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Aus: Ausgabe vom 03.12.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Kommt hier die Arbeiterklasse?

Der linke Fußballklub aus der schwedischen Stahlstadt Degerfors dürfte am Sonnabend in die erste Liga zurückkehren
Von Gabriel Kuhn, Stockholm
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»Was willst du mehr?« Stadion Stora Valla in Degerfors

»Fußballmarxismus« witterte Arbetet, die Zeitung des schwedischen Gewerkschaftsbundes LO, im Jahr 2010. Was war geschehen? Die Linkspartei (Vänsterpartiet) hatte bei den Kommunalwahlen in der kleinen, 7.000 Einwohner zählenden Industriestadt Degerfors ein Rekordergebnis von 48,6 Prozent eingefahren. Landesweit kam die aus der früheren Kommunistischen Partei hervorgegangene Liste auf 5,6 Prozent. Der Grund für den Erdrutschsieg in Degerfors? Die engen Beziehungen der Ortsgruppe zum Fußballverein Degerfors IF (IF für Idrottsförening – Sportverein) und das Versprechen, notwendige Arbeiten am Stadion, dem legendären Stora Valla, aus der Gemeindekasse zu begleichen.

Kein Wunder, dass auch die Fanszene in Degerfors links geprägt ist. Für Ekim Caglar, Autor des Buches »Propagandafotboll«, ist das in Schweden einmalig. Im Gespräch mit der jungen Welt erklärt er: »Dass eine linke Fangruppe den Ton angibt, findet sich sonst nirgends.« Probleme haben die Fans dadurch nicht. »Matto«, einer der Mitgründer der nach den Vereinsfarben benannten Ultras Rossobianco, meint: »Die Linkspartei hat hier seit Ewigkeiten die Mehrheit. Bis ins Jahr 2002 zierten Hammer und Sichel das Logo der Ortsgruppe.« Joakim, ein weiteres Urgestein der Ultras, stößt ins gleiche Horn: »In Degerfors ist es keine Schande, Kommunist zu sein – im Gegenteil.«

Degerfors liegt im Niemandsland Schwedens, auch wenn die Einwohner das nicht so sehen. »250 Kilometer nach Stockholm, 250 nach Oslo, 250 nach Göteborg. Was willst du mehr?« ist eine gängige Erklärung. Ola Toivonen, der bei der WM 2018 Manuel Neuer mit einem akrobatischen Heber düpierte, stammt von hier. Seine Großeltern heuerten, wie viele finnische Arbeitskräfte, in den 1950er Jahren im Stahlwerk an. Dieses und der Fußballverein machen laut Toivonen das Leben in Degerfors aus. Darauf ist man stolz. Als Degerfors IF im Jahr 2014 beim traditionellen Stockholmer Arbeiterverein Hammarby antrat, entrollten die Ultras ein Transparent mit der Aufschrift »Hallo Latte-Macchiato-Trinker! Hier kommt die Arbeiterklasse«.

Degerfors IF wurde 1907 gegründet. Seit den 1930er Jahren mischt der Verein in den höchsten Ligen Schwedens mit. Zweimal, 1941 und 1963, wurde man Vizemeister. Der größte Erfolg kam im Jahr 1993, als Degerfors IF den Landespokal gewann. Im Europapokal der Pokalsieger schied man erst nach hartem Kampf gegen den Titelverteidiger AC Parma aus.

Als Degerfors 1997 aus der höchsten schwedischen Liga, der Allsvenskan, abstieg und sich einige Jahre später gar in der dritten Liga wiederfand, sahen manche das Ende einer Ära gekommen. Der ehemalige Trainer der englischen Nationalmannschaft, Sven-Göran »Svennis« Eriksson, der 29jährig seine Trainerkarriere in Degerfors begonnen hatte, meinte, dass Degerfors mit den Anforderungen des modernen Fußballs nicht mithalten könne. Die Fans teilten seine Ansicht nicht. »Svennis, du irrst dich. Die Zukunft gehört uns!« stand beim folgenden Spiel auf einem Banner zu lesen.

