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Aus: Ausgabe vom 01.04.2021, Seite 12 / Thema
Gesundheitssystem

Aus Frust gekündigt

Der Unmut bei den Pflegekräften wächst in der Coronapandemie weiter. Viele sprechen von einem »Pflexit«
Von Bernd Müller
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Von Politik und Wirtschaft im Stich gelassen: Pflegekräfte müssen einen großen Teil der Belastungen der Coronapandemie tragen. Viele entkommen dem Stress nur durch Kündigung

Manchmal ist es nicht schlecht, in sozialen Netzwerken unterwegs zu sein. Unter dem Hashtag »Pflexit« lassen viele Pfleger derzeit auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ihrem Frust freien Lauf. Ob im Krankenhaus oder im Altenheim – das Pflegesystem in Deutschland ist gehörig in Schieflage geraten. Viele Probleme bestehen schon seit Jahren, doch die Coronapandemie hat sie noch einmal verstärkt und bringt sie immer deutlicher zum Vorschein.

»Die Stimmung kippt gerade. Verzweiflung, Unverständnis, Enttäuschung, Wut und sogar Trauer steigen von Tag zu Tag«, twitterte ein Mann am 23. März.¹ Eine Frau beschwerte sich am selben Tag: »Bei mir auf Arbeit wurden Handwerker und Klientel geimpft. Das Pflegepersonal nicht!«² Wieder andere zeigen sich froh, ihren »Absprung« schon vor Jahren geschafft zu haben. Eine private Umfrage auf Twitter ergab: Nur etwa ein Viertel der 711 Personen, die ihre Stimme abgegeben haben, will weiter in der Pflege arbeiten; jeder Dritte hat entweder schon gekündigt oder hat seine Kündigung geschrieben.³

Diese Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, aber ihr Ergebnis deckt sich mit dem einer Untersuchung des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK). Im Dezember hatte der Verband bundesweit rund 3.600 Pflegekräfte befragt. Das Ergebnis: Fast jeder Dritte (32,1 Prozent) überlegt, den Beruf zu wechseln.⁴

Deutschlandweit haben das auch rund 9.000 Beschäftigte in der Alten- und Krankenpflege allein in den Monaten Mai bis Juli letzten Jahres getan. Pia Zimmermann, Sprecherin für Pflegepolitik der Bundestagsfraktion Die Linke, hatte dafür bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) die verfügbaren Beschäftigtendaten erbeten und ausgewertet. Aus der Altenpflege flohen demnach 3.900 Beschäftigte, aus der Krankenpflege 5.000.⁵

»Die beruflich Pflegenden fühlen sich seit Beginn der Pandemie oft alleingelassen, in ihrer Professionalität missachtet und in ihrer physischen und psychischen Integrität gefährdet«, erklärte DBfK-Präsidentin Christel Bienstein Mitte März. Sie warf den politisch Verantwortlichen vor, keine Abhilfe schaffen zu wollen.⁶

Ein Erfahrungsbericht

Tatjana Sambale ist Fachkraft in einem privaten Pflegeheim in Nürnberg. Sie erzählt von ihrem stressigen Arbeitsalltag und von Überlastungsanzeigen, die von der Chefetage ignoriert werden.⁷ Sie erzählt, dass sie mitunter allein verantwortlich ist für 21 Bewohner und für zwölf weitere die Fachaufsicht trägt. Für das Abendessen deckt sie im Speisesaal die Tische, bereitet das Essen vor, holt die Bewohner zu Tisch, teilt Essen aus und reicht es den Alten, wenn sie allein nicht mehr essen können. Zwischendurch muss sie auf die individuellen Bedürfnisse von allen eingehen: »Schwester, kann ich noch Zucker für meinen Tee?«, »Schwester, was ist mit meinen Tabletten?«, »Schwester, ich wollte Naturjoghurt, keinen Fruchtjoghurt.« Nebenbei teilt sie Medikamente aus, überprüft, wieviel Insulin manchem gespritzt werden muss, oder sie muss einen Patienten zur Toilette führen.

