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Aus: Ausgabe vom 26.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die Angst abschütteln

Sebastian Barrys Roman »Tausend Monde« über den tiefsitzenden Rassismus gegen die amerikanischen Ureinwohner
Von Jürgen Schneider
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In ständiger Gefahr: Zeichnungen von Lakota Sioux

»Ich dachte, so ein kleines Ding wie mein Genick werde schnell brechen. Ich dachte an die Soldaten, die auf meine Mutter eingehackt hatten. Was sie uns angetan hatten, galt in Amerika als höchst ehrenwert.« Wir sind fast am Ende des Romans »Tausend Monde« von Sebastian Barry, und diese Gedanken sind die der jungen Lakota-Indianerin Winona, nachdem sie wegen Mordes zum Tode verurteilt worden war. Sie weiß: »In Amerika brauchst du nur so auszusehen, als hättest du etwas Unrechtes getan – warst du arm, hingst du schnell am nächsten Baum.« Winona heißt eigentlich Ojinjintka, das bedeutet »Rose«. Doch ihre Adoptiveltern, die Exsoldaten Thomas McNulty und John Cole, gaben ihr den neuen Namen, weil der ihnen leichter von der Zunge ging. Die beiden Schwulen, die sich des jungen Mädchens liebevoll annahmen, ihr ein starkes Gefühl von Geborgenheit und Respekt geben, kennen wir bereits aus dem vorherigen Opus des irischen Schriftstellers Barry, »Tage ohne Ende« aus dem Jahr 2018, erzählt aus der Ich-Erzähler-Perspektive des irischen Emigranten McNulty. Die drei leben auf der kleinen Farm des einstigen soldatischen Kameraden von John und Thomas, Lige Magan, außerhalb des Ortes Paris im Henry County, Tennessee. Zum Haushalt gehören auch Rosalee und Tennyson Bouguereau, ein schwarzes Geschwisterpaar, einstige Sklaven. Der Amerikanische Bürgerkrieg war ein paar Jahre zuvor zu Ende gegangen. Auf der Farm verdienen sie ihr Geld mit Tabakanbau, in ständiger Gefahr, von einem marodierenden weißen Konföderierten-Mob attackiert zu werden.

In »Tausend Monde« ist Winona die Ich-Erzählerin. Barry verleiht ihr eine lyrische, jugendlich unschuldige Stimme samt einer Erinnerung an die an ihrem Volk verübten Greuel. Winona trifft sich mit dem Verkäufer Jas Jonski, dessen Erscheinung »der Unterseite eines Baumstammes glich, wenn man ihn aufgerichtet hat«. Eigentlich will sie nur erleben, wie sein Kuss auf ihrem Munde schmeckt. Doch eines Tages kehrt sie nach einem Rendezvous mit Jas voller Blutergüsse zurück, »unten herum« bestand sie »nur noch aus Lumpen und Fetzen«. Winona schämt sich dafür, dass Rosalee sie säubern muss. »Ich war geradezu starr vor Scham. Ich konnte nicht darüber reden, nicht einmal zu mir selbst. Und so dachte ich: Statt zu reden, werde ich die Sache selber in die Hand nehmen.« Sie erinnert sich an die Unerschrockenheit ihrer Mutter, die ihr gezeigt hatte, »wie man die Angst abschüttelt und den Mut von tausend Monden zusammennimmt«.

Für die Winona angetane Brutalität interessiert sich außer der Patchworkfamilie auf Magans Farm sowie dem Anwalt Briscoe, dessen Bücher Winona führt, niemand. Eine Lakota-Indianerin gilt in Tennessee nicht als menschliches Wesen, sondern als außerhalb des Zivilrechts stehend oder als gesetzlos, wie Briscoe es formuliert. Sie ist ein »Schädling«, der aus der Welt geschafft werden muss, wie der zum Sheriff avancierte Parkman, der über Insiderwissen zum Mord verfügt, später tönt. »Wir waren ein Nichts – wenn man uns tötete, tötete man ein Nichts, und es bedeute nichts«, konstatiert Winona.

Da Jas und sie dem Whiskey zugesprochen hatten, ist ihre Erinnerung an die Tat in diesem ertränkt. Die Frage, ob Jas die Schändung beging, quält sie. Die Situation eskaliert, als Tennyson Bouguereau bei einem rassistischen Überfall brutal zusammengeschlagen wird und das Haus von Anwalt Briscoe in Flammen aufgeht.

Während ihrer gerechten Mission für Tennyson und sich selbst lernt Winona Peg kennen, eine Chickasaw-Indianerin. Die Lakota, so grübelt sie, wären eventuell gar nicht froh, eine Chickasaw zu sehen. Doch Winona und Peg verlieben sich heftig ineinander. Winona erzählt Peg ihre Geschichte und macht sie so zu ihrer »Anwältin«.

Eines Tages wird Jas Jonski leblos aufgefunden, getötet durch 20 Messerstiche. Winona gerät in Verdacht, die Mörderin zu sein, und wird verhört. Nach dem Verhör gesteht ihr Peg, sie sei aus Wut nach Paris geritten, um Jonski zu bestrafen: »Ich habe dich leiden sehen. Was mich antrieb, war Wut. Ein Wunsch, dem ich mich nicht widersetzen konnte: Gerechtigkeit für das Mädchen, das ich liebe.« Von dummen Jungen habe sie erfahren, wo Jonski wohnt. Sie habe dort ins Fenster geschaut und ihn quer auf seinem feuchten kleinen Bett liegen sehen: »Und beim Himmel!, überall Blut. (…) Und ich denke, jemand hat die Tat getan, jemand hat die Arbeit getan, die getan werden musste.« Winona fleht Peg an, niemandem von ihrem nächtlichen Ausritt zu erzählen, aus Angst, dass sie aufgeknüpft werden könnte. Schließlich landet Winona wegen Mordes vor Gericht und wird verurteilt. Ein Fehlurteil, wie sich herausstellt, doch das Ende soll hier nicht verraten werden.

Sebastian Barry zeigt beispielhaft, sprachlich elegant und facettenreich den tiefsitzenden, bis in unsere Tage virulenten Rassismus in den USA gegenüber den indigenen Völkern sowie gegenüber den Schwarzen auf, wobei er die doppelte Gewalt gegen eine junge Frau der Native Americans in den Mittelpunkt rückt. Sein Gegenmodell ist eine multiethnische, von Respekt, Liebe und gegenseitiger Hilfe geprägte Gemeinschaft, die gerne auch queer sein darf. Das verübte Unrecht, so lässt er Winona sagen, verlange nach ausgleichender Gerechtigkeit: »Etwas zu tun, um Dinge unverzüglich wiedergutzumachen. Das wollte man. Selbst wenn es bedeutete, jemanden zu töten. Andernfalls hätte noch viel Schlimmeres bevorgestanden.«

Sebastian Barry: Tausend Monde. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Steidl-Verlag, Göttingen 2020, 254 Seiten, 24 Euro

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