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Aus: Ausgabe vom 07.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Country

In die Landschaft schauen, rauchen, nachdenken

Weit und wuchtig: Das neue Album von Israel Nash ist draußen
Von Frank Schwarzberg
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Frisch und direkt – trotz Barts: Israel Nash

Mit Wucht landete Israel Nash 2011 in der Country-Rock-Szene. Nach seinem Debütalbum »New York Town« (2009) war »Barn Doors and Concrete Floors«, aufgenommen in einer Scheune in den Catskill Mountains bei New York, sein Durchbruch. Es waren rauhe, erdige, naturbelassene Songs, gesungen mit einer Stimme, die klang, als schneide sie durch dichtes Gestrüpp.

2013 hatte Nash genug von New York: Er zog in die Berge von Texas, und zur Wucht seiner Musik kam Weite hinzu. Sein Album »Rain Plans« (2013), erzählte er mir im Interview am Rande seiner damaligen Europatournee, sollte so klingen, wie die Landschaft aussah. Staunen über die überwältigende Größe und Schönheit seiner neuen Umgebung wurde in erhabene und gleichzeitig Demut atmende Songs übersetzt.

Sein schnörkelloser Country-Rock wurde nun zunehmend psychedelisch, auch künstlerisch anspruchsvoller, beginnend mit »Rain Plans« über »Silver Season« (2015) bis hin zum großartigen 2018er Album »Lifted«. Auf den Platten wanderte seine Stimme in die Höhe, dazu bastelte er an einer Art Wall of Sound mit Unmengen von übereinander gelegten Schichten. Die Live-Umsetzungen indes waren näher dran am ursprünglichen Klang der Band, transparenter, Nashs Stimme hier eher schneidend als schwebend. In Verbindung mit tollen Soli der Bandmitglieder, sattem, lautem Sound und den majestätischen Songs gehörten seine Auftritte 2018 zu den Konzerten des Jahres.

Das neue Album Nashs heißt »Topaz«. Es klingt so frisch und direkt, dass man auf der Stelle in eine laute, stickige, fröhliche Halle rennen will, sich in der Musik bewegen möchte. In seinem selbstgebauten Tonstudio auf seiner 30-Hektar-Ranch in Dripping Springs traf er sich mit Adrian Quesada (von den Black Pumas; in den Credits als Koproduzent neben Nash genannt), seiner langjährigen Begleitband und befreundeten Musikern, um an einer behutsamen Weiterentwicklung seines Sounds zu arbeiten, mit etwas mehr Memphis Soul, den man im Rhythmusgefühl, den Bläsereinsätzen und dem Gospel-Backgroundgesang einiger Stücke spürt. Als die Pandemie einsetzte, bastelte Nash dort über Monate alleine weiter, bis das Album fertig war. Er ließ sich Zeit, zwischendurch saß er draußen und schaute in die Landschaft, rauchte, dachte nach, sah die Sonne untergehen, drehte seine Boxen auf – womöglich auch zu Neil Young, dessen Musik (in der Crazy-Horse-Variante) immer präsent ist auf Nashs Alben.

Einige der elf Songs kritisieren, direkter als auf früheren Alben, Missstände in den USA: die gesellschaftliche Spaltung (»Dividing Lines«), ländliche Armut und Wut über damit einhergehende Machtlosigkeit (»Down in the Country«, »Pressure«), Amokläufe und die zugrundeliegenden Waffengesetze (»Sutherland Springs«, 2017 das schlimmste Schusswaffenmassaker in Texas’ jüngerer Geschichte). Andere Songs, wie etwa das berührende »Stay«, sind privater, handeln von der Sehnsucht nach dem geliebten Menschen, nach Vertrauen und einem Zuhause.

Bei besagtem Interview damals, 2013, ließ mich Nash übrigens warten: Seine schwangere Frau musste am Telefon von Deutschland aus sanft beruhigt werden – Spinnen im Haus! »My heart is a canyon« singt er jetzt, 2021, in »Canyonheart«. Sein Herz ist so groß, da ist für uns auch noch Platz. Wird wirklich langsam Zeit, die Zeile zu Nash zurückzuspielen, im Konzert, vielstimmig gesungen.

Israel Nash: »Topaz« (Loose Music/Rough Trade)

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