Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Freitag, 16. April 2021, Nr. 88
Die junge Welt wird von 2503 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 01.04.2021, Seite 1 / Titel
WHO-Corona-Bericht

Viren als Kriegstreiber

China handelt, der Westen pöbelt: Schlacht um Deutungshoheit in der Coronapandemie hat längst UNO und WHO erreicht
Von Sebastian Carlens
1.jpg
Uneigennützig gegen die Pandemie: Lieferung von 600.000 Covid-19-Impfdosen aus China an Kambodscha, 7. Februar 2021

Vor mehr als hundert Jahren forderte ein aggressiver Erreger 20 bis 50 Millionen Tote. Das Influenzavirus A/H1N1 hatte – direkt nach dem Ersten Weltkrieg – leichtes Spiel. Die Seuche hat als »Spanische Grippe« traurige Berühmtheit erlangt und wird, trotz aller Unterschiede zum Geschehen der Jahre 2020/21, gern als Parallele für die aktuelle Coronapandemie bemüht.

Auch wenn Spanische Grippe und Covid-19 medizinisch schwer vergleichbar sind, eine Gemeinsamkeit gibt es: Weder für das Coronavirus noch für A/H1N1 ist die Herkunft eindeutig geklärt. Die Grippe hatte mit Spanien nichts zu tun, sie firmierte auch unter dem Namen »Flandrisches Fieber« – je nachdem, wo sie in Europa erstmals bemerkt wurde. Alle Indizien sprechen dafür, dass der Erreger in den USA entstand und mit Soldaten über den Atlantik in die alte Welt gelangte. Doch bereits 1918/19 tobte eine Propagandaschlacht um die Frage, wo die Krankheit ihren Ursprung nahm. Die Ententemächte behaupteten, deutsche U-Boote hätten die Seuche in Gang gesetzt, selbst das (deutsche) Medikament Aspirin stand im Verdacht. Deutschland hingegen brachte Frankreich als Urheber ins Gespräch, auch China diente damals schon als Sündenbock. Nur auf die Idee, A/H1N1 als »Uncle-Joe-Virus« zu bezeichnen, ist bislang niemand gekommen.

Am Montag stellte die WHO einen Bericht vor, in dem verschiedene Thesen zur Herkunft des neuartigen Coronavirus geprüft werden. Die Experten stufen es als »wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich« ein, dass der Erreger von der Fledermaus über einen Zwischenwirt auf den Menschen überging. Eine direkte Übertragung bezeichnen die Autoren als »möglich bis wahrscheinlich«, eine über tiefgekühltes Fleisch sei »möglich«. Der Theorie, das Virus könne aus einem Labor entwichen sein, erteilten die Forscher eine Absage: »Extrem unwahrscheinlich«.

Doch was helfen Fakten, wenn der politische Wille ein anderer ist? Die Deutsche Welle, Propagandasender der BRD, kommt nicht umhin, das Ergebnis als »ganz im Sinne der chinesischen Regierung« zu denunzieren: »Große Zweifel an WHO-Corona-Bericht«. Und auch die WHO als UN-Organisation, auf die verschiedene Länder Einfluss nehmen, ist nicht vor mächtigen Influencern gefeit. Am Dienstag hatte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus bemängelt, dass China nicht alle Rohdaten offengelegt habe. Dagegen verwahrte sich der Leiter der an der Mission beteiligten chinesischen Delegation, Liang Wannian, am Mittwoch. Die WHO selbst hatte die Volksrepublik noch im Januar für ihre Informationspolitik gelobt (»Dankbarkeit und Respekt«) und dafür Angriffe des damaligen US-Präsidenten Donald Trump kassiert. Dieser hatte alles daran gesetzt, China für die Pandemie verantwortlich zu machen und die Kampfbegriffe »China-Virus« und »Kung-Flu« kreiert. Das Resultat: eine Zuspitzung rassistischer, antiasiatischer Gewalt in den USA.

Vielleicht wird nie endgültig zu klären sein, woher das Virus stammt. Doch die Schlacht um die Deutungshoheit über die Pandemie ist längst in vollem Gange. Bei allen Unwägbarkeiten gibt es wenigstens zwei Dinge, die sicher sind: Hätte der Rest der Welt entschlossen wie China auf die Herausforderung reagiert, wäre die Pandemie vermutlich längst beendet; erst der Chauvinismus und das Unvermögen des Westens, mehr in Gesundheitssysteme zu investieren, haben die Welt an einen Abgrund geführt. Und: Wer eine medizinische Katastrophe ausnutzt, um rassistischen Hass zu schüren – der will Krieg.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (31. März 2021 um 22:33 Uhr)
    Sebastian Carlens, Sie bringen es auf den Punkt!

Ähnliche:

  • Liang Wannian (l.), Peter Ben Embarek (M.) und Marion Koopmans (...
    10.02.2021

    Neues aus Wuhan

    »Besseres Verständnis« von Coronaausbruch: Experten aus China und von der WHO veröffentlichen Ergebnisse zu Ermittlungen
  • Chinas Staatschef Xi Jinping spricht am Dienstag während der Vid...
    24.09.2020

    »Die Uhr tickt«

    UN-Generaldebatte in New York: Trump hetzt, Xi will Zusammenarbeit, Díaz-Canel stellt Systemfrage
  • Immer wieder umkämpft: Die Jahrestagung der WHO in Genf (22.5.20...
    19.05.2020

    WHO-Konferenz gestartet

    Kritik von UNO an »uneinheitlicher Reaktion« auf Pandemie. China spendet weitere zwei Milliarden US-Dollar – USA schweigen

Regio: