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Aus: Ausgabe vom 17.12.2020, Seite 10 / Feuilleton
Geburtstag

Sie sind doch Achim Detjen!

Dem eigenwilligen Schauspieler und Maler Armin Mueller-Stahl zum 90.
Von F.-B. Habel
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Stand auch im Kalten Krieg auf beiden Seiten: Armin Mueller-Stahl 2010 im »Quatsch Comedy Club«

Er ist noch immer ein faszinierender Mann – heute eher als Maler denn als Schauspieler. Das liegt an seinem eigenwilligen Charakter. Armin Mueller-Stahl, der am heutigen Donnerstag 90 Jahre alt wird, hat sehr unterschiedliche Phasen durchlaufen, an jeder nahm die Öffentlichkeit Anteil. Einem breiten Publikum wurde er 1956 durch seine erste Filmrolle in »Heimliche Ehen« bekannt, sein Konterfei zierte da schon das Filmplakat. Gustav von Wangenheim hatte ihn als jugendlichen Liebhaber besetzt, der war Mueller-Stahl auch (auf der Bühne wie im »richtigen Leben«). Doch das dünnblütige Lustspiel, in dem er neben dem von ihm verehrten Eduard von Winterstein agierte, brachte ihm noch nicht den Durchbruch.

Der folgte 1960 mit Frank Beyers Spanienkriegsdrama »Fünf Patronenhülsen«. Mueller-Stahl spielte einen Franzosen, der, von großem Durst geplagt, halb wahnsinnig wird, den Trupp verlässt und kurz darauf von Faschisten erschossen wird – ein gebrochener Held. An seiner Seite agierte Freund und Konkurrent Manfred Krug. Einmal wären sie fast auch im Film Gegenspieler geworden. Beyer wollte Mueller-Stahl eventuell als Parteisekretär Horrath für »Spur der Steine«, doch der Regisseur zögerte so lange, bis Mueller-Stahl absagte und sich statt dessen für die Hauptrolle in Ulrich Theins Fernsehfilm »Columbus 64« (1966) entschied. Politisch kam es etwa aufs selbe hinaus. Während »Spur der Steine« nach einwöchiger Kinolaufzeit zurückgezogen wurde, wurde der in der Gegenwart der Wismut AG angesiedelte TV-Film gesendet – allerdings nur einmal. Als Freund von Thein erlebte Mueller-Stahl mit, wie der realistische Vierteiler in einer Nachbearbeitung ohne den Regisseur geglättet wurde. »Damals schwor ich mir, nie einen Film als Autor und Regisseur in der DDR zu machen. Die Demütigungen, die Uli erleben musste, wollte ich nicht erfahren«, schrieb er später.

Zum Fernsehstar hatte ihn auch die Rolle eines westdeutschen Fremdenlegionärs im Algerienkrieg im abenteuerlichen Vierteiler »Flucht aus der Hölle« (1960) werden lassen. Ab Mitte der 60er spielte er viele Hauptrollen in Kino- und Fernsehfilmen, darunter die Komödie »Ein Lord am Alexanderplatz« (1967) und der Indianerfilm »Tödlicher Irrtum« (1969). Ein Popularitätsschub kam mit der Agentenreihe »Das unsichtbare Visier«, in der er den DDR-Kundschafter Achim Detjen alias Werner Bredebusch ab 1973 in mehreren Staffeln bis 1976 spielte. Bekannt für seine antifaschistische Einstellung galt Mueller-Stahl nach wiederholter Rückkehrer von Gastspielen im Westen als »parteiloser Kommunist« und erhielt die Rolle mit Zustimmung des MfS von höchster Stelle. Er selbst aber empfand sich als unkorrumpierbaren Freigeist. In seinen Erinnerungen schildert er grotesk, wie er Erich Mielke bei einer Ehrung den Bruderkuss verweigerte. Die nächste Staffel des »Visiers« wurde ohne ihn gedreht. Doch er wurde noch 20 Jahre später am Budapester Flughafen als Detjen alias Bredebusch wiedererkannt. Kollege Robin Williams stand staunend dabei.

Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann war 1976 auch für Mueller-Stahl ein so markanter Einschnitt, dass er nach einigem Zögern einen Antrag auf ein Dauervisum stellte. Das wurde ihm verwehrt, er blieb hart. Ab 1980 lebte und arbeitete er im Westen, spielte in den beiden letzten vollendeten Filmen Rainer Werner Fassbinders, in preisgekrönten Werken von Patrice Chéreau, Andrzej Wajda, Istvan Szabo und Agnieszka Holland. Hollywood-Agent Paul Kohner nahm ihn unter seine Fittiche und vermittelte ihm 1987 eine Hauptrolle in der TV-Serie »Amerika«, womit er im Kalten Krieg die Seiten wechselte. Das kostete ihn die Freundschaft mit Jurek Becker und einigen anderen. Später konnte Mueller-Stahl aber immer wieder wichtige Rollen in Filmen über den deutschen Faschismus spielen, und 1998 wurde er für seine eindringlichen Darstellungen jüdischer Charaktere vom Spertus Institute of Jewish Studies in Chicago mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Dazu passt, dass er in letzter Zeit als Maler an Porträts jüdischer Freunde und Kollegen arbeitete, die demnächst in einer Ausstellung präsentiert werden sollen.

Der Autor hat gerade im Berliner Verlag Neues Leben das Buch »Armin Mueller-Stahl – Im Herzen Gaukler« veröffentlicht. Es hat 288 Seiten und kostet 20 Euro

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Debatte

  • Beitrag von Franz S. aus R. (17. Dezember 2020 um 08:02 Uhr)
    Es zieht sich wie ein roter Faden durch viele Artikel: »Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann« scheint für die junge Welt eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit zu sein.
  • Beitrag von Wieland K. aus N. (17. Dezember 2020 um 10:39 Uhr)
    Der Lapsus Biermann und der »Achim-Detjen-Darsteller«:

    Vielleicht sollte man die Ausbürgerung Biermanns nicht als den größten Fehler der Weltgeschichte hochstilisieren, eine gewaltige politische Fehlleistung der allwissenden alten Herren in der Politikspitze der DDR war das schon. Warum um alles in der Welt musste man dieses trällernde Würstchen Biermann ausbürgern? Eine Praxis aus unseligen deutschen Zeiten!

    Was hat man sich davon versprochen? War die DDR-Gesellschaft nicht so souverän, dass sie diesen Wicht ausgehalten hätte? Musste es der ganz große Hammer sein, um der übrigen Welt mit aufgeblasenen Muskeln zu zeigen: »Guckt mal, was wir im Schlepptau und Schatten der UdSSR alles können?«

    Hätte es nicht ausgereicht, ihm ein Kulturhaus z. B. in Seifhennersdorf zu überlassen für seine zusammengekrampften Reime und Liedchen? Vielleicht noch einen Exklusivvertrag bei Eterna?

    Nein, man musste kraftmeiern.

    Dass es in Künstler- und Kulturschaffendenkreisen dank »kluger Weisheiten« à la Kurt Hager leise grummelte, wusste man. Allerdings schenkte man den Stimmungsberichten der Sicherheitsorgane keinen Glauben. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man wollte ein Windchen organisieren und hat einen Sturm entfacht. Und viele kluge Menschen, darunter viele Kunst- und Kulturschaffende, kehrten enttäuscht der DDR den Rücken. Welch ein gigantischer Erfolg. Das sind konkrete Ergebnisse, wenn es sich Politiker über Jahrzehnte auf ihren Sesselchen in ihren piefigen Büros bequem und gemütlich gemacht haben und vergessen, wie das wirkliche Leben draußen aussieht.

    Aber wem erzähle ich das heute in diesem Lande eigentlich ?

    Wieland König, Neustadt in Holstein
  • Beitrag von Dieter R. aus N. (18. Dezember 2020 um 08:15 Uhr)
    Das Geschäftsmodell von Berufsdissidenten für Regime-Changes besteht darin, Provokationen zu setzen, dann auszuweiten, bis irgendwann reagiert werden muss, um dann als Märtyrer bis Lebensende die große Jammerarie anzustimmen. Die bizarren antikommunistischen Auftritte des Herrn Wolf Biermann mit Schaum vorm Mund dürften Beleg genug sein, dass es notwendig und richtig war, ihn in das Paradies seiner Träume zu überweisen und ihm damit die direkte Möglichkeit für Destabilisierungsversuche im Inneren zu nehmen.

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