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Inspiration für Generationen

Zum Tod der Schauspielerin Cicely Tyson. Repräsentantin von Würde und schwarzer Geschichte
Von Mumia Abu-Jamal
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Von den kleinen Theaterbühnen in Harlem über Engagements am New Yorker Broadway bis in die glitzernde Lichterwelt des US-amerikanischen Filmgeschäfts – zu allen Zeiten ihrer lebenslangen Karriere erstrahlte die Kunst der Schauspielerin Cicely Tyson. Am 19. Dezember 1924 wurde sie in East Harlem geboren. Ihre Eltern waren von Nevis Island, einer Karibikinsel der Kleinen Antillen, in die Vereinigten Staaten eingewandert. Obwohl ihre sehr religiöse Mutter es nicht zulassen wollte, zog es die junge Cicely schon früh zur Bühne.

Ob es nun Rollen in Dutzenden von Filmen, Fernsehspielen oder ihre Auftritte auf der Bühne des Lebens waren, stets weigerte sie sich, ihr Volk in einem Licht darzustellen, das seine Würde und Geschichte verleugnete. Sicher war das einer der Gründe dafür, dass ihr eine Reihe von Rollen gar nicht erst angeboten wurden. Aber wie bei ihrem Kollegen Ossie Davis und ihrer Kollegin Ruby Dee – beide aktiv in der Bürgerrechtsbewegung und vor ihr verstorben – wird man in Tysons Werk keine beschämende Leistung in dieser Richtung finden.

1972 war sie als beste Hauptdarstellerin für ihre Darstellung in dem Film »Sounder« (deutscher Titel: »Das Jahr ohne Vater«) für den Oscar nominiert worden. An der Seite von Paul Winfield spielte sie die Ehefrau und Mutter einer Sharecropper-Familie in Louisiana, die während der Jahre der Großen Depression Zuckerrohr für ihren weißen Grundherrn anbaut. In diesem Film hatte Cicely Tyson gefunden, wonach sie suchte: eine Hauptrolle mit Würde. Mit Rebecca, der Frau des Farmpächters, der 1933 ins Gefängnis kommt, weil er Essen für seine Kinder geklaut hat, verkörpert sie eine schwarze Frau, die sich dieser Herausforderung stellt und trotz aller Armut und Mühsal ihre Anmut und Schönheit bewahrt. »Die Geschichte in ›Sounder‹ ist ein Teil unserer Geschichte, ein Zeugnis für die Stärke der Menschheit«, sagte Tyson der New York Times, nachdem sie begeisterte Kritiken erhalten hatte. »Unser schwarzes Erbe ist das des Kampfes, des Stolzes und der Würde. Die schwarze Frau wurde noch nie so auf der Leinwand gezeigt.«

Der Oscar ging dann in dem Jahr zwar an Liza Minnelli für ihre Hauptrolle in dem Hollywoodstreifen »Cabaret«, doch die Zeiten änderten sich, und Tyson wurde 2018 von der Filmakademie mit einem Ehrenoscar für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Zwei Jahre nach dem Erfolg von »Sounder« begeisterte sie das Publikum der CBS-Miniserie »The Autobiography of Miss Jane Pittman« (deutscher Titel: »Die Geschichte der Jane Pittman«), in der die Fünfzigjährige eine Frau von über 100 Jahren spielte. Die Serie handelt von der erschütternden Erfahrung einer schwarzen Frau in den Südstaaten. Die frühere Sklavin blickt in den 1960er Jahren inmitten der aufkeimenden schwarzen Bürgerrechtsbewegung auf ihr Leben zurück. In ihrer einzigen Geste des Protests nippt sie am Wasser eines Trinkbrunnens, das bei Strafe nur Weißen vorbehalten ist.

Cicely Tyson wurde 96 Jahre alt, verstarb am 28. Januar, und bis ans Ende ihrer Tage strahlte sie Vitalität und Schönheit aus. Fast ein Jahrzehnt lang war Tyson mit dem genialen Jazzmusiker Miles Davis verheiratet. In ihren späteren Jahren trat sie in vielen Filmen des Regisseurs Tyler Perry auf, in denen sie Charaktere älterer weiser Frauen spielte. Cicely Tyson inspirierte Generationen von Schauspielerinnen und Schauspielern und lehrte durch ihr Lebenswerk, was es heißt, Respekt einzufordern.

Übersetzung: Jürgen Heiser

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