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Aus: Ausgabe vom 21.01.2021, Seite 12 / Thema
Geschichte Italiens

Historische Lösung

Vor 100 Jahren wurde die Kommunistische Partei Italiens gegründet
Von Gerhard Feldbauer
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Hier kam es zum Bruch, die revolutionären Delegierten zogen aus und gründeten den Partito Comunista d’Italia: Der Teatro Goldoni in Livorno während des XVII. Parteitags des Partito Socialista Italiano im Januar 1921

Bei Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 lief die übergroße Mehrheit der Führungen der Parteien der Sozialistischen (Zweiten) Internationale auf die chauvinistischen Positionen der Vaterlandsverteidigung ihrer Imperialisten über. Die Organisation brach damit de facto zusammen. Auf der Grundlage des Bruchs mit den Opportunisten trat Lenin für die Bildung einer neuen, kommunistischen Internationale ein. In seiner Schrift »Der Krieg und die russische Sozialdemokratie«, die der Schweizer Sozialdemokrat am 1. November 1914 veröffentlichte, schrieb er: »Die proletarische Internationale ist nicht untergegangen und wird nicht untergehen. Die Arbeitermassen werden trotz aller Hindernisse eine neue Internationale schaffen.«¹

Vom 5. bis 8. September 1915 trafen dazu in Zimmerwald (Schweiz) 38 Delegierte aus elf Ländern zusammen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Gruppe der Internationalisten und revolutionären Marxisten unter Führung Lenins mit den Kautskyanern und ihren Sympathisanten, die der deutsche Sozialdemokrat Georg Ledebour anführte. Während der Beratungen bildete Lenin die berühmte »Zimmerwalder Linke«, die auf den weiteren Verlauf der revolutionären Antikriegsbewegung großen Einfluss nahm. Der Aufruf an die Arbeiterinnen und Arbeiter, sich gegen den Krieg zu erheben, endete mit den Worten: »Proletarier aller Länder vereinigt Euch.« Der Zusammenschluss der revolutionären Sozialisten war für Lenin »eine der wichtigsten Tatsachen und einer der größten Erfolge der Konferenz«.² Vom 24. bis zum 30. April 1916 fand im Schweizerischen Kienthale eine weitere Tagung statt, auf der die Linie des revolutionären Kampfes gegen den Krieg vertieft wurde.

Nach Kriegsende beschleunigte sich der Prozess der endgültigen Loslösung von den sozialdemokratischen Parteien. Ein bedeutendes Signal gab am 30. Dezember 1918 die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Am 2. März 1919 trafen sich in Moskau 52 Delegierte von 35 bis dahin in Europa, Amerika und Asien entstandenen kommunistischen Organisationen, die bis zum 6. März in Moskau die Gründung der III. Kommunistischen Internationale (Komintern) berieten und an diesem Tag verkündeten. In seinem Referat »Über die Aufgaben der III. Internationale« arbeitete Lenin die zwingende Notwendigkeit des Bruchs mit den Opportunisten heraus. Schonungslos rechnete der Führer der Bolschewiki »mit dem Verrat der Arbeiterführer an der Sache der Arbeiter«, »an der Revolution«, »am Sozialismus« ab, entlarvte sie als »Agenten des internationalen Imperialismus, die innerhalb der Arbeiterbewegung tätig sind, die in ihr den bürgerlichen Einfluss, die bürgerlichen Ideen, die bürgerliche Lüge und die bürgerliche Demoralisation verbreiten«. Gegen sie sei »ein unentwegter und unversöhnlicher Kampf notwendig«, um sie »aus der Arbeiterbewegung hinauszujagen«. Wir werden, so Lenin, »unsere sozialistischen Prinzipien wiederherstellen« und »eine wirkliche aktive Internationale« aufbauen, »die in der Periode der Revolution und des Neuaufbaus, die wir durchschreiten werden, der sozialistischen Bewegung hilft«, ihre Aufgaben zu erfüllen.³

