Gegründet 1947 Montag, 12. April 2021, Nr. 84
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.03.2021, Seite 2 / Inland
Zukunft des Neuen Deutschland

»Bis Jahresende ist Umbruch schwer zu schaffen«

GmbH hinter Tageszeitung ND soll aufgelöst werden. Beschäftigte kämpfen um Erhalt. Ziel: Genossenschaft. Ein Gespräch mit Ines Wallrodt
Interview: Markus Bernhardt
imago0088453181h.jpg
Mit Tradition, auch in Zukunft: Stand der Tageszeitung Neues Deutschland an der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde (13.1.2019)

Am vergangenen Montag hat die ND-Geschäftsführung die Belegschaft informiert, dass die Gesellschafter die GmbH zum Jahresende auflösen wollen und empfehlen, sie durch eine Genossenschaft zu ersetzen. Was bedeutet das für die Zukunft Ihrer traditionsreichen Zeitung?

Es gibt noch viele Unklarheiten, was das konkret bedeutet. Aber klar ist, dass die Belegschaft alles daransetzt, das ND als überregionale, linke, pluralistische Zeitung zu erhalten, für die die soziale Frage, Frieden und Antifaschismus im Mittelpunkt steht und in der verschiedene Strömungen der gesellschaftlichen Linken miteinander ins Gespräch kommen.

Sind die Beschäftigten sachgerecht über die Pläne der Gesellschafter informiert worden?

Für die Belegschaft kam die Mitteilung ohne Vorwarnung. Der Beschluss der Gesellschafter liegt uns noch nicht vor. Die Belegschaft fordert Transparenz und Beteiligung. Wir wollen Klarheit darüber, welche Entscheidungen getroffen wurden und welche Spielräume bestehen.

Welche Vorteile böte die Gründung einer Genossenschaft?

Aus der Belegschaft gab es in den vergangenen Jahren immer wieder den Wunsch, die Strukturen des ND zu verändern. Auch die Idee einer Genossenschaft wurde diskutiert. Viele Redakteurinnen und Redakteure sehen eine Umwandlung als eine Chance, die redaktionelle Unabhängigkeit der Zeitung zu stärken. Genossenschaften für Zeitungen können funktionieren. Das sieht man bei der Taz und ja auch bei der jW. Aber dafür brauchen wir Zeit und Geld. Bis Ende des Jahres ist so ein Umbruch schwerlich zu schaffen.

Die Linke ist über die Föderative Verlags-, Consulting- und Handelsgesellschaft mbH, Fevac, mit 50 Prozent an der Zeitung beteiligt. Was erwarten Sie jetzt von der Parteiführung?

Die Belegschaft wehrt sich entschieden gegen Versuche der Gesellschafter, sich kurzfristig aus der Verantwortung für den Erhalt des ND zu stehlen. Es ist eine wichtige Stimme in der Medienlandschaft der Bundesrepublik. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Die Linke am Überleben dieser Stimme kein Interesse hat. Wir brauchen echte Startchancen für einen Neuanfang. Im vergangenen Juli ist eine neue kollektive Redaktionsleitung angetreten. Im ND wird derzeit an vielen Stellen experimentiert, was uns gerade in diesen Zeiten extrem viel abverlangt. Der zeitliche Druck und die Verunsicherung in der Belegschaft gefährden nun diesen Aufbruch in die Zukunft des ND.

Das ND baut das eigene Onlineangebot aus. Wie stellen Sie sich das zukünftige Verhältnis von Print- und Onlineangebot vor? Welche strategische Ausrichtung verfolgen Sie diesbezüglich?

