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Aus: Ausgabe vom 27.03.2021, Seite 8 / Ausland
US-Blockade

»Die US-Blockade soll uns kaputtmachen«

Die verschärfte Blockade verschlechtert die Lage der Kubanerinnen und Kubaner. Ein Gespräch mit Hans-Peter Weymar
Interview: Volker Hermsdorf
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Desinfektion von Koffern vor einem Hotel in Varadero (23.10.2020)

Sie sind nach Kuba gereist, als dort die Zahl der Covid-19-Infektionen wieder stieg. Wie sind die Einreise und der bisherige Aufenthalt verlaufen?

Als ich am 13. März eingereist bin, war die Sieben-Tage-Inzidenz gerade wieder unter die 50er Marke gesunken. Davor waren die Infektionszahlen für kubanische Verhältnisse allerdings rasant gestiegen. Während der PCR-Test in Deutschland total chaotisch ablief und ich Glück hatte, überhaupt fliegen zu können, waren die Zoll- und PCR-Formalitäten in Varadero unkompliziert. Vom Flughafen wurden wir zu einem Quarantänehotel gefahren, wo wir vier Tage im Zimmer bleiben mussten. Nach einem zweiten PCR-Test durften wir uns einen Tag später dann »frei« bewegen. Ich bin problemlos mit einem Taxi nach Havanna gefahren und halte mich seitdem bei Freunden in Vedado auf. Für kubanische Bürger ist die Einfahrt nach Havanna derzeit ohne Sondergenehmigung aber nicht möglich, da die Infektionszahlen dort relativ hoch sind.

Was ist der Anlass für Ihre Reise?

Zwei der Mitinitiatorinnen unserer Petition zur Beendigung der US-Blockade sind beruflich in Havanna tätig. Ich wollte mich mit ihnen austauschen, neue Ideen entwickeln und die weitere Vorgehensweise besprechen. Und natürlich wollte ich auch unbedingt kubanische Freundinnen und Freunde besuchen und von ihnen Informationen über die Situation im Land, die aktuelle Versorgungslage und die allgemeine Stimmung erhalten. Ganz wichtig ist für mich auch, meine kubanischen Filmkollegen zu treffen, mit denen ich zusammengearbeitet habe und mit denen ich an alten und neuen Ideen weiterspinnen will. Grundsätzlich plagt mich seit meiner Rückkehr nach Deutschland im vergangenen Sommer außerdem, nachdem ich fast sieben Jahren in Kuba gelebt hatte, auch ein nur schwer zu ertragendes »Heimweh« nach »meiner« sozialistischen Insel, das ich hier ein wenig lindern kann.

Welche Wirkung hat Ihre Petition?

Wir waren im Sommer überwältigt, dass wir neben 60 illustren Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichnern in kurzer Zeit über 60.000 Unterschriften bekommen hatten; jetzt sind es schon mehr als 66.000. Fast alle großen deutschen und auch kubanischen Tageszeitungen berichteten über unsere Petition, die auch bei einer Anfrage in der Bundespressekonferenz thematisiert wurde. Ende November haben wir in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Elektronensynchrotron, Desy, in Hamburg eine gut besuchte Onlinekonferenz unter dem Titel »Scientific Exchange with Cuba: Freedom of Science – International Exchange under Conditions of the Blockade and Pandemic« organisiert, deren Diskussionspanel aus mehreren kubanischen und deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bestand.

Wie geht es weiter?

Zur Zeit formulieren wir gerade eine Aktualisierung, um unsere 66.000 Mitunterzeichnerinnen und -unterzeichner darüber zu informieren, dass zwei Monate nach Amtsantritt von Präsident Joseph Biden noch keine einzige von Trumps Sanktionen zurückgenommen worden ist. Wir bitten die Unterstützer der Petition, ihren EU-Abgeordneten zu schreiben, dass sie sich für eine konsequentere Umsetzung der EU-Forderung zur Beendigung der Blockade einsetzen sollen. Außerdem werden wir uns im Juni – vor der Abstimmung zur US-Blockade bei den Vereinten Nationen – deutlich zu Wort melden und Aktionen unterstützen.

Wie ist die derzeitige Versorgungssituation?

Die Lage hat sich weiter verschlechtert. In Havanna gibt es überall lange Schlangen vor Geschäften. »Du stehst Stunden für Waschmittel an, dann musst du zum nächsten Laden, wo es Fleisch geben soll, wartest Stunden und bist noch nicht einmal sicher, ob du überhaupt etwas kriegst«, klagte eine Freundin in Havannas Altstadt. Eine Filmemacherkollegin aus Centro-Havanna, von der ich früher durchaus sehr Kritisches über Staat und Verwaltung gehört habe, sieht jetzt aber auch Positives in der Situation: »Während früher nicht so klar war, was die Ursachen für unsere Krise sind, hat es jetzt jeder begriffen: Die US-Blockade soll uns völlig kaputtmachen – und das führt zu einer noch größeren Solidarität, wo alle sich gegenseitig helfen. Klar, wir jammern auch heftig! Aber das Gemeinschaftsgefühl ist noch stärker geworden als es ohnehin schon war.«

Wie erleben Sie die Stimmung?

»Eine Hoffnung, die uns am Leben hält, sind die Impfstoffe, die in unserem Land entwickelt werden«, höre ich vereinzelt. Es ist für mich ein kleines (oder großes) Wunder, dass in einem Land, in dem es fast an allem mangelt, Wissenschaft und Medizin mehrere eigene Covid-19-Impfstoffe entwickelt haben. Und es heißt, dass vom kommenden Monat an nicht nur die kubanische Bevölkerung geimpft werden kann, sondern auch dringend benötigte Einnahmen durch Verkäufe der Impfstoffe ins Ausland erzielt werden können.

Hans-Peter Weymar ist Filmemacher und initiierte mit anderen Kulturschaffenden und Wissenschaftlern einen Aufruf an die Bundesregierung, sich aktiv für die Aufhebung der US-Blockade einzusetzen

www.change.org/Cuba

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