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Aus: Ausgabe vom 01.04.2021, Seite 5 / Inland
Serie »Unsere Armut – ihre Profite«

Rider im Gegenwind

Serie. Unsere Armut – ihre Profite. Teil 5: Lieferdienste drängeln durch die Innenstädte
Von Elmar Wigand
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Großer Zeitdruck, eigenes Equipment, miese Bezahlung: Arbeitsalltag für die Rider (Berlin, 20.3.2020)

In der größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg schützt die Bundesregierung Konzerne. Für Lohnabhängige hat sie kaum etwas übrig. In der sechsteiligen jW-Serie werden schlaglichtartig die größten Profiteure der Coronapandemie beleuchtet. (jW)

Durch den Shutdown hat Lieferando einen enormen Boom erfahren. Der niederländische Mutterkonzern des Essenslieferanten, Just Eat Takeway, konnte seinen Umsatz 2020 um mehr als die Hälfte auf rund 2,4 Milliarden Euro steigern. Dieser Boom basiert auf einer notgedrungenden Änderung der Konsumgewohnheiten. Pro Stunde fahren in Köln etwa 300 Lieferando-Biker rund 1.000 Bestellungen aus. Hinzu kommen Restaurants, die selbst ausliefern, aber die Lieferando-Plattform für Werbung, Bestellung, Bezahlung nutzen. Die Fahrer profitieren nicht vom Coronaboom. Sie hangeln sich am Mindestlohn entlang. Und auch die Restaurants sind unzufrieden, weil sie bis zu 30 Prozent pro Bestellung abdrücken sollen.

Dabei konterkarieren die Radkuriere in der Praxis die Grundidee des Shutdowns: An den Hubs (Fahrerdrehkreuzen) geht es oftmals zu wie an einem Bienenstock. Abstandsregeln, Desinfektionsmittel und FFP-2-Masken? Nicht zu beobachten. Behördliche Kontrollen und Abschreckung scheint es hier nicht zu geben. Und die mehrheitlich jungen Fahrer, die zu Covid-19 offenbar ein nihilistisches bis fatalistisches Verhältnis haben, liefern Pizzen an Rentner, die in Quarantäne sind.

2,4 Milliarden Euro Umsatz klingen viel, sind aber für einen europäisch agierenden Konzern, der 2018 fast eine Milliarde Euro für den Konkurrenten Foodora hinblätterte und 2019 für 5,5 Milliarden Euro den britischen Lieferdienst Just Eat erwarb, nicht so besonders. Gesteigerter Umsatz ist nicht mit Gewinn zu verwechseln, erst recht nicht in Niedriglohnsparten wie Kurierdienst und Gastro, die mit engen Margen handeln.

Die Lieferbranche steckt nach wie vor in den Kinderschuhen und dürfte weniger wegen ihrer derzeitigen Gewinnerwartung für Kapitalgeber interessant sein als durch ihr Potential, Informationen und Daten zu sammeln. Hinter der orangefarbenen Lieferando-Verkleidung stecken am Ende Clouddienste, Rechenkapazitäten und Programme der Marktmonster Amazon Web Services oder Google Cloud Computing. Über das Essen, die Essgewohnheiten plus Bezahlung, deren Muster und Wandel, lässt sich viel Intimes über Individuen, Zielgruppen und Stadtteile herausfinden. So kann über diese Parameter der Markt nicht nur erforscht und vorhersehbar gemacht werden, sondern man kann ihn auch manipulieren und steuern.

Damit die Plattformökonomie profitabel funktionieren kann, muss dieser Markt allerdings »bereinigt« sein. Den angestrebten Monopolstatus erreichte Lieferando in Deutschland durch die Übernahme von Foodora und den Rückzug von Deliveroo. Jetzt ist dieser durch den Markteintritt von Wolt gefährdet. Momentan fährt Wolt in acht Städten, Lieferando in 38. Das finnische Unternehmen sammelte im Januar 2021 frisches Geld ein; 440 Millionen Euro kamen von Iconiq Capital, der Investmentfirma von Facebook-Boss Mark Zuckerberg, an der auch Twitter-Chef Jack Dorsay, IKEA und Coca-Cola beteiligt sind. Just Eat Takeaway muss sich warm anziehen. Auch Amazon steigt ein. Im August 2020 genehmigte die britische Kartellbehörde eine 16-Prozent-Beteiligung bei Deliveroo.

Beruflich tot geglaubte wie Felix Chrobog kommen indes zurück. Der Diplomatensohn hatte Deliveroo als Deutschlandchef systematisch vor die Wand gefahren – unter tätiger Mithilfe der Advokaten. Aufgrund von Betriebsratsbekämpfung, Union Busting und Umwandlung aller Arbeitsverhältnisse in Scheinselbständigkeit flüchteten die Fahrer zur Konkurrenz. 2019 verließ Deliveroo Deutschland, nachdem die Gewerkschaften NGG und FAU mit der »Aktion Arbeitsunrecht« am Freitag, den 13. April 2018 bundesweite Proteste und nachhaltiges Markenbashing organisiert hatten (jW berichtete). Jetzt leitet Chrobog als Chief Operating Officer einen »neuen Stern« am Startupfirmament. Der Lebensmittellieferdienst Gorillas will Supermärkten Konkurrenz machen und verspricht, die Ware in zehn Minuten zu bringen. Schon bei Deliveroo war das Chrobogs fixe Idee. Investoren lieben Männer mit »Visionen« – auch wenn es sich um leere Versprechen handelt. Die Gorillas sind zum schnellsten »Einhorn« Deutschlands geworden. So heißen im Börsenjargon Startups, deren Bewertung über die Milliardengrenze schießt. Noch nie zuvor hatte ein Startup den Sprung innerhalb eines Jahres geschafft. Doch der Zauber ist bereits verflogen. Ein Berliner Fahrer organisierte am 24. März über Twitter einen spontanen Protest vor der Firmenzentrale. Er war gefeuert worden, offenbar weil er unter Kollegen die Gründung eines Betriebsrats vorschlug. So fängt Organisierung an. Wie eine Firma enden kann, die das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit negiert, weiß Chrobog ja bereits.

Lesen Sie am Sonnabend Teil 6 (Schluss): Private Klinikkonzerne verteilen um. Fette Dividenden – magere Löhne

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Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

In der Serie Unsere Armut – ihre Profite:

Coronapandemie führt zur größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Beschäftigte in Deutschland müssen Lohneinbußen hinnehmen oder wurden arbeitslos. Gleichzeitig hat der Dax an der Frankfurter Börse ein neues Allzeithoch erreicht.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Rainer Knirsch, Berlin: Gehaltvolle Untersuchung Zum ausgezeichnet detailreichen Bericht von Elmar Wigand über den Konzentrations-, Monopolisierungs- und Konkurrenzprozess bei den Lieferdiensten möchte ich auf ein wichtiges Büchlein zum Thema hinwei...