Die Arbeit ist purer Stress, erzählt sie, und sie stößt immer wieder an ihre Grenzen. Doch statt dass ihr geholfen wird, sagt ihr die Geschäftsführung immer wieder: »Sie müssen sich besser strukturieren, alles eine Frage der Organisation. Oder sind Sie etwa den an Sie gestellten Anforderungen nicht gewachsen?« Als wenn das noch nicht reichen würde: Immer wieder fallen die Computer aus, auf denen sie Berichte schreiben soll; einfachste Dinge wie Handschuhe und Müllsäcke fehlen immer wieder, am Wochenende sind es dann die Inkontinenzeinlagen für die Patienten, die nicht mehr vorhanden sind.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie eine Überlastung anzeigt. Als sie es das letzte Mal tat, erzählt sie, wurde ihr vorgehalten, sie müsse die Mehrbelastung genauer, ausführlicher und im Detail dokumentieren. Ansonsten sei es weder glaubwürdig noch nachvollziehbar. Von ihrer »naiven Vorstellung« hat sie sich verabschiedet, ihre Arbeitsbedingungen zu schildern würde ausreichen, um eine Überlastungsanzeige zu begründen. Doch statt den Beruf zu wechseln, hat sie sich für einen anderen Weg entschieden: Sie hat sich in den Betriebsrat des Unternehmens mit 48 Pflegeheimen wählen lassen. Die Probleme sind zwar noch nicht kleiner geworden, sagt sie, doch nun kämpfe man nicht mehr vereinzelt. Zusätzlich »zu Inkontinenzeinlagen kämpfen wir nun um funktionierende Wasserhähne, eine gesetzeskonforme Dienstplangestaltung und Arbeitskleidung, die diesen Namen auch verdient«.

Die Pflege sei am Limit, bekräftigte auch Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, Ende März. »Wir brauchen starke Signale, um den Pflegeberuf attraktiv zu machen«, sagte sie. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte im Herbst letzten Jahres das Signal dafür gegeben: Er präsentierte Eckpunkte für eine Pflegereform, mit der Beschäftigte besser bezahlt werden sollen, ohne Pflegebedürftige und ihre Familien zu überlasten. Aber die Reform stockt, und die Wohlfahrtsverbände werden ungeduldig. »Wenn der Gesundheitsminister nicht in den nächsten Tagen mit einem offiziellen Entwurf rauskommt, scheitert eines der wichtigsten Vorhaben der Legislaturperiode«, betonte Loheide. Was bisher bekannt wurde, »hat den Namen Pflegereform nicht verdient«. Im Ministerium hat man es aber nicht eilig: Ein Arbeitsentwurf werde jetzt regierungsintern diskutiert, erklärte ein Sprecher, und zum Zeitplan könne man keine Auskunft geben. Doch bis zur Bundestagswahl im Herbst solle die Reform in den Bundestag eingebracht werden.

Internationaler Personalmangel

Den Personalmangel abzustellen ist kein leichtes Unterfangen. Schon heute fehlen mehrere zehntausend Fachkräfte in Deutschland, und die Folge davon ist: Arbeitsverdichtung. Bis 2019 stieg die Zahl der Pflegekräfte kontinuierlich an; aber die Lücke konnte nicht geschlossen werden. Die Bundesregierung gesteht die Misere auch ein. »Die aktuelle Arbeitsmarktsituation in der Pflege kann den zusätzlichen Bedarf an Pflegefachpersonen, Pflegehilfs- und Assistenzpersonen zeitnah nicht auffangen«, heißt es in einer »Roadmap« des Ministeriums. Dieses Papier geht auf die »Konzertierte Aktion Pflege« zurück.⁸

