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Aus: Ausgabe vom 27.03.2021, Seite 5 / Inland
Serie »Unsere Armut – Ihre Profite«

Kapital liebt die Krise

Unsere Armut – ihre Profite. Teil 1: Staat rettet Aktionäre. Vermögen legen während Pandemie kräftig zu. Regierung schnürt Hilfspakete für die Börse
Von Michael Hartmann
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Filialen an jeder Ecke: Arme lassen das Vermögen der Albrecht-Erben weiter anwachsen

In der größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg schützt die Bundesregierung Konzerne. Für Lohnabhängige hat sie wenig übrig. In der sechsteiligen jW-Serie werden schlaglichtartig die größten Profiteure der Coronapandemie beleuchtet. (jW)

Die Coronapandemie kennt nicht nur viele Verlierer, sie kennt auch Gewinner. Dazu gehören vor allem die Reichen und noch mehr die Superreichen. Das gilt weltweit, aber ganz besonders auch für Deutschland. So hatten die 500 reichsten Milliardäre der Welt nach Schätzungen der Schweizer Großbank UBS ihr Vermögen zwischen Ende 2019 und Oktober 2020, also während der ersten Monate der Pandemie, bereits um 15 Prozent steigern können. Die 100 reichsten Deutschen waren diesbezüglich mit einem Zuwachs um 20 Prozent noch erfolgreicher.

Seither ist es für sie, wie die Aktienindizes zeigen, weiter bestens gelaufen. Wie die laufend aktualisierte Milliardärsliste von Forbes zeigt, haben allein die zehn reichsten Deutschen ihren Reichtum in den zwölf Monaten zwischen April 2020 bis Ende März dieses Jahres um mehr als die Hälfte auf rund 240 Milliarden Dollar vermehren können. Selbst im Vergleich mit der Zeit vor Corona im April 2019 gab es immer noch einen Anstieg um über ein Drittel.

Dazugewonnen hat jeder von ihnen. Ihnen gehören – ganz oder zu großen Teilen – Konzerne aus den unterschiedlichsten Bereichen. Das reicht von der Autoindustrie (die Quandt-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt) über den Groß- und Einzelhandel (die Discountkönige Dieter Schwarz und die Albrecht-Erben sowie der Schraubenkönig Reinhold Würth) und die Pharmabranche (die Brüder Strüngmann) bis hin zur Logistik (Klaus-Michael Kühne), zur Immobilienentwicklung (Alexander Otto) und zu den Automobilzulieferern (Georg Schaeffler).

Profitiert haben seit 2019 vor allem die Milliardäre, deren Firmen dank der Pandemie ihr Geschäft ausweiten und ihre Gewinne steigern konnten. Das gilt in besonderem Maße für den Lidl-Eigentümer Dieter Schwarz und Klaus-Michael Kühne mit seinem Logistikkonzern, die ihr Vermögen in nur zwei Jahren fast verdoppeln konnten. Die beiden Strüngmann-Brüder, die sich Platz zehn teilen, haben es als Großaktionäre des Impfstoffherstellers Biontech sogar mehr als verdoppeln können – von knapp neun auf über 23 Milliarden Dollar.

Zugelegt haben aber auch jene, deren Unternehmen unter der Pandemie zu leiden hatten und noch haben. So mussten Georg Schaeffler und Alexander Otto als Hauptaktionäre oder Eigentümer der Autozulieferer Schaeffler und Continental bzw. des Immobiliendienstleisters ECE mit seinen zahlreichen Einkaufscentern zunächst hohe Vermögensverluste – um jeweils mehr als 50 Prozent – verbuchen. Sie haben diese mittlerweile aber nicht nur wieder wettmachen können, sondern ihr Vermögen ist gegenüber April 2019 sogar um jeweils mehr als zehn Prozent gewachsen.

Für den Vermögenszuwachs der Superreichen wie auch der Reichen in ihrer Gesamtheit spielen die staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie eine zentrale Rolle. Am offensichtlichsten ist das bei den direkten Staatshilfen für Großunternehmen. So hätte der Einstieg von Heinz Hermann Thiele, bis zu seinem Tod Ende Februar einer der zehn reichsten Deutschen, bei der Lufthansa für ihn leicht zu einem finanziellen Desaster führen können, wäre die Bundesregierung dem Unternehmen nicht mit neun Milliarden Euro zu Hilfe gekommen. Mit dieser Riesensumme ist auch das Geld des Großaktionärs Thiele gerettet worden.

Weniger offensichtlich, aber alles in allem weit bedeutsamer sind die billionenschweren Hilfspakete der Regierungen in Europa und den USA sowie seitens der EU und die umfangreichen Stützungsmaßnahmen der Zentralbanken, gerade auch in Form extrem niedriger Zinsen. Sie befeuern die Aktienmärkte gleich doppelt, durch die damit geweckten Konjunkturhoffnungen und durch mangelnde Alternativen bei festverzinslichen Papieren. Die Hausse am Immobilienmarkt wirkt in dieselbe Richtung. Da die Reichen und Superreichen auch in der Krise über hinreichend freie Finanzreserven verfügen, können sie damit günstige Gelegenheiten nutzen und ihr Vermögen so weiter ausbauen. Wer etwa im letzten Frühjahr Aktien von Daimler zu Kursen von 22 bis 25 Euro gekauft hatte, konnte damit binnen eines Jahres einen Gewinn von ungefähr 200 Prozent erzielen.

Im Grunde läuft alles wieder so wie nach der Finanzkrise 2008. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen machen die Reichen noch reicher. Es ist zu befürchten, dass es auch in einem zweiten Punkt wieder so läuft wie damals. Die Kosten der staatlichen Hilfsprogramme werden nicht von den Reichen, sondern von der großen Masse der Bevölkerung getragen.

Michael Hartmann war bis 2014 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Elitenforschung

Lesen Sie am Montag Teil 2: ­Siemens. Börsenerfolge auf Kosten der Belegschaften

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In der Serie Unsere Armut – ihre Profite:

Coronapandemie führt zur größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Beschäftigte in Deutschland müssen Lohneinbußen hinnehmen oder wurden arbeitslos. Gleichzeitig hat der Dax an der Frankfurter Börse ein neues Allzeithoch erreicht.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Johannes Wolpers: Nur wenige Gewinnler Michael Hartmann behauptet, dass Kapital würde von der Krise profitieren. Das ist offensichtlich falsch, wenn der Zugriff auf Arbeit und das Geld der Konsumenten eingeschränkt wird, leidet das Kapital...