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Aus: Ausgabe vom 27.03.2021, Seite 8 / Ansichten

Giftopfer des Tages: Weißkopfseeadler

Von Michael Merz
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Auch das Wappentier der USA leidet unter der rücksichtslosen Umweltzerstörung ...

Benjamin Franklin muss seinen Zeitgenossen im 18. Jahrhundert als äußerst pragmatischer Mensch erschienen sein. Er erfand den Blitzableiter und einen effizienten Holzofen, gründete freiwillige Feuerwehren. Lauter nützliche Dinge, die die USA in ihren ersten Jahren gut brauchen konnten. Und Franklin plädierte dafür, den Truthahn zum Wappentier des gerade gegründeten Landes zu machen. Das dicke Federvieh galt den ersten Kolonialisten als Symbol des Überlebens. Freundlich gesinnte Ureinwohner hatten ihnen den gebratenen Vogel als Festmahl dargereicht. Ohne die Hilfe der Indigenen wäre den Eroberern wohl kein langes Dasein beschieden gewesen. Doch der Respekt vor dem Truthahn war bald dahin: Er landet nun jedes Jahr zu Thanksgiving auf der Schlachteplatte.

So bringt seither der Weißkopfseeadler im Wappen US-amerikanische Macht und Stärke zum Ausdruck. Repräsentativ ist der monströse Gleiter durchaus und schaut dazu noch ziemlich grimmig drein. Franklin gefiel das gar nicht, er geißelte den »schlechten Charakter« des Tieres, weil es zu dessen Gepflogenheiten gehört, kleineren Vögeln das Futter zu rauben. Eine Unsitte, die auch die USA inoffiziell zur Staatsräson erkoren haben. Erstaunliche Parallelen verknüpfen das Schicksal des Vogels unmittelbar mit dem des Imperiums. Beide sind im Niedergang begriffen. Der Weißkopfseeadler leidet seit den 1990er Jahren unter einer Erkrankung der Nerven. Die Tiere verlieren die Kontrolle über ihre Körper und sterben. Warum, war lange unklar. Nun haben Forscher der Universität Halle-Wittenberg das sogenannte Adlermördergift identifiziert: In einigen Seen im Südosten der USA wird ein bromhaltiges Herbizid eingesetzt, das dem stolzen Adler den Garaus macht. Der Kapitalismus frisst seine Symbole.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (27. März 2021 um 11:54 Uhr)
    Die Herbizide stammen bestimmt aus China.
    • Beitrag von gero b. aus B. (28. März 2021 um 18:55 Uhr)
      Nicht direkt. Eher aus Rauchgaswaschung von Kraftwerken. So kann Seegras bromidhaltige Blaualgen ansiedeln, und das weitere macht die Nahrungskette. Soweit ich weiß.

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