Auch in den Jahren zuvor wurde auf das Problem hingewiesen. So heißt es beispielsweise in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) von 2018: Auf 100 offene Stellen kommen lediglich 22 Bewerber. Und die Prognose gibt für die Zukunft keine Entwarnung – im Gegenteil. Das IW schätzt den zusätzlichen Bedarf bis zum Jahr 2035 auf 150.000 Pflegekräfte, so dass die Lücke größer wird und auf 500.000 Stellen anwächst.⁹

Damit es nicht ganz so dramatisch wird, ging Spahn vor zwei Jahren im Ausland auf Werbetour, um dort dringend benötigtes Personal zu rekrutieren. Stolz präsentierte er damals entsprechende Abkommen mit den Philippinen und Mexiko. Für die Zukunft dürfte diese Option allerdings auch entfallen.

Der International Council of Nurses (ICN) hat kürzlich darauf hingewiesen, dass weltweit zuwenig Menschen in der Pflege arbeiten.¹⁰ Bereits vor der Pandemie hätten sechs Millionen gefehlt – mit der Pandemie habe ein Exodus aus dem Beruf eingesetzt. Die Schere zwischen Bedarf und vorhandenem Personal gehe in den nächsten Jahren noch weiter auseinander: Bis 2030 werden demnach vier Millionen erfahrene Pfleger in Rente gehen. Gleichzeitig werden immer mehr von ihnen benötigt. Die EU-Kommission schätzte laut Ärztezeitung (26.2.2021) in einer Studie den Bedarf: Bis 2030 werden allein in den Ländern der Europäischen Union elf Millionen zusätzliche Pflegepersonen gebraucht.

Der Frust, den nun viele auf Twitter öffentlich machen, hat vor allem etwas mit mangelndem Schutz in der Pandemie zu tun. Eine Auswertung der Techniker Krankenkasse verdeutlichte jüngst, dass Menschen in Pflegeberufen besonders häufig wegen einer Coronainfektion krankgeschrieben werden. Auf 100.000 Beschäftigte wurden in der »Haus- und Familienpflege« 1.242 Menschen deswegen krankgeschrieben. In diese Berufsgruppe fallen zum Beispiel die Beschäftigten von ambulanten Pflegediensten. Unter den Altenpfleger waren es 1.205 und unter den Krankenpflegern 1.101 Personen pro 100.000. Das ist mehr als doppelt soviel wie der bundesweite Durchschnitt von »nur« knapp 500.¹¹

Vor diesem Hintergrund warnt der ICN vor einem Massenexodus aus dem Beruf. Viele Pflegekräfte seien bis zur körperlichen und geistigen Erschöpfung getrieben worden, wird ICN-Chef Howard Catton in der Verdi-Mitgliederzeitung Publik (2/2021) wiedergegeben. Es sei zu einer »Massentraumatisierung« gekommen. Um eine Massenabwanderung von Arbeitskräften zu verhindern, fordert der ICN »mutige Maßnahmen« von den Regierungen. Darunter versteht er höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, flexible Arbeitszeitregelungen besonders für ältere Pflegekräfte sowie psychische Unterstützung, um die Traumata des zurückliegenden Jahres besser bewältigen zu können.

»Es ist unsäglich«, wie mit den Forderungen, die seit Jahren erhoben werden, noch in der jetzigen Situation umgegangen werde, sagte DBfK-Präsidentin Bienstein. Man habe »eine verbindliche und ehrgeizige Zusage zum Personalausbau in der Langzeitpflege gefordert, und auch die Pflegereform liegt auf irgendeinem Regierungsschreibtisch«, so Bienstein weiter.

Es dauert in der Altenpflege mitunter ein halbes Jahr, um eine offene Stelle wieder neu zu besetzen. Als eine besondere Hürde gilt manchen dabei die aktuelle Fachkraftquote: Jeder zweite Beschäftigte muss ausgebildeter Alten- oder Krankenpfleger sein. Der Bremer Gesundheitsökonom Heinz Rothgang sollte deshalb im Auftrag der gesetzlichen Krankenversicherungen neue und flexiblere Instrumente der Personalbemessung entwickeln. Das Ergebnis seiner Untersuchung: Eine qualitativ hochwertige Pflege ist auch mit einer durchschnittlichen Fachkraftquote von 38 Prozent machbar. Das funktioniere aber nur mit insgesamt mehr Pflegekräften: Rund 100.000 zusätzliche Assistenzkräfte müssten bundesweit eingestellt werden. Das dürfte aber nicht leicht umzusetzen sein, wie die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen.

