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Aus: Ausgabe vom 01.03.2021, Seite 7 / Ausland
Atommacht Israel

Geheimnisvolle Baustelle

Israel schweigt zu umfangreichen Arbeiten in der Nähe seines Atomreaktors
Von Knut Mellenthin
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Satellitenaufnahme der Baustelle nahe der israelischen Atomreaktoranlage bei Dimona (veröffentlicht am 22.2.2021)

Auf dem Gelände von Israels Atomreaktor bei Dimona wird seit mindestens zwei Jahren in großem Umfang gebaut. Bemerkt wurde es anscheinend erst jetzt, zuverlässige Informationen gibt es nicht. Und die israelische Regierung schweigt hartnäckig.

Am 18. Februar ließ das International Panel on Fissile Material (IPFM) Satellitenfotos der Baustelle veröffentlichen, angeblich vom 4. Januar. Der 2006 gegründete Arbeitszusammenhang ist in der US-Universität Princeton ansässig. Ihm gehören laut Website »unabhängige Nuklearexperten aus 17 Ländern« an. Zentrum der Bautätigkeiten ist demnach IPMF ein tief aufgegrabenes Gebiet von ungefähr 140 Metern Länge und 50 Metern Breite. Die Baustelle befindet sich wenige hundert Meter von der eigentlichen Reaktoranlage entfernt. Dimona liegt in der Luftlinie 80 Kilometer von Jerusalem entfernt im Norden der Negev-Wüste.

Die Tiefe der Baugrube lässt nach Schätzung von Experten auf eine Planung von zwei oder drei unterirdischen Stockwerken schließen. Das IPFM geht davon aus, dass die Arbeiten Ende 2018 oder Anfang 2019 begonnen wurden. Warum es verhältnismäßig lange dauerte, bis ihre Existenz öffentlich bekannt wurde, ist nicht nachvollziehbar. Zum Zweck des Vorhabens gibt die israelische Regierung keine Auskunft. Das entspricht ihrer Praxis, keine Angaben zur Atomwaffenproduktion zu machen.

Israel hat sich dem zwischen den USA und der Sowjetunion ausgehandelten, 1968 zur Unterzeichnung geöffneten und 1970 in Kraft getretenen Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen (NPT) ebenso wie die Atommächte Indien und Pakistan niemals angeschlossen. Die drei Staaten unterliegen daher keinerlei Kontrollverpflichtungen. Sie haben aber freiwillige »Safeguard Agreements« mit der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), einer in Wien ansässigen Unterorganisation der UNO, für einen geringfügigen und militärisch uninteressanten Teil ihres Umgangs mit spaltbarem Material abgeschlossen. Dort darf die IAEA ein bisschen inspizieren, um dann regelmäßig zu berichten, dass alles friedlich zugeht.

Der Reaktor bei Dimona wurde in enger Zusammenarbeit mit Frankreich ab 1958 gebaut und zwischen 1962 und 1964 in Betrieb genommen. Der Zweck der Anlage, deren Existenz sich nicht ganz verbergen ließ, wurde hinter einem Wust von Ausreden verborgen. Tatsächlich wird dort Plutonium aus abgebrannten Brennstäben gewonnen. Es wird allgemein angenommen, dass Israel ungefähr zur Zeit des Junikrieges 1967 erstmals über einen oder mehrere einsatzfähige Nuklearsprengköpfe verfügte. Schätzungen über deren gegenwärtige Zahl bewegen sich zwischen 90 und 400.

Weil der Reaktor bereits ein außergewöhnliches Alter hat und mindestens 1.500 Risse aufweist, war seine Stillegung zunächst schon um 2003, später um 2023 erwartet worden. Daher könnte es sich bei den geheimnisvollen Bauarbeiten um eine vollständige Erneuerung der Anlage handeln. Anderer Hypothesen ziehen die Möglichkeit in Betracht, dass Israel mehr Platz für seinen Atommüll benötigt oder dass zentrale Teile der Plutoniumproduktion durch ihre Verlagerung tief unter die Erdoberfläche besser geschützt werden sollen. Iran besitzt Raketen, die Israel erreichen könnten.

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