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Aus: Ausgabe vom 18.01.2021, Seite 10 / Feuilleton

Tauerngold und Kreislaufwirtschaft

Von Erwin Riess
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Kathrin Glock, Ehefrau des Waffenproduzenten Gaston Glock, mit »Sex and the City«-Star Kristin Davis (r.)

Am westlichen Ende der Alten Donau, in einem Wasserpark genannten Totarm, beobachteten Herr Groll und der Dozent ein Naturschauspiel. Dutzende Wasservögel versuchten, durch andauerndes Im-Kreis-Schwimmen das Zufrieren der letzten offenen Wasserstelle zu verhindern.

Was Herrn Groll an dem Geschehen so beschäftige, dass er ihn den weiten Weg nach Floridsdorf kommen ließ, fragte der Dozent.

»Ich habe Sie gebeten, mit mir diese Szene zu betrachten, weil sie, wie mir scheint, ein perfektes Spiegelbild der österreichischen Politik abgibt«, erwiderte Herr Groll. »Die Dinge drehen sich im Kreis.«

»Ich höre«, sagte der Dozent.

»Nehmen wir nur den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Straches legendärem Ibiza-Video, das keineswegs eine »b’soffene G’schicht« war, sondern ein detailliertes Putschszenario, das beschreibt, wie aus der Zweiten Republik eine faschistoide Orban’sche Zwillingsrepublik entstehen sollte – mit der Übernahme der größten Boulevardzeitungen, des de facto monopolistischen ORF mit all seinen Fernseh- und Radioprogrammen und der Verschleuderung von Staatsbesitz an eine Gruppe von einschlägig als rechts bekannten Immobilientycoons, Waffenproduzenten und Erbmilliardären.«

»Sozusagen eine zeitgenössische Auflage des k. u. k.-Doppelstaats. Antidemokratisch, antisemitisch und mit viel Staatsoperette«, ergänzte der Dozent.

»Aber auch kleinere Fische durften für die FPÖ spenden«, fuhr Herr Groll fort. »Auf Geheiß des damaligen FPÖ-Verkehrs- und Infrastrukturministers Norbert Hofer wurde ein gewisser Siegfried Stieglitz in den Aufsichtsrat der Autobahnerhaltungsgesellschaft Asfinag entsandt. Der revanchierte sich mit 20.000 Euro, die er an einen der gemeinnützigen patriotischen FPÖ-Vereine spendete. So wie Stieglitz erging es vielen, die mit Hilfe der Strache-Partei gesellschaftlichen und politischen Aufstieg anstrebten. Die FPÖ gewann eine Wahl nach der anderen, da wollte man schnell Mitglied der Siegertruppe werden. Aber die Herrschaften, die so bereitwillig mafiöse Methoden anwendeten, missachteten eine zentrale Mafiaregel. Die famiglia hilft gern und großzügig, aber eines Tages kommt der Tag, da wird der Schützling aufgefordert, sich zu revanchieren. Und eine Ablehnung ist nicht möglich.«

»Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass von einem FPÖ-Verein in einem entlegenen Dorf im entlegenen Osttirol etliche Dutzend Goldbarren gelagert werden«, ergänzte der Dozent. »Zugriff haben nur engste Vertraute und der Häuptling himself. Wundert es Sie, dass in dem entlegenen Dorf immer wieder Ferraris oder Lamborghinis mit italienischen Kennzeichen gesichtet werden?«

»Nazis trauen dem Kapitalismus nicht«, sagte der Dozent. »Sie nutzen ihn zur Machtergreifung, aber sie denken nicht daran, dem Finanzkapital ihr ›Schwarzgold‹ anzuvertrauen. Da greift man lieber auf andere Strukturen zurück und baut Bauernkeuschen zu folkloristisch geschmückten Tresoren um. Auf diese Weise ist der diskrete Zutritt zum Tauerngold jederzeit möglich.«

»Unter den vielen, die von der FPÖ in staatsnahe Betriebe hineingepresst wurden – und sich dafür bedanken mussten – ragt eine schillernde Person heraus, Kathrin Glock, die jugendlich wirkende Ehefrau des greisen Waffenproduzenten Gaston Glock, der seit Jahr und Tag Dutzende Seegrundstücke am halben Wörthersee aufkauft und suizidal graue kasernenartige Apartmenthäuser für vermögende Zweitwohnbesitzer hochziehen lässt. Sie wurde von Norbert Hofer in den Aufsichtsrat der Luftfahrtbehörde Austro Control entsandt. Die Tierschützerin, die sich aber auch für die unsägliche McDonalds-Kinderhilfe und die Spanische Hofreitschule engagiert, trat im Untersuchungsausschuss überaus herablassend und präpotent auf. Daraufhin wurde sie von der grünen Verkehrsministerin aus dem Aufsichtsrat abberufen und muss mit einem vergleichbaren Posten im Glock’schen Imperium Vorlieb nehmen.«

Der Dozent wandte sich von den erschöpften Wasservögeln ab.

»Vor hundert Jahren gab es das schon einmal. Halbseidene Geschäftemacher, Spekulanten, Esoteriker, Nachtklubbesitzer, Waffenschieber und Wehrsportführer prägten die frühen 20er Jahre. Was danach kam, wissen wir ja.«

Herr Groll wendete den Rollstuhl. Schweigend verließen die beiden den Wasserpark.

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