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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Aber etwas geht verloren

Historisches Musizieren: Reinhard Goebels CD-Projekt »Beethovens Welt«
Von Stefan Siegert
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Ausnahmsweise nicht im Orchestergraben: Münchner Rundfunkorchester

»Beethovens Welt« steht versal über Reinhard Goebels Projekt einer Serie von CDs mit Musik der Beethovenzeit. Beethovens Welt bestand zwar sicher aus mehr als nur aus Musik. Aber einmal zu hören, was, während der im Winter 1792 aus Bonn Zugereiste zum Maß aller Dinge heranwuchs, in Wien noch so komponiert wurde – auch nicht übel.

Das Eröffnungsstück der neuesten Folge stammt von Beethoven selbst. Den 1792 entstandenen, Fragment gebliebenen Satz eines Violinkonzerts hat er noch in Bonn komponiert. Wer das Stück hört, fragt sich allerdings, ob das ephemere Frühwerk 1879 vom Wiener Dirigenten und Geiger Joseph Hellmesberger nicht etwa nur »vervollständigt«, sondern auch bearbeitet wurde. Es klingt im Orchester öfter nach einer Ästhetik, die erst im 19. Jahrhundert Hellmesbergers entstand, nicht am Ende eines 18. Jahrhunderts, in dem der junge Beethoven aufwuchs.

Möglich aber auch, dass dieser Eindruck mit Reinhard Goebels Entscheidung zusammenhängt, die Idee historisch informierten Musizierens seit Jahren nur noch mit konventionellen Sinfonieorchestern zu verwirklichen, die vom Orchesterklang und von der großen Besetzung des »romantischen« 19. Jahrhunderts geprägt sind. Allerdings wurde Beethovens früher Versuch eines Violinkonzerts und alle weiteren Werke dieser CD mit der durchweg nicht mehr als um die 25 Musiker umfassenden Hoforchesterstärke der Jahrhundertwende im Sinn komponiert. Goebel als einer der bedeutenden Pioniere historischen Musizierens in der alten BRD tut seit Jahren, was vor ihm schon andere Protagonisten dieses inzwischen hegemonialen Konzepts taten: Er bereichert die auf modernen Instrumenten und in Besetzungsgrößen von mindestens 50 Musikern spielenden Sinfonieorchester um die Durchhörbarkeit, Präzision, die Lebendigkeit und Sorgfalt historischen Musizierens.

Das gelingt ihm. Er hat komplette Solisten zur Verfügung, allen voran die junge Geigerin Sarah Christian mit kraftvoll geschmeidigem Ton, frischem Vibrato, beeindruckend sicherer Intonation. Der in Goebels Projekt gewollte Vergleich der Musik Beethovens mit der Produktion zeitgenössischer Kollegen hebt die Fortschrittlichkeit des rheinischen Wiener Klassikers deutlich von seinen musikalischen Zeitgenossen ab. Denn die anderen, mit Ausnahme des 20 Jahre nach ihm geborenen, zwei Jahre vor ihm gestorbenen Böhmen Jan Vaclav Vorisek, sind – auf oft durchaus hörenswerte Weise – über Haydn (1732–1809) und Mozart (1756–1791) nicht hinausgekommen.

Zum Solo für Horn und Orchester Antonin Reichas ließe sich bedauernd feststellen: es klingt, wenn auf einem Ventilhorn geblasen, verschenkt, ein Instrument, dessen Eigenart Beethoven chronologiebedingt nicht kennen konnte. Und überhaupt verlieren sich die Proportionen des wienerklassischen Orchesterklangs im opulenten Klang eines – zu – großen Sinfonieorchesters. Etwas geschieht da, vergleichbar der Wirkung klassizistischer Staatstempel des 19. Jahrhunderts: Deren Erbauer meinten offenbar, die Ästhetik des im Original faszinierend klein wirkenden Parthenon der Athener Akropolis zu steigern, wenn sie seine Dimensionen steigerten. Goebel arbeitet in diesem Fall an der Quadratur des Kreises.

Über Voriseks Grande Rondeau in der Besetzung eines Tripelkonzerts könnte eins mit Goebels Bookletworten ins Grübeln kommen: Hat Vorisek die konzertante Besetzung nicht tatsächlich besser in den Griff bekommen als Beethoven in seiner Version des Tripelkonzerts? Goebels Booklettext ist wie immer eine solistische Meisterleistung. Man möchte ihm einfach wünschen, dass – bei aller Belesenheit und Detailkenntnis – sein unermüdlicher Kampf mit der Parenthese lektoral mutiger unterstützt wird. Aber sonst? Ein feiner, wenn auch verspäteter Beitrag zum Beethovenjahr.

Münchner Rundfunkorchester/Reinhard Goebel: »Beethovens Welt Vol. 5. Beethoven, Wranitzky, Reicha, Vorisek« (Sony Classical)

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