Gut zwei Jahre nach Gründung der KPD gründeten die revolutionären Linken Italiens am 21. Januar 1921 – also relativ spät – die Kommunistische Partei Italiens (PCI), obwohl sie dazu mit ihren starken Positionen bereits in der Periode der revolutionären Nachkriegskämpfe 1919 in der Lage gewesen wären. Das lag daran, dass Antonio Gramsci zunächst versuchte, die Sozialistische Partei (PSI) in eine »Revolutionäre Partei des Proletariats« umzuwandeln. Obwohl er dabei zunächst auf den Namen »Kommunistische Partei« verzichtete, ging es um den Bruch mit dem Opportunismus und um eine ihrem Charakter nach kommunistische Partei. Dafür gab es zunächst durchaus günstige Bedingungen.

Bruch mit den Reformisten

Im Ergebnis der relativ spät einsetzenden kapitalistischen Entwicklung hatte sich in Italien die Arbeiterbewegung erst seit Anfang der 1860er Jahre formiert, was auch dazu führte, dass sich aufgrund des ökonomischen Rückstands keine mit den deutschen Verhältnissen vergleichbare Arbeiteraristokratie herausbildete.

Erst 1892 entstand in Genua die einheitliche Sozialistische Partei⁴ (PSI), aus der 1912 die offenen reformistischen Mitglieder ausgeschlossen wurden, die daraufhin den Partito Socialista Riformista Italiano gründeten. Eine Gruppe gemäßigter Reformisten blieb, vermochte aber nicht, die Partei zu beherrschen. Mit rund 250.000 Mitgliedern stieg der PSI bis 1906 zur drittstärksten Arbeiterpartei Europas auf. Bauernaufstände auf Sizilien 1894 und Barrikadenkämpfe in Mailand 1898 vermittelten lehrreiche Erfahrungen und stärkten die Kampfkraft. 1904 erzielten die Sozialisten 20 Prozent aller Wählerstimmen, sie bekamen aber auf Grund des reaktionären Wahlsystems in der Abgeordnetenkammer nur fünf Prozent der Sitze.

Bei Beginn des Ersten Weltkriegs bezogen die italienischen Sozialisten als einzige westeuropäische Sektion der Zweiten Internationale Antikriegspositionen. Bereits im Juni 1914 hatten die revolutionären Linken mit machtvollen antimilitaristischen Arbeiteraktionen auf den drohenden Weltkrieg aufmerksam gemacht und im PSI-Vorstand wie im Gewerkschaftsbund Confederazione Generale del Lavoro (CGdL) einen Aufruf zum Generalstreik durchgesetzt. In Rom, Turin, Mailand, Genua, Florenz und Ancona kam es zu bewaffneten Erhebungen der Arbeiter und zu Barrikadenkämpfen. In den Regionen der Romagna und den Marken riefen die Aufständischen die Republik aus. Bei der Niederschlagung der Aufstände durch mehr als 100.000 Soldaten gab es zahlreiche Tote und Verletzte.

Die Antikriegshaltung des PSI trug dazu bei, dass Italien nach seinem Wechsel des Bündnisses vom Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn auf die Seite der Entente erst im Mai 1915 in den Krieg eintrat. Mit ihrer Ablehnung der Kriegskredite bewiesen die italienischen Sozialisten außerordentlichen Mut. Denn der Exsozialist Benito Mussolini hatte in seinem von den führenden Kreisen der Rüstungsindustrie (Ettore Conti, Elektroindustrie; Guido Donegani, Chemie; Giovanni Agnelli, Fahrzeugbau, Rüstung; Alberto Pirelli, Reifen und Gummi) finanzierten Kampfblatt Popolo dItalia vor der Parlamentsabstimmung über den Kriegseintritt gehetzt, die Abgeordneten, die noch nicht zum Kriegseintritt entschlossen seien – das waren vor allem die Sozialisten –, »sollten vor ein Kriegsgericht gestellt werden«, und für »das Heil Italiens« seien, wenn notwendig, »einige Dutzend Abgeordnete zu erschießen«, andere »ins Zuchthaus zu stecken«.⁵