Niedriglöhne in der Altenpflege

Woran es beim Personalausbau hapert, zeigte sich mit dem 2018 verabschiedeten »Pflegepersonalstärkungsgesetz«. Vollstationäre Einrichtungen sollten 13.000 neue Altenpfleger einstellen, und die neu geschaffenen Stellen sollten komplett von den Kassen finanziert werden. Das Programm startete am 1. Januar 2019, und eineinhalb Jahre später gab es lediglich 2.631 zusätzliche Stellen, wie der GKV-Spitzenverband damals mitteilte. Dass das Programm seine Wirkung verfehlte, wurde damit begründet, dass der Markt leergefegt sei. Bärbel Bas, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, warnte: »Solange wir nicht endlich für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege sorgen, werden solche Stellenprogramme ins Leere laufen«.¹²

Der Ruf nach höheren Löhnen wird durch amtliche Zahlen gerechtfertigt. Die Antworten des Bundesministeriums für Arbeit (BMAS) auf zwei parlamentarische Anfragen zeigen: Viele Altenpfleger werden am Ende ihres Arbeitslebens mit Armutsrenten auskommen müssen. Wenn das monatliche Einkommen durch Altersrente unter dem Betrag von 832 Euro liegt, dann sind die Betroffenen auf Grundsicherung im Alter angewiesen.

Dietmar Bartsch, Kovorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, wollte in seiner Anfrage wissen, wie hoch das monatliche Einkommen liegen muss, damit die Rente nach 45 Arbeitsjahren in Vollzeit oberhalb der Grundsicherung liegt. Das BMAS rechnete im Februar dieses Jahres vor, dass dafür ein durchschnittlicher Jahresverdienst von 24.102 Euro brutto notwendig sei. Dieser Wert markiert den bundesweiten Durchschnitt, und er kann je nach Bundesland variieren: In Sachsen-Anhalt liegt er beispielsweise bei 21.789 Euro, in Mecklenburg-Vorpommern bei 22.501 Euro. Gut ein Fünftel aller Altenpfleger bleibt darunter; in Zahlen ausgedrückt sind das laut BMAS 41.144 Beschäftigte.

Diese Rechnung gibt eine Orientierung, aber sie klammert aus, dass die Mehrheit der Beschäftigten in der Altenpflege in Teilzeit arbeitet. Ihr Anteil lag 2019 immerhin bei 56 Prozent in der gesamten Branche. Unter den Pflegehelfern ist die Quote mit 67 Prozent deutlich höher. Linke-Politikerin Zimmermann nahm sich ihrer an und fragte nach, wie viele Jahre jemand arbeiten müsse – bei einer Wochenarbeitszeit von 35 Stunden –, um eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu erhalten. Das BMAS rechnete ihr – ebenfalls im Februar – vor: Wird das Mindestentgelt für Pflegebetriebe in Höhe von 11,60 Euro pro Stunde zugrunde gelegt, dann müsste eine Pflegekraft ohne einjährige Ausbildung 53 Jahre arbeiten, Pflegefachkräfte »nur« 42 Jahre. Ein etwas besseres Bild ergibt sich, wenn der Rechnung die Mindestentgelte zugrunde liegen, wie sie im Tarifvertrag zwischen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche (BVAP) ausgehandelt wurden. Für Pflegekräfte ohne einjährige Ausbildung wären dann noch 51 Arbeitsjahre zu leisten, für Fachkräfte noch 39 Jahre. Armut im Alter wäre auch weiterhin ein Thema für Pflegekräfte.

