1975 noch einen Spielfilm über den Bauernkrieg gedreht, sich aber sonst vor allem mit musikalischen Themen hervorgetan. Von ihm gibt es Dokumentarfilme über Richard Wagner, Ludwig Güttler und Ernst Hermann Meyer. Ein besonderes Meisterwerk war 1985 »Ich bin eine rufende Stimme« über den Barockkomponisten Heinrich Schütz, für das er mehrfach ausgezeichnet wurde.

Ein musikalischer Schauspieler wurde am Montag vor 120 Jahren geboren – er starb vor 30 Jahren. Schon 1908 in Berlin begann Curt Bois seine 80 Jahre währende Karriere in der Operette »Der fidele Bauer«. Der Erfolg wurde gleich auf Film und Schallplatte gebannt, der erste von über 120 Filmen. Er hatte musikalische Auftritte im frühen deutschen Tonfilm und ab 1938 in Hollywood. Sein Duett »Kleider machen Leute« mit Georg Thomalla in der Filmsatire »Das Spukschloß im Spessart« von 1960 ist legendär.

Ein langes, fröhliches Schauspielerleben? Nur teilweise. Es hielt viel Bitteres für ihn bereit. 1933 musste er aus Deutschland fliehen, weil er Jude war und noch dazu in Kabarettsketchen die Nazis verhohnepipelt hatte. Er hatte das Glück, in die USA zu entkommen, aber seine Hollywood-Rollen wurden immer kleiner, weil einflussreiche Neider gegen ihn intrigierten. Als er zurückkehrte, um in der DDR zu arbeiten, fand man kaum Rollen für ihn. Mit Genehmigung der Regierung siedelte Bois in den Westen über, wo er es wiederum schwer hatte, weil er aus dem Osten kam. Erst der jüdische Emigrant Fritz Kortner bestand darauf, ihn zu besetzen. Am Schiller-Theater musste Bois erleben, dass ein Kollege ungeniert von seiner Freundschaft mit Hermann Göring schwärmte. Als er sich bei Intendant Boleslaw Barlog darüber beschwerte, entließ er – Bois! In der DDR fand er neue Auftrittsmöglichkeiten. Heute würde sich Bois nicht mehr darüber wundern, dass beispielsweise auf DVD-Covern von »Der Himmel über Berlin« sein Name nicht erwähnt wird, obwohl er 1988 den Europäischen Filmpreis für seine Rolle erhalten hatte. Die Geschichtsvergessenheit ist noch immer viel zu groß.

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