Ihre Antikriegsposition behaupteten die Sozialisten während des ganzen Krieges gegen die Versuche der Reformisten, sie zur Aufgabe zu bewegen. Ihre Haltung bildete, wie Lenin schrieb, »eine Ausnahme für die Epoche der II. Internationale«.⁶ Bei Kriegsbeginn hatten die Reformisten zunächst eine neutrale Position bezogen und am 20. Mai 1915 noch gegen die Kriegskredite gestimmt, waren danach indes auf sozialchauvinistische Positionen übergegangen und hatten den Kriegseintritt unter der Losung des Kampfes der »demokratischen« gegen die »autoritären« Staaten unterstützt. Leonida Bissolati vom Partito Socialista Riformista Italiano trat als Minister ohne Portefeuille in die Regierung ein. Die »gemäßigten Reformisten« unter Filippo Turati innerhalb des PSI fügten sich bis 1917 der Antikriegsposition der Mehrheit. Als im Oktober/November 1917 deutsch-österreichische Truppen am Monte Grappa und am Piave die italienische Front durchbrachen und die 700.000 kriegsmüden italienischen Soldaten flohen, bezogen auch Turati und seine Leute sozialchauvinistische Positionen und riefen zur Vaterlandsverteidigung auf. Als Österreich am 4. November 1918 vor der Entente kapitulierte, gehörte Rom zu den Siegern und forderte seine Kriegsbeute ein. Turati trat gegen den Beschluss des PSI-Vorstandes in die italienische Regierungskommission zur Vorbereitung eines imperialistischen Friedens ein.

Gegen Hungersnot, für Frieden

Mit Gramsci an der Spitze nahmen die Linken im August 1917 die russische Februarrevolution als Anlass, die Arbeiter gegen Hungersnot und für Frieden zu mobilisieren. Die Arbeiter setzten den reformistischen Turiner PSI-Vorstand ab und wählten eine neue Leitung mit Gramsci an der Spitze. Die Proteste mündeten wiederum in Barrikadenkämpfe, bei denen etliche Arbeiter getötet, noch viel mehr verwundet und Tausende verhaftet wurden. Erst nach vier Tagen gelang es der Armee, die Erhebung niederzuschlagen.

Der Turiner Aufstand war ein Vorspiel der 1919 einsetzenden revolutionären Nachkriegskämpfe, in denen die linke Fraktion die PSI-Führung zunächst dominierte. Diese begrüßte mehrheitlich die russische Oktoberrevolution und verkündete, der Kommunistischen Internationale beizutreten. Im August/September 1920 besetzten die Arbeiter alle großen Betriebe in Norditalien, wählten Fabrikräte, übernahmen die Leitung der Produktion (die sie trotz Sabotage des größten Teils des technischen Personals durchweg zu 70 Prozent aufrechterhielten) und bildeten bewaffnete Rote Garden zur Verteidigung der Unternehmen. Im Süden nahm die Inbesitznahme von Ländereien der Latifundistas teilweise Massencharakter an. Die Regierung musste durch ein Dekret das Vorgehen der Bauern legalisieren.

Die reaktionärsten Kreise erkannten die Gefahr und begannen, auf den Exsozialisten Mussolini zu setzen. Im März 1919 gründete dieser zum Kampf gegen die erstarkende revolutionäre Arbeiterbewegung faschistische Kampfbünde, aus denen 1921 der Partito Nazionale Fascista (PNF) hervorging.