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hatte schon vor zwei Jahren darauf hingewiesen, dass es innerhalb des Pflegebereichs enorme Lohnunterschiede gibt. Krankenpfleger werden deutlich besser bezahlt als Altenpfleger, was unter anderem daran liegt, dass in Kliniken häufiger Tarifverträge gelten als in Senioreneinrichtungen oder in der ambulanten Pflege. Die Lohnunterschiede könnten allerdings in Zukunft den Personalmangel in der Altenpflege verschärfen. Das liegt an der »generalistischen« Ausbildung für Pflegeberufe. Auf dem Weg zum Berufsabschluss stellt sie den ersten Schritt dar, und erst im zweiten können sich die Auszubildenden entscheiden, ob sie in die Kranken-, Alten- oder Kinderpflege gehen wollen. Das zu erwartende Gehalt dürfte die Entscheidung beeinflussen.

Tarifvertrag scheitert

BVAP und Verdi hatten zuletzt einen Versuch gestartet, die schlimmsten Auswirkungen von Lohndumping in der Branche zu mildern. Beide Verbände hatten einen Tarifvertrag ausgehandelt; aber sie sahen sich mit dem Problem konfrontiert, dass dieser nur in einem Bruchteil der Pflegeeinrichtungen die Entgelte regulieren würde. In der Bundesrepublik gibt es knapp 15.400 Heime und mehr als 14.600 ambulante Pflegedienste. Die Mehrheit von ihnen ist in privater oder in kirchlicher Trägerschaft, und nur wenige haben sich einem Tarifverbund angeschlossen.

Für diesen Fall sieht das »Arbeitnehmerentsendegesetz« die Möglichkeit vor, einen Tarifvertrag für die gesamte Branche für allgemeinverbindlich erklären zu lassen. Darüber kann auf Antrag der Bundesarbeitsminister entscheiden. Die Crux an der Sache ist, dass den kirchlichen Anbietern Caritas und Diakonie in dem Gesetz de facto ein Vetorecht eingeräumt wird. In dem Gesetz ist geregelt, dass ein Tarifvertrag nur allgemeinverbindlich werden kann, wenn die entsprechenden Gremien von zwei Religionsgemeinschaften zustimmen.

Die katholische Caritas hat sich dagegen ausgesprochen – und damit einen kleinen Skandal ausgelöst. Pia Zimmermann nannte die Entscheidung scheinheilig. Die Mitarbeitervertretung der Caritas warf dem Verband mangelnde Solidarität vor – mit Tarifverträgen sei das Ende von Dumpinglöhnen bei Tausenden privaten Anbietern verhindert worden. Anders als behauptet, sei es nur um Mindestniveaus in der Vergütung und beim Urlaubsanspruch gegangen – um ein »bescheidenes Mindestniveau, das übertroffen werden sollte, will man die Arbeit in der Altenpflege angemessen honorieren«. Beklatscht wurde die Entscheidung nur von den privaten Pflegeanbietern.

Zuvor galt die Zustimmung der Kirchen als relativ sicher. Verdi und der BVAP hatten immer wieder Caritas und Diakonie konsultiert und waren auf deren Wünsche eingegangen, bei der Höhe der Gehälter, der Laufzeit des Tarifvertrags und bei der betrieblichen Altersvorsorge. Der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche, die Diakonie, hatte zuvor sogar erklärt, nachdrücklich das gemeinsame Ziel zu unterstützen, »die Arbeitsbedingungen in der Pflege flächendeckend zu verbessern«. Zu einer Abstimmung bei der Diakonie kam es dann nicht mehr; einen Tag zuvor hatte die »Arbeitsvertragskommission« der Caritas ihr Veto eingelegt und die Sache entschieden.

Gesundheitsminister Spahn soll dabei eine treibende Kraft gewesen sein. Er soll die Mitglieder der »Arbeitsvertragskommission« bei der Caritas in persönlichen Gesprächen ermuntert haben, gegen einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag zu stimmen. Das behauptete zumindest der Tagesspiegel am 25. Februar. Überprüfen lässt sich das nicht.