Lange sah es so aus, als sollte ihnen die Saison 2020 recht geben – in Schweden entsprechen die Spielzeiten dem Kalenderjahr. In der siebenten Runde übernahm Degerfors IF in der zweiten Spielklasse die Tabellenführung. Anfang Oktober betrug der Vorsprung auf den zweitplatzierten Halmstad acht Punkte und der auf den Relegationsplatz zehn. Die Rückkehr in die Allsvenskan schien nur noch Formsache zu sein. Schwedens größte Zeitungen schickten ihre renommiertesten Fußballreporter in die Stadt. Ein linker Journalistenkollege schrieb mir, die Geschichte sei »zu schön, um wahr zu sein«.

Nicht nur Linke erlagen der Macht des Fußballmärchens. Viele sind des modernen Fußballs müde. Das Stora Valla ist ein Ort für Nostalgiker; deutsche Regionalligastadien nehmen sich dagegen mondän aus. Ein großer Teil der Degerfors-Spieler wird aus dem näheren Umfeld rekrutiert. Der Zeugwart ist seit 55 Jahren im Amt, das Trainerduo hat gemeinsam 679 Partien für den Verein bestritten, und die Lieblingsband des Mannschaftskapitäns heißt Dire Straits.

Vier Runden vor dem Saisonende war also schon fast alles klar. Erst durch einen in der 88. Minute verwandelten Elfmeter kam der Tabellendritte Jönköpings Södra zu einem schmeichelhaften 1:0 Sieg gegen Nachzügler Norrby und blieb mit acht Punkten zumindest theoretisch in Schlagweite. In Degerfors war man nichtsdestotrotz weiter ganz auf Aufstieg eingestellt. Die Klubleitung diskutierte ihre Pläne für die Rückkehr ins Oberhaus bereitwillig mit schwedischen Journalisten. Dann verlor Degerfors beim Retortenklub AFC Eskilstuna mit 0:2. Halmstad übernahm die Tabellenführung. Jönköpings Södra gewann wieder mit 1:0 und kam bis auf fünf Punkte heran.

Also sollte es das letzte Heimspiel der Saison richten. Das Match gegen GIF Sundsvall wurde aufgrund des lädierten Spielfelds im Stora Valla auf einen Kunstrasenplatz in Örebro verlegt. Zur Halbzeit stand es nur 1:1, doch zu dem Zeitpunkt war Degerfors aufgestiegen, da Jönköpings Södra im Fernduell gegen Trelleborg 0:1 zurücklag. 45 Minuten später hatte Jönköping das Spiel gedreht und Degerfors Auflösungserscheinungen gezeigt: 2:5 hieß es am Ende gegen Sundsvall. Und so droht am 5. Dezember, dem letzten Spieltag, eine der größten Pleiten der schwedischen Fußballgeschichte. Auch wenn Degerfors IF vor der Partie gegen den Tabellenletzten Ljunkskile SK der Relegationsplatz sicher ist: Ein solcher Fall vor dem sicher geglaubten Aufstieg wäre ohne Beispiel. Und in der Relegation würden weder die Statistik noch das psychologische Moment für einen Degerforser Erfolg sprechen.

Über die Gründe des Einbruchs am Saisonende lässt sich nur spekulieren. Kam die Mannschaft durch die Länderspielpause drei Runden vor Schluss aus dem Rhythmus? Sorgten die Coronaerkrankungen im Team für Verunsicherung? Haderte man damit, keines der letzten drei Spiele im eigenen Stadion austragen zu können? Oder kommen die Spieler schlicht nicht damit klar, Protagonisten eines Fußballmärchens zu sein?

Noch ist nicht aller Tage Abend. Am Sonnabend um 17 Uhr wissen wir mehr. Fußballschweden hält den Atem an.

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