In den Arbeiterkämpfen wurde das Fehlen einer einheitlichen revolutionären Führungskraft immer deutlicher. Die Linken im PSI versuchten nun, den Reformismus zu überwinden und die Partei auf einer revolutionären Linie zu einigen. Nach dem Beispiel der im März 1916 von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und anderen Linken in Deutschland gegründeten Spartakusgruppe formierte Gramsci zusammen mit Palmiro Togliatti, Umberto Terracini und Angelo Tasca die revolutionären Linken zur Gruppe Ordine Nuovo (Neue Ordnung), die ab dem 1. Mai 1919 die gleichnamige Zeitschrift herausgab. Es gelang, neben proletarischen Autoren pazifistische Intellektuelle der Weltliteratur wie Romain Rolland, Henri Barbusse, Walt Whitman und Maxim Gorki oder den brillanten liberalen Kulturkritiker Piero Gobetti zu gewinnen.

Entgegen der weitverbreiteten Meinung, er habe sich von Lenin distanziert, war Gramsci »ein Theoretiker der III. Internationale, ein Leninist klassischen Typs, der Vertreter des Konzepts der Weltanschauungspartei«, wie Hans Heinz Holz 1991 anlässlich seines 100. Geburtstages schrieb. Die »Ordinuovisten« definierten sich als Kommunisten und ihr Ziel einer sozialistischen Ordnung als kommunistische Gesellschaft. Sie bekannten sich zur Oktoberrevolution, zur Errichtung einer proletarischen Staatsmacht und forderten den Beitritt des PSI zur Kommunistischen Internationale. Die Fabrikräte mit der Arbeitermetropole Turin als Zentrum wollten sie zu Keimzellen revolutionärer Machtorgane entwickeln. Sie mobilisierten die italienischen Arbeiter am 20. und 21. Juli 1919 zur Teilnahme am internationalen Proteststreik gegen die ausländische imperialistische Intervention in Sowjetrussland und Räteungarn, der die Regierung zwang, auf die Entsendung eines 100.000 Mann zählenden Heeres in die erdölreiche Region Georgien zu verzichten und die in Sibirien und im Fernen Osten stehenden italienischen Interventionstruppen abzuziehen.

Lenins Warnung

Auf dem PSI-Parteitag im Oktober 1919 im roten Bologna konnten die Ordinuovisten ihre Forderungen weitgehend im Parteiprogramm durchsetzen. Lenin wertete das als einen »glänzenden Sieg des Kommunismus«, wünschte »viel Erfolg« und prophezeite: »Das Beispiel der italienischen Partei wird von größter Bedeutung für die ganze Welt sein.« Gleichzeitig warnte er vor Illusionen. »Die offenen und verkappten Opportunisten, die in der italienischen Partei unter den Parlamentariern so zahlreich sind, werden zweifellos die Beschlüsse des Parteitages von Bologna zu umgehen und zu durchkreuzen versuchen. Der Kampf gegen diese Strömung ist noch längst nicht beendet.«⁷

Die Warnung bestätigte sich, als die Partei einen Monat später bei den ersten Nachkriegswahlen ihre Stimmen gegenüber 1913 verdreifachte und 156 der insgesamt 508 Sitze in der Abgeordnetenkammer errang. Davon profitierten jedoch vor allem die Reformisten. Diese wie auch die Zentristen traten nunmehr offen für einen Kompromiss mit dem Kapital ein. Die Arbeiterkontrolle der Fabrikräte definierten sie als »konstruktive Zusammenarbeit« mit den Unternehmern und wandten sich gegen »revolutionäre Aktionen«, was bewirkte, dass die Fabrikräte sich auflösten oder mit Hilfe der Polizei zerschlagen wurden. Von diesen Leuten ging keine unmittelbare Gefahr mehr für die kapitalistische Herrschaft aus. Diese drohte jedoch von den sprunghaft wachsenden revolutionären Arbeiteraktionen. Millionen streikten nicht mehr nur für die Verbesserung ihrer materiellen Lage, sondern für den Sturz der Ausbeuterordnung. Die Auseinandersetzungen fanden im Klima des von Mussolini mit seinen faschistischen Kampfbünden entfesselten Terrors zur Verhinderung einer möglichen linken Machtergreifung statt.