Die Änderung des Leseverhaltens stellt uns vor eine riesige Herausforderung. Wir antworten darauf mit der Verschmelzung von Online- und Printredaktion, dem Ausbau von Social Media und Podcasts. An den Zahlen unserer täglichen Newsletter für Bundes- und Berliner Politik, die unsere wichtigsten Recherchen bekannt machen, sehen wir, dass unsere Inhalte auch bei Leserinnen und Lesern auf Interesse stoßen, die kein Papier mehr brauchen. Ob Print oder Online ist letztlich egal: Entscheidend ist, dass linker kritischer Journalismus nicht für umsonst bereitgestellt werden kann.

Am Sonnabend haben Kolleginnen und Kollegen vor dem Linke-Bundesparteitag für den Erhalt des ND demonstriert. Gab es Reaktionen der führenden Genossinnen und Genossen?

Der Linke-Schatzmeister Harald Wolf hat erklärt, wenn sich die Eigentümerstruktur der Zeitung verändert, bedeute das nicht die Auflösung des ND. Die Linke sehe sich da in der Verantwortung. Das klingt schon mal gut. Offenbar haben sich aber die Gremien der Partei wie auch die neuen Vorsitzenden mit der Frage noch nicht befasst. Ich baue fest darauf, dass Die Linke weiß, dass das ND als sozialistische Zeitung nicht abgewickelt werden darf, sondern dass es darum geht, gemeinsam die ökonomische Basis dieser Zeitung zukunftsfest zu machen. Wir erleben gerade aber auch viel Unterstützung: Von Journalistenkolleginnen und -kollegen, von Leserinnen und Lesern, die schon fragen, wo sie Genossenschaftsanteile zeichnen können. Nur ein FAZ-Journalist frohlockte, »dass das ND endlich das Zeitliche segnet«. Den Gefallen werden wir ihm nicht tun.

Ines Wallrodt ist seit Juli 2020 Mitglied der kollektiven Redaktionsleitung der Tageszeitung Neues Deutschland. Seit 2008 ist sie Redakteurin, unter anderem für soziale Bewegungen und Gewerkschaften

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Rainer B. aus E. (28. Februar 2021 um 22:53 Uhr)
    … Mmh … Hab’ noch ’n paar Euro auf hoher Kante für ’ne Genossenschaft … Das wird …
  • Beitrag von Tobias B. aus . ( 1. März 2021 um 10:22 Uhr)
    Mich wundert nicht, dass das ND so darbt. Ich würde das ND gerne ab und an kaufen und lesen, quasi als Ergänzug zu der jW, aber – zumindest in Bayern: Ich bekomme an meinem sehr gut sortierten Bahnhofskiosk keine aktuelle Ausgabe vom ND, selbst um zehn Uhr liegt da nur die Vortagesausgabe herum und das ND Wochenende sucht man am Wochenende vergeblich …

    Meine Anrufe beim ND, um auf diesen Missstand hinzuweisen, wurden i. d. R. sehr gelangweilt zur Kenntnis genommen. Mein Hinweis, dass die sehr kleine jW das sehr gut hinbekommt, wurde auch nicht gut aufgenommen. Schade, aber mir schwant, dass dem ND nicht zu helfen ist, wenn sie kein Interesse hat, in einem der größten Bundesländer überhaupt tagesaktuell vertreten zu sein (und ja, hier leben auch ein paar Linke …).

    Vielleicht sollte der ND-Vertrieb mal Nachhilfe beim jW-Vertrieb nehmen …

Ähnliche:

  • Auf zur »Säuberung« der Partei vom Marxismus – Gregor Gysi wird ...
    07.12.2019

    Der Mann mit dem Besen

    Am 8. Dezember 1989 trat der letzte Parteitag der SED zusammen. Gregor Gysi wurde zum neuen Vorsitzenden gewählt
  • Ken Jebsen im November 2015 während seines Auftritts bei »Wir si...
    14.12.2017

    Kens Welt

    Dem »alternativen Journalisten« Jebsen ist es gelungen, Verbündete im linken Milieu zu finden. Dabei ist sein Programm alles andere als aufklärerisch

Regio:

Mehr aus: Inland