Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 17. / 18. April 2021, Nr. 89
Die junge Welt wird von 2503 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 07.04.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Soziales Drama

Britanniens Wettkönigin

Denise Coates ist Chefin von »Bet 365«. 2020 kassierte sie trotz Umsatzrückgang ein Rekordgehalt von 469 Millionen Pfund
Von Christian Bunke
9.jpg
Verlustmöglichkeiten an jeder Straßenecke: Welche Farbe hat der Hut der Königin? (Ascot, 20.6.2013)

Denise Coates ist Großbritanniens einzige Multimilliardärin. Kaum jemand kennt sie. Den Klatschspalten der einschlägigen Zeitungen bleibt sie bewusst fern. Ihr Unternehmen hat nicht einmal eine Pressestelle. Und doch kennt jeder in Großbritannien ihr Unternehmen: Den Wettanbieter »Bet 365«. Die Firmenzentrale in der mittelenglischen Stadt Stoke beschäftigt 4.000 Menschen – und das in einer Zeit, in der eine Fabrik mit 200 Arbeitern heutzutage schon als großer britischer Industriebetrieb zählt.

Die 53jährige Unternehmerin ist gleichzeitig Gründerin und Chief Executive Officer (CEO) des von ihr, ihrem Vater Peter und ihrem Bruder John beherrschten Wettanbieters. Laut einem ausführlichen Porträt in der New York Times vom Donnerstag zahlt sie sich selbst ein 12.000fach höheres Gehalt, als es eine Durchschnittsverdienerin in Stoke bekommen würde. 2019 genehmigte sich Coates Einkünfte in Höhe von umgerechnet etwa 304 Millionen Pfund. 2020 erhöhte sich das jährliche Gehalt der Firmenchefin einschließlich geschätzter 48 Millionen Pfund an Dividende auf 469 Millionen Pfund (rund 550 Millionen Euro). Das ist ein Rekord. Noch nie wurde in der britischen Geschichte ein derart hohes Gehalt ausgezahlt.

Dem steht gegenüber, dass im Jahr 2021 laut Spiegel vom Donnerstag, die Umsätze von Bet 365 um acht Prozent gesunken sind. Die Pandemie hat den Sportwettenmarkt vor allem in der Anfangsphase vor Probleme gestellt – viele Sportereignisse wurden abgesagt. Inzwischen läuft zumindest der Profifußball in den großen Ligen wieder. Für andere Ereignisse zeigte sich die Branche innovativ. So kann man auf dem Smartphone inzwischen auf fiktive, virtuelle Pferderennen oder Leichtathletikwettbewerbe wetten. Die Wachstumskurve zeigt bei den Anbietern schon längst wieder steil nach oben.

Tatsächlich wirkt die Pandemie hier wie ein Brandbeschleuniger. Matthew Hickey, CEO der sich um spielsüchtige Menschen kümmernden Organisation Gordon Moody Association, sprach schon in einem Blogeintrag Ende September 2020 in diesem Zusammenhang von einem »perfekten Sturm«. In den ersten Monaten sei die Zahl der bei seiner Organisation hilfesuchenden Menschen um das achtfache gestiegen. Eine Kombination aus »Langeweile, finanziellen Schwierigkeiten und Isolation durch Ausgangsbeschränkungen« habe zu einem dramatischen Anstieg der Suchtproblematik im Wettbereich geführt. 45 Prozent der Hilfesuchenden seien Frauen.

Im Ausland eilt der britischen Wettbranche immer noch ein folkloristisches Image voraus. Der typische Brite geht gerne ins Wettbüro, um dort auf Pferderennen oder ähnliches zu setzen. Dieses Bild wird bis heute in Reiseführern als landestypischer Spleen verkauft, ohne dabei groß auf die Gefahren einzugehen. Tatsächlich kennzeichnet die Branche, dass sie Riesengeschäfte mit der Abhängigkeit der Menschen macht. Es funktioniert auf ähnliche Weise wie die Tabakindustrie.

Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass die bislang letzte Reform der Gesetzgebung zur Regulierung von Wettanbietern im Jahr 2005 stattgefunden hat. Das war damals schon eine sehr leichte, kaum restriktive Regulierung. Die »New Labour«-Regierung des damaligen Premiers Anthony Blair wollte der Geschäftswelt keine »unnötigen Hürden« in den Weg legen. Noch bedeutsamer für die heutige Zeit ist aber, dass die damals ausgearbeitete Gesetzgebung nur für den analogen Bereich gilt. Das Wettgeschäft im Internet begann sich erst 2005 durchzusetzen, Smartphones sollten dann einige Jahre später ihren Siegeszug antreten.

Aktuell bietet die Branche Wetten in Echtzeit während laufender Ereignisse, wie zum Beispiel eines Fußballspiels, an. Da hilft es, dass 70 Prozent aller englischen Fußballklubs von Wettanbietern gesponsert werden. Bet 365 ist mit Stoke City sogar Eigentümer eines eigenen Vereins in der Premier League, der höchsten englischen Spielklasse. Kampagnen wie die Initiative »Clean Up Gambling« fordern schon seit langem ein Werbeverbot für die entsprechenden Anbieter.

Mit dem Smartphone trägt jeder einen potentiellen Spielautomaten in der Hosen- oder Handtasche herum. Für suchtgefährdete Menschen ist das katastrophal. Laut den vom britischen Oberhaus im Jahr 2020 veröffentlichten Zahlen kommen 60 Prozent der Branchengewinne aus den Geldbeuteln sogenannter Problemspieler: Leuten also, die sich um Kopf und Kragen spielen. Die New York Times weiß zu berichten, was Bet-365-Haupteigentümerin Denise Coates – unzweifelhaft Britanniens Wettkönigin – mit diesem Geld unter anderem macht: Für 90 Millionen Pfund hat sie sich einen »Glaspalast« in der nordenglischen Grafschaft Cheshire errichten lassen.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Eintritt bald nur noch mit Impfpass? Manche Großveranstalter plä...
    22.12.2020

    Schöne neue Coronawelt

    Großbritannien: Konzerne als Krisengewinner, Aushöhlung der öffentlichen Gesundheitsvorsorge
  • Bekommt immer weniger Aufmerksamkeit: Juan Guaidó (Caracas, 4.3....
    03.12.2020

    Rückhalt schwindet

    Vor Parlamentswahl in Venezuela: Guaidós »Botschafterin« in London tritt zurück. Opposition uneins über Vorgehen

Mehr aus: Kapital & Arbeit