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Aus: Ausgabe vom 10.02.2021, Seite 16 / Sport

»Wir sind keine Roboter«

Zum Tod des argentinischen Stürmers Santiago »Morro« García
Von André Dahlmeyer
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Ruhe in Frieden, Morro! Fans haben vor der Zentrale von Garcías Exverein Nacional Montevideo Blumen und Bilder aufgestellt

Santiago »Morro« García ist tot. Der 30jährige Stürmer des argentinischen Club Deportivo Godoy Cruz Antonio Tomba wurde am Sonnabend leblos in seiner Wohnung aufgefunden. Offenbar hat er sich selbst mit einer 22er getötet.

García war zuletzt in psychiatrischer Behandlung. Seit über einem Jahr konnte er seine kleine Tochter, die in Montevideo lebt, nicht sehen, sein Heimatland Uruguay hat alle Grenzen geschlossen. Laut der Zeitung El Sol hatte der Fußballer tagelang weder Anrufe noch andere Nachrichten beantwortet, weshalb ein Freund den Notruf angerufen hatte. Sein Team befand sich in Buenos ­Aires, um gegen die Argentinos Juniors zu freundschafteln, als Vorbereitung auf die am Freitag beginnende Meisterschaft der Primera División.

»Morro« spielte fünf Jahre bei Godoy Cruz. In 122 Spielen machte er 51 Einlochungen und gab zehn Torvorlagen. Damit ist er der Rekordtorjäger des Vereins (in Erstligazeiten, seit 2008 ununterbrochen), der im Juni sein 100jähriges Jubiläum feiert. 2018 erreichte Tomba mit der Vizemeisterschaft die beste Platzierung der Vereinsgeschichte, García war Torschützenkönig. Vergangene Saison (endete im März) gab es mit dem letzten Rang (von 24) die schlechteste Platzierung.

Seit Dezember befand sich García in einem öffentlichen Konflikt mit der Vereinsleitung. José Mansur, Präsident des Klubs, schimpfte: »Sein Zyklus im Klub ist beendet! Wir brauchen positive Führungsspieler. Wir hatten negative. Die Jüngeren müssen unterstützt und nicht schlecht behandelt werden. Wenn du nicht in den Kraftraum gehst und die sportmedizinischen Untersuchungen sabotierst, kannst du kein Vorbild sein, das Ego der Jüngeren wird unterhöhlt. So ein Verhalten ist unprofessionell.« García litt an einer schweren Depression, sein letztes Tor hatte er im Februar 2020 erzielt, und als die Grenzen geschlossen wurden, drehte er wegen seiner Tochter mental durch. Sein Vertrag lief zwar noch bis zum 30. Juni, doch er wurde vom Team isoliert. In einem seiner seltenen Interviews bemerkte García gegenüber Radio Nihuil: »Wir Spieler sind keine Roboter, keine Maschinen, uns geschehen Dinge, die uns beeinflussen, wie alle anderen auch.«

García wuchs im Hochhausghetto »Complejo América« im Norden Montevideos auf. »Statt Fußballer hätte ich auch Arbeiter werden können – das einzige, wofür ich taugte, war Wände einzureißen.« Den Spitznamen erhielt er in Anlehnung an die Köhlerschildkröte, deren Grundfarbe schwarz ist. 2008 debütierte er bei Nacional Montevideo. Als ihm sein erstes Tor im Lokalderby gegen Peñarol gelang, versuchten Nachbarn das Haus seiner Oma abzufackeln. 2009 spielte er die U20-WM in Ägypten. In Uruguay wurde er zweimal Meister (mit Nacional) und zweimal Torschützenkönig (einmal mit Nacional, einmal mit River Plate Montevideo). 2011 wurden ihm bei einer Dopingprobe Metaboliten von Kokain nachgewiesen. Er wurde nie müde zu versichern, man habe ihm »das Bett gemacht« (ihn reingelegt). Legendär ist ein Freundschaftsspiel zwischen Nacional und Peñarol von Anfang 2014, bei dem sich die Kicker so prügelten, das viele von ihnen, darunter El Morro, die Nacht in einem Gebäude des Geheimdienstes verbringen durften.

Am 22. Januar wurde er positiv auf Covid-19 getestet und komplett isoliert. Das letzte Mal, das er seinen Instagram-Account benutzte, war am Todestag Maradonas – er postete ein Foto von ihm und Gott. Psychologische Betreuung gilt im argentinischen Fußball als verpönt. Nur fünf oder sechs der 26 Erstligaklubs bieten sie ihren Angestellten an. Ruhe in Frieden, Morro!

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