Fest steht: Minister und Gewerkschaft verfolgen unterschiedliche Ziele. In seinem Eckpunktepapier zur Pflegereform, das Spahn Ende 2020 vorgelegt hatte, heißt es zwar auch, ambulante Pflegedienste und Pflegeheime würden künftig nur noch zugelassen, wenn sie nach Tarif oder tarifähnlich zahlen. Das sieht aber nur auf den ersten Blick nicht schlecht aus. »Oberflächlich wird der Eindruck erweckt, als würde der Versorgungsvertrag an faire Löhne gebunden«, kritisierte Sylvia Bühler, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand, Mitte März Spahns Entwurf.¹³ Es werde aber weder ein Beitrag für bessere Einkommen noch für bessere Arbeitsbedingungen geleistet. Es werde nicht verhindert, »dass Pseudogewerkschaften mit Pflegeanbietern billige Gefälligkeitstarifverträge abschließen«, wie das auch schon in der Vergangenheit der Fall gewesen sei. Zudem sei der Entwurf voller Schlupflöcher. Zum Beispiel solle, wenn kein Tarifvertrag herangezogen werden könne, auf ortsübliche Entlohnung zurückgegriffen werden. »Damit dreht man sich im Kreis, weil vielerorts die Löhne aktuell ja nur auf dem unzulänglichen Niveau des Pflegemindestlohns liegen«, so Bühler weiter.

Die Gewerkschaft wirft Spahn vor, er würde mit seinem Vorschlag gute Tarifverträge unter Druck setzen. Es sei nicht mehr sicher, dass tarifvertraglich vereinbarte Gehälter künftig noch vollständig refinanziert würden; denn es solle geprüft werden, ob die Tarifvereinbarungen eine nach ortsüblichen Maßstäben wirtschaftliche Entlohnungsstruktur vorsehen. Das »ist eine verhängnisvolle Botschaft« an die Pflegekräfte, so Bühler weiter.

Um so bemerkenswerter fand die Gewerk­schafterin, dass Spahn kirchliche Arbeitsregelungen schützen lassen will – völlig unabhängig vom Niveau. Sie forderte Caritas und Diakonie auf, gegen die Pläne des Ministers zu protestieren. Nur so könnten sie verhindern, »dass der Eindruck entstehe, sie hätten einen Freibrief ausgehandelt, dafür, dass sie den allgemeinverbindlichen Tarifvertrag zu Fall gebracht haben«. Bis auf eine leichte Kritik blieb ein Protest dagegen bislang aus.

Anmerkungen

1 twitter.com/Eenaender/status/1374339366525489153

2 twitter.com/bellaprimitiva/status/1374432450680549379

3 Auf Twitter kann jeder Nutzer eine eigene Umfrage starten. Für die vorliegende siehe: twitter.com/heaven_nurse/­status/1373584057725030402

4 Vgl. die Broschüre »Gut geschützt bei der Arbeit?« des Verbandes, kurzelinks.de/7bok

5 kurzelinks.de/rd2h

6 www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2021/Treibt-die-Pandemie-weltweit-Pflegefachpersonen-aus-dem-Beruf.php

7 Im folgenden eine Wiedergabe der Inhalte einer Rede, die Tatjana Sambale am 18. Juli 2020 auf einer Gewerkschaftsveranstaltung gehalten hat.

8 Vgl. kurzelinks.de/gfc9

9 Vgl. www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/IW-Trends/PDF/2018/IW-Trends_2018-03-02_Pflegefallzahlen.pdf

10 Vgl. kurzelinks.de/qr88

11 Vgl. kurzelinks.de/zsy1

12 Zit. nach Ärztezeitung, 15.7.2020

13 Vgl. Verdi-Pressemitteilung vom 15. März, kurzelinks.de/3jz6

Bernd Müller schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 5. Juni 2015 über umweltschädliche Braunkohlekraftwerke.

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