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Aus: Ausgabe vom 01.04.2021, Seite 8 / Inland
Karfreitags-Verbote

»Ihnen wird eine Sonderrolle zugestanden«

Atheisten kritisieren vor Ostern Bevorzugung der Kirchen. Ein Gespräch mit Rainer Ponitka
Interview: Gitta Düperthal
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Was wird angesichts der Einschränkungen wegen Corona und des Kircheneinflusses auf die »stillen Tage« in diesem Jahr aus der jährlichen Aktion »Heidenspaß statt Höllenqual« am Karfreitag?

Wir werden in diesem Jahr kaum Präsenzveranstaltungen mit Tanzen und Filmvorführungen im Kino durchführen können. Was aber weniger an den Einschränkungen liegt, die der Klerus immer wieder am Karfreitag durchzusetzen versucht, als an der Pandemie. Schade. Schließlich hätten wir Grund zum Feiern. Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat Anfang März rechtskräftig festgestellt, dass auch Filme »ohne Feiertagsfreigabe« wie »Das Leben des Brian« von Monty Python gezeigt werden dürfen. Das hat die Stuttgarter Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung im langjährigen Rechtsstreit mit der Stadtverwaltung durchsetzen können. Die Gruppe freut sich: »Wenn mit guten Gründen gilt, dass konfessionell gebundene Menschen in der Ausübung ihrer Religionsfreiheit nicht gestört werden dürfen, muss im Umkehrschluss gelten, dass konfessionsfreie Menschen in der Ausübung ihrer ›Freiheit von Religion‹ ebensowenig gestört werden dürfen.« Folglich kann zwar niemand Christinnen und Christen verpflichten, am Karfreitag zu tanzen. Ebensowenig aber ist Humanistinnen und Humanisten abzuverlangen, an christlichen Feiertagen »traurig« zu sein. Derartige Verbote müssen künftig unterbleiben.

Warum ist es bei den Atheistenverbänden üblich, den Film »Das Leben des Brian« zu zeigen?

Diesen und ähnliche Filme haben wir hauptsächlich gezeigt, weil sie auf dem Karfreitagsindex der Kirchen stehen. Es ging darum, ein Verbot oder ein Bußgeld zu erhalten, um danach gegen diese Feiertagsgesetzgebung juristisch vorgehen zu können. Deshalb hatten wir in Köln sogar einen Kostümwettbewerb ausgeschrieben, am Karfreitag mit Lendenschurz, Dornenkrone und Lattengerüst zu erscheinen. Wir hatten Zombiefilme gezeigt, um darauf aufmerksam zu machen, dass an Ostern zur Wiederauferstehung die Leichen aus dem Grab kommen. Hier hatte sich niemand daran gestört. In Bochum hat es geklappt. Dort dürfte der Verein »Religionsfrei im Revier« nun gesetzlich genehmigt den Film zeigen und tanzen – wenn nicht Corona wäre.

Die Kirchen aber wollen trotzdem ihre Ostergebete in Präsenzgottesdiensten abhalten.

Bei ihrer letzten Konferenz hatten die Minister des Bundes und der Länder die Kirchen »gebeten«, auf Präsenzgottesdienste zu verzichten – und es später wieder zurückgenommen. Die Kirchen hatten sich aufgeregt und ihre Hygienekonzepte angepriesen. Aus unserer Sicht wird den Kirchen so eine völlig absurde Sonderrolle zugestanden. Weder Kulturschaffende noch die Gastronomen oder die Friseure wurden jemals »gebeten«, wegen der Pandemie zu schließen: Es wurde verordnet, obgleich sie gute Hygienekonzepte hatten.

Ist das mit der im Grundgesetz verankerten Religionsfreiheit zu erklären?

Nein. Religionsfreiheit muss gewährt werden, man darf sich aber auch entscheiden, keinem Glauben anzugehören. Dieses Grundrecht ist gegen die Kirchen erkämpft worden. Daraus sind keine Sonderrechte abzuleiten. In meinen Augen ist es sowieso nur eine x-beliebige Art der Freizeitgestaltung. Und warum Präsenzgottesdienste? Beten geht auch online. Grundrechte müssen gegeneinander abgewogen werden. Der Schutz der körperlichen Unversehrtheit muss schwerer wiegen.

In einem Onlinekommentar zu einem Text des Humanistischen Pressedienstes heißt es: »Wenn der allmächtige Gott seinen einzigen Sohn qualvoll krepieren ließ, damit er sich wieder mit dessen ›Schafen‹ versöhnt und daher nicht alle in das ewige Feuer seiner Hölle wirft – also das muss doch gefeiert werden!« Wie werten Sie die »frohe Botschaft« zu Ostern?

Wie soll man es Kindern erklären, dass man in der Kirche davon ausgeht, dass ein Vater seinen Sohn auf die Erde schickt, ihn dort umbringen lässt und damit die Menschheit erretten will? Nur mit dem Sendungsbewusstsein der Kirchen ist all das zu erklären. Dabei hat Religion immer weniger Rückhalt in der Öffentlichkeit, auch aufgrund der Missbrauchsfälle und der intoleranten Haltung der Kirche gegenüber Homosexualität.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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Debatte

  • Beitrag von manfred g. aus b. ( 2. April 2021 um 02:57 Uhr)
    Also, die gesamte Kritik an den Karfreitagstraditionen ist schon sehr flach. Der Karfreitag und die Osterzeit sind auch keine Verordnung zur Traurigkeit, sondern eher zur Hoffnung und Befreiung von seelischen Lasten, die man im christlich-traditionellen Kontext Sünden nennt. In dieser betriebsamen, sinnentleerten Welt ist ein Innehalten zu Reflexion und tieferem Nachdenken bestimmt wertvoller als Tanzen und Lustigsein. Schaut man sich unsere brennende Welt an, dann besteht dafür wirklich kein Grund und könnte durchaus auch als Zynismus gegenüber nach-denkender Innerlichkeit der Osterzeit verstanden werden. Man muss kein Christ sein, um Karfreitag und der Osterzeit in Stille achtungsvoll zu begegnen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • H. Rabe, Neuhaus: Schlechter Scherz Als Atheist und Marxist wurde ich beim Lesen dieses Artikels sehr nachdenklich. Ist das ein Aprilscherz? Wenn nicht: Wieso wollen hier Humanisten »die Kirche« provozieren und beleidigen damit gläubige...
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