Gramsci gab noch nicht auf. Mit einem am 8. Mai 1920 in Ordine Nuovo veröffentlichten »Programm für die Erneuerung der Sozialistischen Partei« unternahm er einen weiteren Versuch, den PSI in eine »Partei des revolutionären Proletariats« umzuwandeln, die für »die Zukunft einer kommunistischen Gesellschaft« eintrat. Das war eine Kompromissformel, mit der er auf den von den Zentristen abgelehnten Namen »Kommunistische Partei« verzichtete. Der Kern der Forderungen blieb jedoch der Bruch mit dem Opportunismus. Lenin billigte das Vorgehen Gramscis. In seiner Rede »über den Kampf innerhalb der Italienischen Sozialistischen Partei« ging er davon aus, dass in Italien der Sturz des bürgerlichen Kabinetts und die Bildung einer linken Regierung eine reale Möglichkeit bildeten. Für diesen »Sieg der Revolution in Italien« sei, wie er hervorhob, unbedingt notwendig, dass »die Vorhut des revolutionären Proletariats in Italien eine wahrhaft kommunistische Partei wird«. Sie müsse »die größte Standhaftigkeit, Umsicht und Kaltblütigkeit an den Tag legen, um angesichts der bevorstehenden Entscheidungsschlachten zwischen der italienischen Arbeiterklasse und der Bourgeoisie um die Staatsmacht die Verhältnisse im allgemeinen und den geeigneten Zeitpunkt im besonderen richtig einschätzen.«⁸

Mit dem Programm setzte Gramsci die 21 Aufnahmebedingungen des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale von 1920 auf die Tagesordnung, in deren Punkt sieben es hieß: »Die Parteien, die der Kommunistischen Internationale angehören wollen, müssen die Notwendigkeit des vollständigen und absoluten Bruchs mit dem Reformismus und mit der Politik der ›Zentristen‹ anerkennen und diesen Bruch in den weitesten Kreisen der Parteimitgliedschaft propagieren.«

Gemäß den Hinweisen Lenins forderten die Ordinuovisten auf dem XVII. PSI-Parteitag, der am 15. Januar 1921 in Livorno zusammentrat, die Zentristen sollten mit ihnen für den Ausschluss der Reformisten aus der Partei stimmen. Die Zentristen vertraten 98.028 Mitglieder, Ordine Nuovo 58.783 und die Reformisten 14.695. Die Ordinuovisten erwarteten, dass der Vorsitzende der Zentristen, Giacinto Menotti Serrati, der sich vor dem Parteitag wiederholt von den Reformisten distanziert hatte, für ihren Ausschluss eintreten werde. Mit dem Argument, die Einheit der Partei zu wahren, lehnten die Zentristen den Ausschluss der Reformisten jedoch ab. Daraufhin verließen die Ordinuovisten am Morgen des 21. Januar geschlossen das Tagungsgebäude im Goldini-Theater und gründeten im Sankt-Markus-Theater die Kommunistische Partei. Sie nannte sich Partito Comunista d’Italia (PCdI), Sektion der Kommunistischen Internationale. Nach Auflösung der Komintern führte sie ab 1943 den Namen Italienische Kommunistische Partei (PCI).

Zum Generalsekretär wurde Amadeo Bordiga gewählt, der entscheidend zu den Antikriegspositionen des PSI beigetragen hatte. Er setzte sich aktiv für eine revolutionäre Basisarbeit ein, trat jedoch gegen eine Teilnahme an Wahlen auf und lehnte Formen des parlamentarischen Kampfes ab. Er verkannte die faschistische Gefahr und die Notwendigkeit der von Gramsci nach dem Machtantritt Mussolinis im Oktober 1922 vertretenen breiten antifaschistischen Bündnispolitik. Wegen seines Sektierertums und der Massenentfremdung wurde er 1926 aus dem ZK ausgeschlossen. Seine Nachfolge als Generalsekretär trat Gramsci an. Zu den 15 Mitgliedern des Zentralkomitees gehörten bei der Gründung Gramsci, Tasca⁹ und Terracini.¹⁰ Unmittelbar nach dem Parteitag schlossen sich 35.000 der insgesamt 41.000 Jungsozialisten dem PCI an, der so auf fast 100.000 Mitglieder anwuchs. Serrati korrigierte später seine Haltung, wurde Führer der Terzinternationalisten, welche den PSI an die Komintern annähern wollten, brach 1924 mit den Reformisten und trat schließlich dem PCI bei, der ihn in sein Zentralkomitee aufnahm.

Herausragendes Ereignis

Das Entstehen einer kommunistischen Partei in Italien, einem Land, das auf Jahrzehnte revolutionärer Arbeiterkämpfe zurückblickte, war nach der Bildung der KPD das herausragende Ereignis in der westeuropäischen Arbeiterbewegung. Gramsci ist oft nachgesagt worden, er habe die Trennung von den Reformisten als einen großen Fehler gesehen. Das entstellt seine Haltung. Tatsächlich sah er im Misslingen der Umwandlung des PSI in eine revolutionäre Partei des Proletariats »den größten Triumph der Reaktion«.¹¹ Gramsci schätzte grundsätzlich ein, »dass unsere Partei mit ihrem Entstehen endgültig das historische Problem der Bildung der Partei des italienischen Proletariats gelöst hatte«. In dieser Auffassung bestärkten ihn die Erfahrungen der Räterevolution in Ungarn, für die er den Zusammenschluss der Kommunisten und der Sozialdemokraten als einen Faktor betrachtete, der zur Niederlage beitrug. Es war diese Partei, die als bedeutendster Teil der Resistenza zum Sturz Mussolinis und zur Niederlage des Faschismus beitrug.

Anmerkungen

1 Lenin-Werke, Bd. 21. Berlin/DDR 1960, S. 20

2 Lenin: »Ein erster Schritt«. Ebd., S. 394, 396

3 Lenin-Werke, Bd. 29. Berlin/DDR, 1961, S 485–504

4 Sie nannte sich zunächst Partito dei Lavoratori Italiani, ein Jahr später Partito Socialista dei Lavoratori Italiani. 1895 nahm sie den definitiven Namen Partito Socialista Italiano an.

5 Georg Scheuer: Genosse Mussolini. Wien 1985, S. 43

6 Lenin-Werke, Bd. 21. Berlin/DDR 1960, S. 100

7 Lenin: An Genossen Serrati und die italienischen Kommunisten überhaupt. Lenin-Werke, Bd. 30. Berlin/DDR 1961, S. 75

8 Lenin-Werke, Bd. 31. Berlin/DDR 1959, S. 373–385

9 Tasca nahm 1922 am IV. Kongress der Komintern teil, wurde danach Mitglied des Sekretariats des ZK des PCI. 1929 der Fraktionsbildung (Tasca-Gruppe) und Anhängerschaft Bucharins beschuldigt und aus dem PCI ausgeschlossen. Schrieb in Frankreich das bedeutende Werk »Aufstieg des Faschismus in Italien«. Er blieb, wie Ignazio Silone im Vorwort dazu schrieb, »ein Sozialist der alten Garde« und hat sich nie zu Denunziationen gegenüber dem PCI oder der kommunistischen Bewegung hergegeben.

10 Terracini war Delegierter zum III. Kongress der Komintern. Von Mussolinis Sondertribunal 1926 zu 20 Jahren Kerker verurteilt, aktiv in der Resistenza, 1947 Präsident der Konstituente. Bis zu seinem Tod 1983 Mitglied des Senats.

11 Palmiro Togliatti: Reden und Schriften. Frankfurt/M. 1967, S. 165, 183

Gerhard Feldbauer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. September 2020 über den Überfall Mussolinis auf Äthiopien 1935 und die Appeasement-Politik Großbritanniens und Frankreichs.

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